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Medizinischer Fakultätentag: Hohe Qualität der akademischen Ärzteausbildung muss erhalten bleiben

Freitag, 1. Juni 2018

/dpa

Mainz – Die Qualität des Medizinstudiums sowie das Wissen und Können der neu ausgebildeten  Ärztinnen und Ärzte müsse im Vordergrund stehen, wenn über Ärztemangel und ärztliche Unterversorgung auf dem Land gesprochen wird, meinen die 38 Medizinischen Fakultäten Deutschlands. Ihre Dekane sowie Vertreter ihrer Universitätsklinika und stellen deshalb die Auswahl und Ausbildung der Medizin­studierenden in den Mittelpunkt ihres Jahrestreffens, des 79. Ordentlichen medizinischen Fakultätentages (oMFT), der gerade in Mainz stattfindet.

„Der Druck seitens der Politik nimmt zu, Lösungen für mehr Medizinstudienplätze und gegen den Landarztmangel anzubieten – zumal bereits Versorgungsprobleme in der Peripherie bestehen“, sagte MFT-Präsident Heyo K. Kroemer.  Allerdings gehe es bei der derzeitigen politischen Diskussion bisher hauptsächlich um Quantität, kritisierte er. In der Folge entstünden neue medizinische Studiengänge, Zweitcampi von etablierten medizinischen Fakultäten sowie verschiedene andere Kooperationen.

Akademische Ausbildung wichtig

Diese Tendenz sei differenziert zu betrachten: „Wichtig ist, dass dabei die akademische Ausbildung der künftigen Ärzte erhalten bleibt“, betonte er. „Entsprechend werden wir diskutieren, welche Voraussetzungen für eine qualitätsgesicherte Medizinerausbildung notwendig sind und welchen Beitrag die Medizinischen Fakultäten hier leisten können“, sagte Kroemer zur Eröffnung der diesjährigen Tagung am Mainzer Universitätsklinikum.

Innerhalb der bestehenden Versorgungsproblematik sind für den Vorsitzenden des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Ferdinand Gerlach, jedoch weder Forderungen nach „mehr Geld“ noch nach „mehr Ärzten“ geeignete Lösungsansätze. „Vielmehr ist zunächst ein Abbau eklatanter Überversorgung im stationären und im ambulant-fachspezialistischen Bereich erforderlich“, sagte er vor den Dekanen.

Fehlverteilung, kein Mangel

Nach der Ansicht von Gerlach gibt es in Deutschland bezüglich der medizinischen Versorgung keinen Fachkräftemangel, sondern lediglich eine Fehlverteilung. So gebe es zu viele Fach- und zu wenig Hausärzte: 90 Prozent aller Facharztanerkennungen erfolgten in einem der 77 spezialistischen Bereichen; nur zehn Prozent der jungen Ärztinnen und Ärzte erreichten einen Abschluss als Generalist. „Das ist in keinem anderen Gesundheitssystem der Welt so“, betonte er.

Die Gesamtzahl der berufstätigen Ärzte in Deutschland sei mit 385.000 (4,1 pro 1.000 Einwohner) im internationalen Vergleich hoch und steige zudem jährlich deutlich, rechnete der Ratsvorsitzende vor. Ärzte und Patienten befänden sich in einem Hamsterrad. Problematisch sei dabei hierzulande eine auffällig geringe Anzahl von Ärzten je 1.000 Belegungstage im Krankenhaus, analysierte Gerlach. „Das ist eine Folge zu hoher Fallzahlen.“ Beispielsweise würden in Deutschland doppelt so viele Links­herzkatheter eingesetzt wie in der Schweiz. Ferner gebe zum Beispiel in einigen Gebieten Deutschlands einen rasanten Anstieg von Wirbelkörperoperationen ohne Nutzenbeleg.

Für Gerlach lag beim 79. oMFT in Mainz auf der Hand: Mengensteigernde Fehlanreize in Kliniken und Praxen müssten beendet werden. Stattdessen müsse man sich konsequent am medizinischen Bedarf orientieren, forderte er. Der Verzicht auf überflüssige Leistungen und Eingriffe würde dann Ärzte für die Bereiche freisetzen, in denen sie wirklich gebraucht würden. „Nur wenn wir die Strukturprobleme beseitigt haben, können wir entscheiden, ob wir mehr Ärzte ausbilden müssen", sagte Gerlach. Eine durchaus diskutable Option ist für den Allgemeinmediziner der Aufbau von Zweigfakultäten in unterversorgten, ländlichen Regionen. 

