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Medizin

SARS-CoV-2: Sorgen um zweite Welle nach Schulferien trotz niedriger Infektionszahlen

Dienstag, 4. August 2020

/Halfpoint, stock.adobe.com

Sydney und London – Das Risiko einer Verbreitung von SARS-CoV-2 an Schulen und Kin­dergärten könnte nach den Erfahrungen, die der australische Bundesstaat New South Wa­les in der ersten Welle gemacht hat, überschaubar sein.

Britische Forscher raten aufgrund ihrer Berechnungen dazu, die Testkapazitäten bei Schulbeginn deutlich zu steigern. Beide Studien wurden in Lancet Child & Adolescent Health (2020; DOI: 10.1016/S2352-4642(20)30250-9 und 30251-0) veröffentlicht.

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Die meisten australischen Bundesstaaten, so auch New South Wales, haben sich während der ersten Welle der SARS-CoV-2-Pandemie gegen eine strikte Schließung von Schulen und Kindergärten entschieden. Seit dem 22. März gab es zwar eine Empfehlung zum Fern­­unterricht, doch an Schulen, die sich dazu nicht in der Lage sahen, wurde bis zum Ferienbeginn am 9. April weiter in den Schulen unterrichtet.

Bis zu diesem Zeitpunkt ist es an 15 Schulen und 10 Kindergärten (von 7.700 Einrich­tun­gen in New South Wales) zu 27 Erstinfektionen gekommen, davon traten 15 beim Per­sonal und 12 bei den Kindern auf. Daraufhin wurden 1.448 Kontakte der Infizierten unter­sucht, allerdings nur 633 mit Abstrichuntersuchung (PCR auf Virus-Gene) und/oder Blut­un­tersuchung (Antikörpernachweis).

Dabei wurden 18 sekundäre Infektionen entdeckt. Kristine Macartney vom National Cen­tre for Immunisation Research and Surveillance in Sydney und Mitarbeiter geben die In­fektionsrate mit 1,2 % (18 von 1.448) an. Insgesamt 7 der 18 sekundären Infektionen tra­ten unter dem Personal auf (Infektionsrate 4,4 %). In 8 Fällen hatten die Lehrer/Erzieher die Kinder infiziert (1,5 %), Nur 1 Kind (1,0 %) hatte den Betreuer und 2 Kinder hatten andere Kinder (0,3 %) infiziert.

Die 18 sekundären Infektionen traten in 3 Schulen und einem Kindergarten auf. In dem Kindergarten hatte 1 Erwachsener 6 Kollegen und 7 Kinder von insgesamt 37 Perso­nen infiziert (35,1 %). Ohne diesen Ausbruch betrug die Infektionsrate in den Schulen und Kindergärten nur 0,4 % oder 1 Infizierter auf 282 Personen.

Die niedrige Infektionsrate an den Schulen ist vor der geringen Zahl von Infektionen wäh­rend der ersten Welle der Infektionen in New South Wales zu sehen. Dort kam es im gleichen Zeitraum nur zu 3.033 bestätigten COVID-19-Fällen, davon 97 (3,2 %) bei Perso­nen unter 18 Jahren. Pädiatrische Erkrankungen waren in New South Wales wie in ande­ren Ländern selten. Die meisten Kinder hatten sich außerhalb der Einrichtungen ange­steckt.

Hinzu kommt, dass in New South Wales nach dem Ausbruch in dem Kindergarten strenge Regeln für die Kontaktverfolgung und die Quarantäne galten, denen die Vermeidung von weiteren Ausbrüchen mit zu verdanken sein dürfte.

Dass es auch anders kommen kann, zeigt ein Ausbruch an einer Schule im Département Oise nördlich von Paris. Dort infizierten sich bei einem Ausbruch in einer Sekundärschule 38 % der Schüler und 49 % der Mitarbeiter.

Bei den Eltern und Geschwistern (11 bezieh­ungsweise 10 %) war die Infektionsrate deutlich geringer, was darauf hindeutet, dass das Infektionsgeschehen sich auf das schulische Umfeld konzentriert hat (medRxiv 2020; DOI: 10.1101/2020.04.18.20071134).

Interessanterweise war die Infektionsrate in den Grundschulen mit 6 bis 12 % deutlich niedriger (medRxiv 2020; DOI: 10.1101/2020.06.25.20140178). Der Editorialist John Edmunds von der London School of Hygiene and Tropical Medicine schließt daraus, dass das Infek­tionsrisiko für Jugendliche deutlich höher zu sein scheint als für kleinere Kinder, was bei der Öffnung von Schulen bedacht werden sollte.

In Großbritannien werden die Schulen nach den Ferien am 1. September wieder geöffnet. Ob es dann zu einer zweiten Welle der Pandemie kommt, hängt nach Modellberech­nung­en von Jasmina Panovska-Griffiths vom University College London wesentlich davon ab, dass etwaige Infektionen frühzeitig erkannt und möglichst alle Kontakte kontrolliert werden, wobei sich beide Faktoren gegenseitig beeinflussen.

Unter der Annahme, dass 68 % der Kontakte zurückverfolgt werden können, wie dies zur Zeit in der Regel in Großbritannien gelingt, müssten laut einem Szenario der Studie 75 % der Personen mit symptomatischer Infektion diagnostiziert und isoliert werden, um eine zweite Welle zu verhindern. Bei einem rotierenden Unterricht, bei dem jeweils nur die Hälfte unterrichtet wird, müssten nur 65 % der symptomatischen Schüler getestet wer­den.

In einem ungünstigeren Szenario, bei dem nur 40 % der Kontakte nachverfolgt werden können, müsste die Zahl der getesteten Personen auf 87 % (beziehungsweise 75 %) er­höht werden. Gelingt dies nicht, käme es nach einer Vorhersage von Panovska-Griffiths im Dezember 2020 (oder bei einem rotierenden Unterricht im Februar 2021) zu einer zwei­ten Welle mit 2,0- bis 2,3-fach so vielen Erkrankungen wie in der ersten Welle. © rme/aerzteblatt.de

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