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Medizinischer Fakultätentag 2021: „Die Pandemie hat die Hochschulmedizin verändert“

Donnerstag, 3. Juni 2021

MFT-Präsident Matthias Frosch /MFT

Berlin – Vernetzung und Flexibilität – dies sind nach Ansicht nach der Hochschulmedizin die Parameter, die den Universitätskliniken und Fakultäten geholfen haben, die COVID-19-Pandemie und ihre Folgen gut zu bewältigen. Die Universitätsmedizin habe an den meisten Standorten zentrale Steuerungs- und Koordinierungsaufgaben übernommen und im Versorgungsalltag beste­hende Sektorengrenzen überwunden. „Ich bin beeindruckt, wie schnell wissenschaftlich fundierte Leitlinien zur Behandlung von COVID-19-Patienten entwickelt worden sind und wie gut die Administrationsabläufe an den Fakultäten und in den Gremien umgestaltet werden konnten“, sagte Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentag (MFT), heute zur Eröffnung des 82. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentags (oMFT).

Dieser fand auch in diesem Jahr nicht wie geplant an der Medizinischen Fakultät in Essen, sondern als virtuelles Treffen in Berlin statt. Im Mittelpunkt standen die Themen „Rolle der Universitätsmedizin bei der Bewältigung von Corona“, „Nationale Dekade gegen Krebs: Vernetzung der Unimedizin in Forschung und Versorgung“ sowie die Reform des Medizinstudiums.

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„Die Universitätsmedizin ist die Spinne im Netz der regionalen Versorgung, von ihr gingen und gehen während der Pandemie viele Initiativen aus, auch bezüglich der Schulung von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten im Umgang mit Coronapatienten“, würdigte der Chef des Bundeskanzleramts, Helge Braun (CDU), die Leistungen der Hochschulmedizin auf der heutigen Veranstaltung. „Ich bin stolz auf das medizinische Versorgungssystem in Deutschland.“

Die Krise habe aber auch gezeigt, dass die Versorgung der Bevölkerung nicht durch einzelne Akteure bewältigt werden könne, sondern dass es auf eine Expertise in der Breite und flexible Vernetzungs­instrumente ankomme, bestätigte Frosch. „Diese Netzwerke sollten wir erhalten und ausbauen.“ Zudem sei es der Universitätsmedizin trotz Pandemie gelungen, die Balance zwischen Krankenversorgung und Forschung zu wahren. Dies verdeutliche die hohe Leistungsfähigkeit der Universitätsmedizin, aber auch die Qualität der von ihr ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte. „Ferner ist bemerkenswert, wie schnell die Curricula umgestellt werden konnten: Die Studierenden haben kein Semester verloren, es gab auch keine Leistungseinbrüche bei den Prüfungen“, betonte der MFT-Präsident.

Gleichzeitig wies Frosch auf den nach wie vor hohen Investi­tions­bedarf der Hochschulmedizin hin. Gemeinsam mit Krankenhäusern in der Region, der niedergelassenen Ärzteschaft und dem Öffentlichen Gesundheitsdienst hätten die universitätsmedizinischen Einrichtungen die regionale Verantwortung für das Management des Pandemiegeschehens über­nom­men und über die Sektorengrenzen von ambulanter und stationärer, universitärer und nicht-universitärer Medizin hinaus organisiert und die entsprechenden Maßnahmen umgesetzt. Dabei hätten die Universitätskliniken eine hohe Identität mit ihrer Region gezeigt, betonte der MFT-Präsident. „Es ist fraglich, wie lange die Versäulung der Versorgungsstrukturen noch tragbar ist“, warnte er.