Allokationsprobleme sieht auch der Leiter des Referats Bedarfsplanung beim GKV-Spitzenverband, Thomas Uhlemann: Vor allem Groß- und Universitätsstädte wiesen eine erhebliche Überversorgung auf, während es in ländlichen Regionen an Hausärzten mangele. Über eine künftige Bedarfsplanung werde deshalb derzeit im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss beraten; grundlegende Reformen seien bereits für dieses Jahr vorgesehen.

Mehr Anreize setzen

Für die Schaffung von mehr Anreizen, sich in ländlichen Gebieten niederzulassen, plädierte Peter Heinz, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz. Ansonsten seien immer weniger Ärzte bereit, „die Selbstausbeutung in Kauf zu nehmen.“ Heinz verwies auf zahlreiche Programme und Förder­mög­lichkeiten, die die Kassenärztliche Vereinigung aufgelegt hat, um den drohenden Ärztemangel entgegenzuwirken, wie die Unterstützung von Famulanten und Weiterbildungsassistenten in hausärztlichen Praxen sowie die Errichtung der „Koordinierungsstelle Weiterbildung Allgemeinmedizin“. 

Als ein großes ursächliches Problem sieht auch die neue Bayerische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, die Gynäkologin Marion Kiechle, die Fehlverteilung von Ärztinnen und Ärzten zwischen Stadt und Land sowie zwischen hausärztlichen und fachärztlichen Bereich an. „Die Allgemeinmedizin muss gestärkt werden. Bayern hat sich deshalb für eine Landarztquote bei der Zulassung zum Medizinstudium ent­schieden“, sagte sie vor den Dekanen. „Das ist klug und umsichtig. Denn es ist zentral, Ärzte für ländliche Regionen zu gewinnen.“ Zehn weitere Bundesländer hätten sich ebenfalls für eine Landarztquote entschieden.

Medizinstudium: Arbeit mit Hochdruck

Zudem arbeiteten die Kultusminister der Länder mit Hochdruck an den Eckpunkten für ein neues Zulassungsverfahren zum Medizinstudium, berichtete Kiechle beim oMFT in Mainz. Erste Entscheidungen dazu würden in der Kultusminister­konferenz (KMK) Mitte Juni getroffen, da man sich bereits im Dezember auf einen neuen Staatsvertrag verständigen wolle, der die einstimmige Befürwortung aller Länder brauche.

Die Überlegungen der Kultusminister liefen darauf hinaus, künftig auf die Wartezeitquote als einen Zugangsweg zu einem Medizinstudienplatz gänzlich zu verzichten, erläuterte Kiechle. „Warten bildet keine Eignung für das Medizinstudium ab“, betonte sie. Das beste und valideste Kriterium sei immer noch die Abiturnote. Sie korreliere am stärksten mit dem Studienerfolg – das habe sie auch selbst als Prüferin in medizinischen Staatsexamen immer wieder erfahren können.

Die ehemalige Wartezeitquote, über die bisher 20 Prozent der Medizinstudienplätze vergeben worden, könne man möglicherweise der Abiturbestenquote, die derzeit ebenfalls 20 Prozent beträgt, zuschlagen, sagte sie. Erhalten bleiben sollte nach ihrer Ansicht das Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH). Allerdings sollten hier zusätzliche Kriterien berücksichtigt werden, die Auskunft über die Eignung des Bewerbers geben.  

Die Erarbeitung eines neuen Zulassungsverfahren zum Medizin­studium durch die KMK war nötig geworden, nachdem das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) Ende vergangenen Jahres die Studienplatzvergabe in ihrer gegenwärtigen Form für teilweise verfassungswidrig erklärt hatte. Es forderte die Kultusminister der Länder auf, in einer Zweijahresfrist – also bis Ende 2019 – das Numerus-clausus-System für das Medizinstudium zu überarbeiten. Der zuständige Verfassungsrichter, der Vizepräsident des BVerfG, Ferdinand Kirchhof, wird dazu noch auf dem oMFT im Mainz erwartet. Dann steht das Thema „Studienplätze und Studierendenauswahl“ auf der Tagesordnung. © ER/aerzteblatt.de

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popert
am Freitag, 1. Juni 2018, 17:51

akademisch = praxisfern

Es lohnt sich, genau hinzuhören/sehen:
"...Wichtig ist, dass dabei die AKADEMISCHE Ausbildung der künftigen Ärzte erhalten bleibt ...“
Nichts anderes ist von den Universitäten zu erwarten, sie würden sich ja selbst in Frage stellen, wenn sie mehr PRAKTISCHE Ausbildung fordern würden.
Mit anderen Worten: wer einen Sumpf trocken legen will, darf nicht die Frösche fragen.

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