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Politik

Gutachten zur Personalbedarfs­messung in der Altenpflege liegt vor

Donnerstag, 6. Februar 2020

/Gina Sanders, stock.adobe.com

Berlin – „Wir brauchen mehr Personal in der Altenpflege – und zwar erheblich viel mehr.“ So umschrieb Heinz Rothgang vom Socium Forschungszentrum an der Universität Bre­men das zentrale Ergebnis seines Gutachtens, mit dem er ein Instrument zur Messung des Personalbedarfs in der Altenpflege vorlegen sollte.

Das Gutachten werde zurzeit noch vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium abgenommen, sagte Rothgang heute auf einem Symposium des japanischen und des deutschen Gesund­heitsministeriums in Berlin. Deshalb könne er noch keine Zahlen zum genauen Bedarf nennen. Ein zweites zentrales Ergebnis des Gutachtens sei aber, dass der Mehrbedarf bei den Pflege­fach­kräften nur relativ gering sei.

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„Einen sehr großen Aufwachs benötigen wir hingegen bei den Assistenzkräften, die zum Beispiel eine zweijährige Ausbildung absolviert haben“, sagte Rothgang. Insofern liege die Fachkraftquote, die das Verhältnis von Fachkräften zu Hilfskräften wiedergibt, dem Gutachten zufolge bei deutlich unter 50 Prozent.

Im Pflegestärkungsgesetz 2 hatte der Gesetzgeber der Selbstverwaltung auferlegt, bis zum Juni 2020 ein Verfahren vorzulegen, mit dem der Personalbedarf in stationären Pfle­ge­einrichtungen gemessen werden kann. Rothgang und sein Team hatten den Auftrag nach einer europaweiten Ausschreibung erhalten.

„Es gibt in der Branche einen Konsens, dass die Pflegeausstattung in den Einrichtungen zu niedrig ist, aber es gab keine harte Evidenz dazu“, sagte Rothgang. So gebe es keine Studien, die einen Zusammenhang zwischen wenig Personal und Qualitätsdefiziten in der Pflege nachgewiesen hätten.

„Wir haben eine umfangreiche Feldstudie in 62 Pflegeheimen mit insgesamt 1.380 Be­woh­nern durchgeführt“, erklärte der Wissenschaftler. „Für eine Woche wurde jede Pflege­kraft bei ihrer Tätigkeit beobachtet. So haben wir verlässliche Daten von 140.000 Inter­ventionen erhalten.“

„Zuvor haben wir überlegt, wieviel Zeit die jeweiligen Interventionen benötigen, wenn sie fachgerecht ausgeführt werden – in Abhängigkeit von den jeweiligen Bewohnern“, fuhr Rothgang fort. „So wird einer Intervention bei einem demenzkranken Patienten ein ande­rer Zeitwert zugeordnet als einem nichtdemenzkranken Bewohner. Am Ende haben wir sowohl einen Soll- als auch einen Ist-Wert für 110 Interventionen erhalten.“

Auf Basis dieser Daten sei ein Algorithmus entwickelt worden. „Wir können nun die Zahl und die Verfassung der Bewohner in das System eingeben und erhalten Werte für die Zeit, die die Betreuung dieser Bewohner in Anspruch nimmt, sowie für die benötigte Qua­lifikation der Pflegekräfte“, sagte Rothgang.

Hinzugerechnet werde noch die Zeit, die die Pflegekräfte für Tätigkeiten benötigen, die sie nicht direkt am Bewohner vollziehen, zum Beispiel Planungsprozesse. Der durch den Algorithmus enthaltene Qualifikationsmix der Pflegekräfte richte sich nach den jeweili­gen Bewohnern einer Einrichtung.

Es muss sich sehr viel verändern

„In den Einrichtungen muss sich sehr viel verändern“, sagte Rothgang. „Die Fachkräfte müssen sich künftig auf ihr Kerngeschäft konzentrieren: Planung, Supervision, Vorbe­halts­aufgaben.“ Viele einfache Tätigkeiten sollten hingegen die Assistenzkräfte über­nehmen.

Rothgang empfahl, die neue Bedarfsbemessung zunächst in einer begrenzten Zahl von Pflegeheimen zu erproben. Ziel der Umsetzung sei es, dass mehr Personal zu einer guten Pflege im Heim führe und dass die Pflegekräfte an ihrem Arbeitsplatz zufriedener seien.

Ein ähnliches Personalbemessungsverfahren hat vor kurzem ein Bündnis aus Deutscher Krankenhausgesellschaft, Deutschem Pflegerat und Verdi auch für den Krankenhausbe­reich vorgeschlagen. Demnach fehlen in der Krankenpflege zwischen 40.000 und 80.000 Pflegekräfte. © fos/aerzteblatt.de

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