Wissenschaftskommunikation verbessern

„Nach der Pandemie wird sicher eine Analyse der Strukturen notwendig sein“, meinte auch Sandra Ciesek, Virologin und Infektionsepidemiologin an der Universität Frankfurt/Main. Optimierungsbedarf besteht nach ihrer Ansicht auch bezüglich der Wissenschaftskommunikation. An diese sollte insbesondere auch der Nachwuchs besser herangeführt werden. „Wir haben viele Medienanfragen an der Fakultät“, berichtete die Forscherin. Glücklicherweise habe die Universität Frankfurt eine gute und professionelle Presseabteilung, die den Medizinerinnen und Medizinern rate, ob und wann es sinnvoll sei, sich als Wissenschaftler zu präsentieren. „Das Interesse der Öffentlichkeit an unserer Arbeit hat sich deutlich verstärkt“, sagte sie. „Wissenschaft wird bewusster wahrgenommen.“ Das könne positiv, aber auch negativ sein. „Manchmal werden wissenschaftliche Studienergebnisse auch zerredet, wenn einigen Menschen die Ergebnisse nicht passen.“

„Wir haben während der Pandemie viel gelernt“, bestätigte auch Braun. „Insbesondere zeigte sich, welch hohen Einfluss Wissenschaftsgesellschaften auf die öffentliche Diskussion haben.“ Die Bürger seien daran interessiert, was Wissenschaft zu sagen hat, jedoch nicht an einem Meinungsstreit, sondern an abgestimmten Stellungnahmen von Akademien und Fachgesellschaften. „Wir brauchen eine aktive Wissenschaftsgesellschaft, die den Menschen bei der Einordnung hilft“, betonte der Arzt und Politiker. „Kommunikation ist und bleibt eine hohe Kunst – sowohl für die Wissenschaft, aber auch für die Politik.“

Nationale Dekade gegen Krebs

Weiteres Schwerpunktthema neben der Coronapandemie war die Nationale Dekade gegen Krebs, mit der innerhalb von zehn Jahren die Krebsforschung, -prävention und Früherkennung gestärkt werden und der Transfer von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis beschleunigt werden soll. Derzeit werden dazu neben Heidelberg und Dresden vier neue Standorte des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) aufgebaut, und zwar in Berlin, Köln/Essen, Tübingen/Stuttgart-Ulm sowie in Würzburg mit den Partnern Erlangen, Regensburg und Augsburg. Das NCT ist damit eine langfristig angelegte Kooperation zwischen dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und exzellenter Onkologie in der Hochschulmedizin. Mit seinem Ausbau können in Zukunft noch mehr Ergebnisse aus der Forschung in klinischen Studien erprobt werden.

Angelika Eggert, die die Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie an der Charité Berlin leitet und Berliner Standortsprecherin im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) ist, begrüßte diese Entwicklung auf der heutigen Veranstaltung. Es sei wichtig, die gesamte Region einzubeziehen und die Grundlagen für Vernetzung zu legen, sagte sie. „Die Netzwerke werden der Schlüssel zum Erfolg sein“, meinte sie.

Dem pflichtete Michael Baumann bei, Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, der sich der Podiumsdiskussion live zugeschaltet hatte. „Die Nationale Dekade gegen Krebs ist erstmals die Möglichkeit, alle Akteure zusammenzubringen und die Verknüpfung von Versorgung und Forschung auf internationales Niveau zu heben“, erklärte er. Aber nicht nur Versorgung von Krebspatienten dürfe im Fokus stehen: „Die Prävention hat einen besonderen Stellenwert und einen erheblichen Nachholbedarf, sie sollte eigener Schwerpunkt sein“, sagte Baumann. Deshalb sollte auch ein nationales Krebspräventionszentrum entstehen, das mit seiner Expertise in die Fläche gehen müsse. „Die Prävention hat ein verstaubtes Image“, räumte er ein, „aber es gibt auch neue Erkenntnisse, die es umzusetzen gilt.“

Neue Formen der Zusammenarbeit notwendig

Nachholbedarf hat Deutschland aus Sicht von Baumann auch noch bezüglich der Translation von Forschungsergebnissen. „Deutschland muss sich international stärker einbringen“, sagte er. Deutschland sei momentan attraktiv als Forschungsstandort, dies müsse man erhalten. „Dazu brauchen wir neben Spitzenforschung neue Formen der Zusammenarbeit.“

„Wir müssen uns in Deutschland als Forschungsstandort nicht verstecken. Es gibt viele internationale Bewerbungen“, bestätigte Bernd Pichler, Dekan der Medizinischen Fakultät Tübingen. Oft scheitere es aber an der Finanzierung der universitären Strukturen, da seien die Länder gefordert. „Der Sparzwang, der den Kliniken auferlegt ist, ist ein Hemmschuh“, kritisierte er. „Wenn wir Anstrengungen gegen Krebs fördern wollen, kann es nicht ständig Sparzwänge in der Universitätsmedizin geben. Das ist total kontraproduktiv.“

