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Politik

Medizinstudium: Numerus Clausus auf dem Prüfstand

Mittwoch, 4. Oktober 2017

/dpa

Karlsruhe – Der schwierige Weg zu einem Studienplatz in Medizin beschäftigt das Bundesverfassungsgericht (BVerfG). Vor dem höchsten deutschen Gericht wird seit heute der Numerus Clausus (NC) für das beliebte Studienfach geprüft (Az. 1 BvL 3/14 und 4/14). Die Richter betrachten vor dem Hintergrund enorm gestiegener Bewerber­zahlen das gesamte Vergabeverfahren, das unter anderem auf Abiturnoten oder lange Wartezeiten nach dem Abitur baut. Ein Urteil wird in einigen Wochen erwartet.

„Der Flaschenhals aus verfügbaren Studienplätzen und Bewerberanzahl“ habe sich verengt, umschrieb der Vorsitzende des Senats, Ferdinand Kirchhof, das Problem. Während 1972 noch 3.000 von 11.000 Studienbewerbern zugelassen worden seien, drängten heute fast 62.000 Bewerber pro Studienjahr auf knapp 11.000 Ausbildungsplätze.

Abiturnote maßgeblich

Im Vergabeverfahren gehen 20 Prozent der Plätze an Bewerber mit den besten Abiturnoten. Darauf können praktisch nur Einserabiturienten hoffen. Weitere 20 Prozent stehen für die Interessierten mit der längsten Wartezeit seit dem Abitur zur Verfügung. Diese Zeit liegt inzwischen bei mehreren Jahren. Verantwortlich für die Vergabe ist die Stiftung für Hochschulzulassung. Die übrigen 60 Prozent der Plätze entfallen auf Auswahlverfahren der Hochschulen, bei denen aber auch die Abiturnote eine maßgebliche Rolle spielt.

Das Bundesverfassungsgericht befasst sich mit diesen Regelungen, weil das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen die Frage aufgrund von zwei Klagen abgelehnter Bewerber dem höchsten deutschen Gericht vorlegte. Hintergrund der Prüfung ist das Grundrecht auf freie Wahl des Berufs und der Ausbildungsstätte. Es sei zu klären, ob der entsprechende Artikel zwölf des Grundgesetzes „einen unmittelbaren Anspruch auf Bereitstellung eines Studienplatzes verleiht, ob er nur einen Teilhabeanspruch an vorhandenen Ausbildungskapazitäten gibt oder ob er lediglich fordert, bei der Auswahl der Studienbewerber nach gleichen Kriterien und zumutbar vorzugehen“, sagte Verfassungsrichter Kirchhof.

Wartezeiten angemessen?

Die Richter befassen sich laut dem Senatspräsidenten etwa damit, ob bei der Auswahl allein auf die Abiturnote abgestellt werden könne oder ob eine Wartezeit verfassungs­gemäß sei, wenn sie regelmäßig über die normale Studienzeit hinausgehe. Es stelle sich auch die Frage, ob Universitäten „ohne eingehende, gesetzlich vorgegebene Kriterien nach eigenem Ermessen“ die Bewerber auswählen dürften.

Der Bevollmächtigte der Stiftung für Hochschulzulassung und mehrerer Landesre­gierungen, Max-Emanuel Geis, verteidigte das bestehende System grundsätzlich. Es sei differenziert genug und verfüge über eine Vielzahl von Stellschrauben. Wenn es verbessert werden könne, sei dies nicht gleichbedeutend damit, dass es verfassungs­widrig sei. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Frank Ulrich Montgomery, plädierte dafür, den Anteil spezifischer Test auszuweiten. „Wir sind dafür, in einem zentralen Test die menschlichen, empathischen und ärztlichen Fähigkeiten zu prüfen“, sagte er. In Hamburg gibt es nach Angaben von Wolfgang Hampe vom Universitätsklinikum Eppendorf bereits gute Erfahrungen mit Interviews.

NC als zentrales Kriterium abschaffen

Bereits vor der Verhandlung haben Ärzte und Politik laut über eine Abschaffung des Numerus clausus (NC) als zentrales Auswahlkriterium für die Zulassung zum Medizinstudium nachgedacht. Die Abiturnote dürfe nicht länger maßgeblich entscheidend dafür sein, welche Bewerber einen der knapp 11.000 begehrten und teuren Studienplätze in Deutschland erhielten, sagte Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung.

Der NC sei verfehlt, weil eine 1,0 im Abitur nichts über die Qualität eines künftigen Arztes aussage. Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, ergänzte: „Das Auswahlverfahren muss so reformiert werden, dass Motivation, berufliche Erfahrung, persönliche Eignung und soziales Engagement berücksichtigt werden.“

Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) dringt auf neue Zulassungs­regeln für Medizinstudenten. „Wir haben uns mit den Bundesländern darauf verständigt, dass Hochschulen bei der Bewerberauswahl künftig nicht nur auf gute Noten, sondern auch auf die sozialen Fähigkeiten der Studierenden achten sollen“, sagte der CDU-Politiker. Gröhe erwartet zudem von den Ländern, dass sie weitere Reformvorhaben aus dem gemeinsamen „Masterplan Medizinstudium 2020“ umsetzen.

So soll bei der Studienplatzvergabe stärker berücksichtigt werden, wenn ein Bewerber etwa im Rettungsdienst tätig ist, sich sozial oder in der Alten- und Krankenpflege einsetzt. „Unsere Gesellschaft des längeren Lebens braucht gut ausgebildete junge Ärztinnen und Ärzte mit Teamgeist, Begeisterung für den Beruf und der Fähigkeit, mit Patienten auf Augenhöhe zu sprechen“, so Gröhe.

Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) hofft durch die Überprüfung des BVerfG auf mehr Klarheit in der Zulassung. „Das Medizinstudium ist heute begehrt wie noch nie. Ein Taktisches Auswählen der Hochschulen und Losglück anstelle einer echten Möglichkeit zur Angabe der Ortspräferenzen entscheiden über die Erfolgsaussichten auf einen Studienplatz“, erklärte Isabel Molwitz, Vizepräsidentin für Externes der bvmd. Sie sieht dringenden Reformbedarf. „Wir brauchen ein transparentes, chancenoffenes Verfahren, dass die am besten für das Studium geeigneten Bewerberinnen und Bewerber direkt den Zugang ermöglicht – ohne Wartezeit“, sagte Molwitz.

© dpa/afp/kna/may/aerzteblatt.de

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