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Medizin

COVID-19: Immunthrombose in den kleinen Blutgefäßen könnte schwere Verläufe erklären

Dienstag, 4. August 2020

/DIgilife, stock.adobe.com

Erlangen – Eine überschießende erste Reaktion des Immunsystems, bei der neutrophile Granulozyten „Netze“ aus Zellmaterial ins Blutplasma ausstoßen, könnte an den Throm­bo­sierungen in den kleinen Blutgefäßen beteiligt sein, die zu den schweren und bisher kaum zu therapierbaren Komplikationen von COVID-19 gehören.

Aus den jetzt in EBioMedicine (2020; DOI: 10.1016/j.ebiom.2020.102925) vorgestellten Ergebnissen könnten sich neue Behandlungsansätze ergeben.

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Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert nicht nur die Pneumozyten in den Lungenal­ve­olen, was häufig nur eine geringgradige Lungenentzündung auslöst. Entscheidender für den weiteren Verlauf könnten die Vorgänge in den benachbarten kleinen Blutgefäßen in den Lungen (oder auch anderswo) sein.

Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass SARS-CoV-2 die Endothelien infiziert und zerstört. Die Folge ist eine Aktivierung des Immunsystems, zu deren erster Abwehrlinie die neutrophilen Granulozyten gehören.

Diese Zellen haben eine besondere Form der Abwehr, die als „Neutrophil Extracellular Traps“ (NET) bezeichnet wird. Dabei setzen die Zellen ihre Zellbestandteile frei. Darunter befindet sich das Chromatin mit der fadenförmigen DNA sowie zahlreiche Enzyme. Ein Ziel dieser Immunantwort, die erst 2004 entdeckt wurde, scheint es zu sein, Bakterien in dem Netz der DNA-Fäden zu fangen und dann mit den Enzymen anzugreifen.

Moritz Leppkes von der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitarbeiter haben jetzt Hinweise auf einen NET-Angriff bei COVID-19-Patienten gefunden. Zunächst konnten sie zeigen, dass bei COVID-19-Patienten, die auf einer Intensivstation behandelt wurden, die Zahl der neutrophilen Granulozyten erhöht und ihre Aktivität gesteigert war.

Im Blut der Patienten fanden sich Abbauprodukte, die auf eine NET-Bildung hindeuten, sowie „low-density“-Granulozyten, die vermehrt zur NET-Bildung neigen. Schließlich konnten die Forscher die „Netze“ in kleinen Blutgefäßen von Patienten identifizieren, die an COVID-19 gestorben waren. Erkennbar war dort auch eine Schädigung der Endothel­schicht.

Die Schädigung des Endothels durch SARS-CoV-2 bildet nach der jetzt vorgestellten Hypothese den Beginn einer Reaktionskette, die mit der Thrombosierung der kleinen Blutgefäße endet. Zunächst infiziert das Virus die Endothelien. Über den ACE2-Rezeptor dringt das Virus in die Zellen ein und zerstört sie. Die Endothel-Schädigung lockt dann die neutrophilen Granulozyten an, die eine wichtige Rolle bei der Immunabwehr spielen.

Es kommt zur NET-Bildung. Doch statt die Viren zu bekämpfen, provozieren die NET eine Thrombosierung. Die Forschergruppe bezeichnet sie als Immunthrombose, die anders als die normalen Thrombosen die kleinen Blutgefäße verschließt – mit tödlichen Komplika­tionen für die Patienten, da der Gasaustausch in den Lungen zum Erliegen kommt.

Wenn die Hypothese zutrifft, könnte dies Auswirkungen auf die Therapie haben. Die Forscher sehen einen Behandlungsansatz bei schweren COVID-19-Fällen darin, die Zusammenballung der neutrophilen Granulozyten zu hemmen und die vermehrte NET-Bildung zu verhindern. Dabei könnte Dexamethason helfen, das in einer niedrigen Dosierung kürzlich in der RECOVERY-Studie die Sterblichkeit von COVID-19-Patienten gesenkt hat.

Ein weiterer sinnvoller Wirkstoff könnte Heparin sein. Zu den wenig beachteten Eigenschaften des Antikoagulans gehört laut Leppkes, dass es den Abbau von NETs unterstützt und so die Blutzirkulation verbessert. Heparin wird bereits bei COVID-19-Patienten zur Prävention von Thrombosen eingesetzt. Es sei jedoch möglich, dass die Standarddosis nicht ausreicht, um eine Thrombosierung durch die NET zu verhindern. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #703466
agnes.schneider
am Dienstag, 4. August 2020, 18:33

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Wurde schon ein Zusammenhang mit Fakor-V-Leiden untersucht? Es leiden prozentual genügend Menschen an einer Faktor-V-Mutation, damit das hier eine Rolle spielen kann.
LNS

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