Grundsätzlich gebe es hervorragende Möglichkeiten für die Vernetzung und gute Voraussetzung für den wissenschaftlichen Nachwuchs, meinte Pichler. „Allerdings fehlt es noch an der Umsetzung bei der Digitalisierung und der Verknüpfung von Daten. Wir haben viele einzelne gute Big Data-Programme, die allerdings zusammengeführt werden müssen.“ Zudem müssten auch periphere Krankenhäuser und die niedergelassenen Ärzte einbezogen werden, um Prävention und Nachsorge von Krebspatienten im Blick zu behalten.

Schwerpunkt Medizinstudium

Dritter Schwerpunkt des diesjährigen Medizinischen Fakultätentages war das Medizinstudium. „Viele Fakultäten haben neue Möglichkeiten durch die digitalen Lehrformen entdeckt, die auch dem Lernverhalten der Studierenden entgegenkommen, wenn die Inhalte flexibel gelernt und dann in der Praxis vertieft werden können“, berichtete MFT-Präsident Frosch. Stolz sei er auch auf den jetzt vorliegenden Nationalen kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) 2.0. Er bildet die Grundlage für die Reformanstrengungen zu Studienstruktur und Ausbildungsinhalten des Medizinstudiums im Rahmen des Masterplans Medizinstudium 2020 und des bereits vorliegenden Referentenentwurfs der Ärztlichen Approbationsordnung (ÄApprO).

Der NKLM 2.0 bilde eine bundesweit einheitliche Grundlage eines Kerncurriculums Medizin. Er definiere ein klares Absolventenprofil und Arztbild, ermögliche aber gleichzeitig den Fakultäten die selbstbestimmte Ausgestaltung ihrer Curricula, um ihre Studierenden bei der Erreichung dieses Profils zu unterstützen, erläuterte MFT-Vizepräsidentin Martina Kadmon. „Der NKLM versteht sich dabei als dynamischer Katalog, der kontinuierlich überarbeitet und den aktuellen Anforderungen des modernen Medizinstudiums angepasst wird. Dies liegt jetzt in der Verantwortung der Medizinischen Fakultäten“, sagte sie. Mit Inkrafttreten der neuen Approbationsordnung ab 2025 soll der NKLM bundesweite Grundlage des verpflichtenden Kerncurriculums im Medizinstudium. Offen sei jedoch weiterhin die Finanzierungsfrage der geplanten Reformen.

„Wir werden uns vernetzen und einigen müssen, was ein Arzt an wissen und können muss“, sagte Kadmon. Dabei müssten die Angebote im Kernbereich vergleichbar sein und im Vertiefungsbereich variabel. Zudem dürfe das Curriculum nicht überfrachtet werden. „Das Curriculum ist derzeit sehr voll, wir müssen reduzieren, damit Zeit zum Vertiefen bleibt“, bekräftigte auch Jobst-Hendrik Schultz, Facharzt für Innere Medizin an der Medizinischen Fakultät Heidelberg und einer der Ars legendi-Preisträger 2021. Man müsse entscheiden, was aus Katalog gestrichen wird. „Das Sprechen über Inhalte der Lehre gehört zu den wichtigen Inhalten der Fakultätsarbeit.“

Caroline Klingner, Fachärztin für Neurologie an der Medizinischen Fakultät Jena und ebenfalls diesjährige Ars legendi-Preisträgerin, begrüßte, dass man durch die neue Approbationsordnung gezwungen sein wird, sich mit der Vorklinik zusammenzusetzen. „Ich freue mich auf Austausch über die alten Vorklinikgrenzen hinweg“, sagte sie. Zudem müsse auch nach der Pandemie die digitale Lehre teilweise beibehalten werden, damit alle Zugang und Teilhabe hätten. „Wir brauchen mehr Flexibilität, das ist wichtig - gerade für Ärztinnen“, meinte die Ärztin und Mutter. © ER/aerzteblatt.de

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