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Medizin

Hersteller nennt Preise für Remdesivir in den USA

Dienstag, 30. Juni 2020

/picture alliance, Ulrich Perrey, dpa-POOL

Foster City/Kalifornien – Der Hersteller Gilead hat den Preis für Remdesivir bekannt gegeben. Das erste Virustatikum, für das in klinischen Studien eine – wenn auch begrenzte – Wirksamkeit gezeigt werden konnte, soll in den USA für die staatliche Krankenkassen Medicaid/Medicare 390 US-Dollar pro Ampulle kosten.

Die privaten Krankenversicherer sollen 520 US-Dollar pro Dosis zahlen. Nach einem Bericht der New York Times soll das Mittel bis September für die USA „priorisiert“ werden.

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Der Hersteller begründet den Preis mit den Einsparungen, die die Kliniken durch die viertägige Verkürzung der Erkrankung erzielen würden, die sich in den klinischen Studien ergeben hatte. Die Einsparungen beliefen sich auf etwa 12.000 US-Dollar pro Patient und lägen damit deutlich über den Kosten, die jetzt für eine 5-tägige Behandlung mit Remdesivir anfallen würden, heißt es in der Pressemitteilung.

Einschließlich der doppelten Erstdosis ergeben sich Gesamtkosten von 2.340 US-Dollar pro Patient für Medicaid/Medicare und 3.120 US-Dollar pro Patient für die Privatversicherer. Demnach wäre der jetzige Preis ein Entgegenkommen des Herstellers.

Die Argumentation, nach der sich der Preis neuer Medikamente an den Kosten bisheriger Therapien orientieren darf, haben sich in den letzten Jahren viele Arzneimittelhersteller zu eigen gemacht. Dies hat zu teilweise exorbitanten Preisen für neue Medikamente geführt.

So verlangte Gilead für Sovaldi (Wirkstoff Sofosbuvir), das erste direkt wirksame Virustatikum zur Behandlung der Hepatitis C, anfangs in den USA etwa 1.000 US-Dollar pro Tablette. Die Preisvorstellung richtete sich damals nach den Kosten der weniger effektiven, längeren und nebenwirkungsreicheren Behandlung mit Interferonen.

Die Kosten für die Ausgangsmaterialien betragen jedoch nur einen Bruchteil dieser Preise. Der britische Pharmakologe Andrew Hill schätzte sie für Sofosbuvir auf 68 bis 136 US-Dollar – für den gesamten Zyklus von damals 12 Wochen (Clinical Infectious Diseases 2014; 58: 928-36).

In einer aktuellen Publikation schätzt Hill, dass die minimalen Produktionskosten für die Tagesdosis von Remdesivir 93 Cent betragen (Journal of Virus Eradication 2020; 6: 61-69). Das wären knapp 10 US-Dollar für die ursprünglich vorgesehene 10-tägige Behandlung, die aufgrund neuer Studienergebnisse jedoch auf 5 Tage verkürzt werden kann.

Nach Recherchen des Institute for Clinical and Economic Review (ICER), einer gemein­nützigen Organisation mit Sitz in Boston, würden Generika-Hersteller in Bangladesh und Indien das Medikament für etwa 600 US-Dollar für einen 10-tägigen Zyklus herstellen können.

ICER kommt aufgrund einer traditionellen Kosten-Effektivitätsberechnung auf einen vertretbaren Preis von 4.580 bis bis 5.080 US-Dollar für die Behandlung. Nach der Recovery-Studie, in der das Steroid Dexamethason die Mortalität senkte, verminderte sich der Zusatznutzen einer Remdesivir-Behandlung allerdings auf 2.520 bis 2.800 US-Dollar.

Der Hersteller hat laut der Pressemitteilung mit Generikaherstellern Verhandlungen aufgenommen, die Remdesivir für einen niedrigeren Preis für Entwicklungsländer herstellen sollen.

Der Preis für Remdesivir in Europa steht noch nicht fest. Das Mittel dürfte demnächst zugelassen werden. Die europäische Arzneimittel-Agentur EMA hatte in der letzten Woche grünes Licht gegeben. Eine abschließende Entscheidung der Europäischen Kommission wird für diese Woche erwartet.

Mit der Zulassung stellt der Hersteller die kostenlose Bereitstellung des Wirkstoffes ein. Wann das Mittel in den Handel kommt, bleibt abzuwarten. Nach einem Bericht der New York Times soll das Medikament bis September nur in den USA verkauft werden.

Für die amerikanischen Patienten würde Gilead fast die gesamte Produktion reservieren, schreibt die Zeitschrift. Ein Ökonom der Universität Boston sprach von einer „US-First“-Regelung, wie sie normalerweise nur für Medikamente gegen bioterroristische Anschläge denkbar sei. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #771752
catch-the-day
am Mittwoch, 1. Juli 2020, 01:30

Die Profiteure der Krise

langen immer ungenierter zu und verteilen das Vermögen von unten nach oben.
Avatar #736261
Dr. Peter Pommer
am Dienstag, 30. Juni 2020, 21:18

Pharmapropaganda

Vergessen, die einzige nicht von Gilaed bezahlte Studie aus China, die keine Effekte zeigte, nur die, die Gilaed selbst bezahlt und frisiert hat. Dass sich das DÄ nicht zu schade ist, solche Nachrichten so unkritisch wiederzugeben?!

"In this study of adult patients admitted to hospital for severe COVID-19, remdesivir was not associated with statistically significant clinical benefits."

Quelle: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31022-9/fulltext
LNS

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