StudierenNewsMedizinAltersschwer­hörigkeit ist Folge eines Haarzellverlusts
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Altersschwer­hörigkeit ist Folge eines Haarzellverlusts

Freitag, 31. Juli 2020

/Rido, stock.adobe.com

Boston – Die Altersschwerhörigkeit oder Presbyakusis, die in den „lauten“ Ländern die Hälfte der Bevölkerung im Laufe des Lebens entwickelt, ist nicht wie bisher angenommen auf degenerative Veränderungen in den Stria vascularis zurückzuführen.

Eine Studie im Journal of Neuroscience (2020; DOI: 10.1523/JNEUROSCI.0937-20.2020) zeigt, dass der Hörverlust mit einem Untergang von Haarzellen einhergeht, die bei hohen Lautstärken geschädigt werden und deren Regeneration derzeit Gegenstand der medizinischen Forschung ist.

Die Presbyakusis, die bei den meisten Betroffenen im fünften bis sechsten Lebensjahr­zehnt einsetzt, ist in der Regel eine beidseitige Innenohrschwerhörigkeit. Die Ursache lässt sich schwer erforschen, da Biopsien des Innenohrs kaum möglich sind beziehungs­weise durch Verletzungen die Schwerhörigkeit weiter verstärken könnten. Die Erkennt­nisse zur Patho­physiologie stammen deshalb aus tierexperimentellen Studien, die teil­weise 60 Jahre zurückliegen. Dort wurde beobachtet, dass es im Alter zu einer Degenera­tion der Stria vascularis kommt.

Die Stria vascularis („Gefäßstreifen“) ist ein stark vaskularisiertes Epithel an der Außen­wand des Ductus cochlearis in der Schnecke (Cochlea) des Innenohres. Ihre Funktion ist die Produktion der Endolymphe. Das ist die Flüssigkeit im Ductus cochlearis, in dem sich auch das Corti-Organ befindet, wo die akustisch-mechanischen Reize in Nervensignale verwandelt werden. Diese Transaktion erfolgt über ein Auslenken der Haarzellen.

Die Endolymphe hat einen hohen Kaliumgehalt. Das Spurenelement wird durch Mem­bran­pumpen (NKCC1-Kanal) im Epithel der Stria vascularis in die Endolymphe gepumpt. Eine Hemmung des NKCC1-Kanals, etwa durch das Schleifendiuretikum Furosemid, führt zur Schwerhörigkeit.

Deshalb erscheint es auch plausibel, dass die degenerativen Veränderungen in der Stria vascularis, die in Experimenten an Tieren, etwa der Wüstenrennmaus, beobachtet wur­den, für die Presbyakusis verantwortlich sind – insbesondere weil bei den Tieren keine Beschädigungen der Haarzellen beobachtet wurden.

Die Tiere wurden allerdings in einer geräusch-armen Umgebung gehalten, während die Menschen im Verlauf ihres Lebens immer wieder starken Lärmpegeln ausgesetzt sind. Die Situation der Versuchstiere ist deshalb nicht unbedingt mit der heutiger Menschen zu vergleichen.

Pei-zhe Wu von der Massachusetts Eye and Ear Infirmary in Boston konnte jetzt postmor­tal die Innenohren von 120 Personen untersuchen, bei denen in den Monaten vor dem Tod ein Audiogramm angefertigt wurde.

Bei den meisten Verstorbenen konnten die Forscher mit modernen Mikroskopen Beschä­di­gun­gen an den Haarzellen nachweisen, die mehr als 200 Mal dünner sind als die Kopf­haare. Das Ausmaß der Schäden korrelierte mit den Veränderungen im Audiogramm: Je ausgeprägter die Presbyakusis, desto größer war der Verlust an Haarzellen.

Die Forscher stellen deshalb die Hypothese, dass die degenerativen Veränderungen in der Stria vascularis für den Hörverlust im Alter verantwortlich sind, infrage. Sie vermuten, dass die Presbyakusis eher die Akkumulation von traumatischen Veränderungen an den Haarzellen sind.

Dies ist in zweifacher Hinsicht eine gute Nachricht. Zum einen bedeutet sie, dass eine Presbyakusis durch die Vermeidung von Lärm (und vielleicht auch durch eine gesunde Ernährung, wie jüngst in einer Studie herauskam) vermieden werden kann. Zum anderen wird derzeit intensiv nach Möglichkeiten gesucht, die Regeneration von Haarzellen, die lange als unmöglich eingestuft wurde, zu fördern. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

2. April 2020
Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) haben ihre S2e-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Gedächtnisstörungen bei neurologischen
Leitlinie zu Gedächtnisstörungen bei neurologischen Erkrankungen aktualisiert
30. März 2020
Berlin – Patienten mit einer neurologischen Autoimmunerkrankung wie Multipler Sklerose (MS), Vaskulitiden und anderem sollten ihre immunsupprimierenden oder immunmodulierenden Medikamente keinesfalls
COVID-19: Neurologen warnen vor eigenmächtigem Absetzen von Immuntherapien
5. Februar 2020
Berlin – Die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft (DWG) hat vorgeschlagen, in Deutschland eine Zusatzweiterbildung „spezielle Wirbelsäulenchirurgie“ einzuführen. Das könne helfen, die Qualität der
Fachgesellschaft schlägt Zusatzweiterbildung „Spezielle Wirbelsäulenchirurgie“ vor
4. Februar 2020
Berlin – Eine Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat die S1-Leitlinie „Diagnostik und Differenzialdiagnose bei Myalgien“ vollständig überarbeitet. Die neue Leitlinie ist bis
Leitlinie zur Diagnostik und Differenzialdiagnose bei Myalgien aktualisiert
27. Januar 2020
Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat ihre S2e-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von exekutiven Dysfunktionen bei neurologischen Erkrankungen“ vollständig überarbeitet. Sandra
Leitlinie zur exekutiven Dysfunktionen bei neurologischen Erkrankungen aktualisiert
19. Dezember 2019
Emeryville/Kalifornien – Der Appetitzügler Fenfluramin, der vor 20 Jahren nach vermehrten Herzklappenfehlern vom Markt genommen wurde, hat in 2 randomisierten Studien im Lancet (2019; doi:
Appetitzügler Fenfluramin senkt Anfallsfrequenz bei Dravet-Syndrom deutlich
21. November 2019
Göttingen – Wissenschaftler der Abteilung Zelluläre Neurobiologie der Universität Göttingen sind einem alternativen Erythropoietin-Rezeptor auf der Spur, der möglicherweise Nervenzellen vor dem
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

NEWSLETTER