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Vermischtes

Armut in Deutschland erreicht neuen Höchststand

Mittwoch, 29. Juni 2022

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer vom Paritätischen Gesamtverband, stellt im Haus der Bundespressekonferenz den Paritätischen Armutsbericht für das Jahr 2021 vor./picture alliance, Jörg Carstensen

Berlin – Die Armut in Deutschland hat nach Angaben des Paritätischen Gesamtverbands ein Rekordniveau erreicht. 2021 sei die Armutsquote auf den Höchststand von 16,6 Prozent gestiegen, erklärte der Verband in einem neuen Armutsbericht 2022.

„13,8 Millionen Menschen müssen demnach hierzulande derzeit zu den Armen gerechnet werden, 600.000 mehr als vor der Pandemie.“ Wegen der hohen Inflation sei mit einer weiteren Verschärfung der Lage zu rechnen.

Als arm stuft der Paritätische gemäß einem EU-Standard alle Menschen ein, die mit ihrem Einkommen unter­halb von 60 Prozent des mittleren Einkommens in Deutschland liegen. Bei der Berechnung wird das gesamte Haushaltsnetto einbezogen, also neben Lohn, Rente und Arbeitslosengeld etwa auch Wohngeld und Kinder­geld.

Für 2020 hatte der Paritätische eine Armutsquote von 16,1 Prozent berechnet und die Zahl der Betroffenen mit 13,4 Millionen angegeben. In dem ersten Pandemiejahr hätten „die verschiedenen Schutzschilde und So­fortmaßnah­men“ der Bundesregierung und der Länder dafür gesorgt, „dass die Armut trotz des wirtschaftli­chen Einbruchs und des rapiden Anstiegs der Arbeitslosigkeit nur relativ moderat anstieg“, erklärte der Ver­band heute.

2021 seien dann die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie „offenbar voll auf die Armutsentwicklung durchgeschlagen“, hieß es weiter. Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, Ulrich Schneider, nannte die Studienergebnisse „erschütternd“.

Ungewöhnlich stark nahm die Armut den Angaben zufolge bei Erwerbstätigen zu, insbesondere bei Selbst­ständigen, bei denen die Quote von neun auf 13,1 Prozent stieg. Unter Rentnern lag die Quote demnach bei 17,9 Prozent und bei Kindern und Jugendlichen sogar bei 20,8 Prozent – beides Höchststände.

Der Paritätische wies auch auf große Unterschiede zwischen den Bundesländern hin. „Während sich Schles­wig-Holstein, Brandenburg, Baden-Württemberg und vor allem Bayern positiv absetzen, weisen fünf Bundes­länder überdurchschnittlich hohe Armutsquoten auf: Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Berlin und das Schlusslicht Bremen, weit abgeschlagen mit einer Armutsquote von 28 Prozent.“ Als „armutspolitische Problemregion Nummer eins“ bezeichnete der Verband das Ruhrgebiet.

Die bisherigen Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung wegen der hohen Inflation nannte der Paritä­ti­sche „ungerecht und unzureichend“. Schneider äußerte Unverständnis darüber, dass „die Bundesregierung wie mit der Gießkanne übers Land zieht, Unterstützung dort leistet, wo sie überhaupt nicht gebraucht wird und Hilfe dort nur völlig unzulänglich gestaltet, wo sie dringend erforderlich wäre“. Der Verband forderte ein neues Maßnahmenpaket einschließlich einer Erhöhung der Regelsätze in der Grundsicherung sowie von Wohngeld und Bafög.

Auf ein neues Entlastungspaket drängte auch der Sozialverband VdK. Dieses müsse auch Rentnerinnen und Rentner sowie Solo-Selbstständige stärker berücksichtigen, verlangte VdK-Präsidentin Verena Bentele.

„Für Menschen mit kleinen Einkommen wird es weitere gezielte Entlastungen brauchen“, erklärte mit Blick auf den Armutsbericht Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch. Zugleich müssten angesichts der hohen Energiepreise erneuerbare Energien rascher ausgebaut werden.

Die Regierung müsse „endlich Vorsorge gegen die Verarmung im Land treffen“, forderte die Linken-Sozialpoli­tikerin Jessica Tatti. Sie drängte auf eine Übergewinnsteuer, um damit „Entlastungen für Menschen mit klei­nem Geldbeutel“ zu finanzieren.

Die FDP sieht eine wesentliche Ursache von Armut dagegen in staatlichen Abgaben. „Wir müssen gerade in dieser finanziell angespannten Situation den Menschen endlich mehr von ihrem ehrlich verdienten Geld lassen“, verlangte der FDP-Sozialexperte Pascal Kober. © afp/aerzteblatt.de

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Kommentare

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Avatar #768001
Heidi W.
am Mittwoch, 29. Juni 2022, 20:14

Rentner Armut

Sehr ungerecht ist, daß sich die Renten für Erwerbsunfähige auch in diesem Jahr nicht erhöhen.
Diese Gruppe hat ohnehin schon Nachteile ohne Ende, nun soll sich die Rente erst 2024 erhöhen. Unmöglich bei diesen steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen.
Viele von ihnen müssen sich schon bei der Ernährung stak einschränken. Gar nicht auszudenken, wenn die Heizperiode wieder beginnt. Zuschüsse gibt es nur für Menschen, die Wohngeld beziehen. Liegt man 2 Euro über der Grenze, geht man leer aus.
LNS
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