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Medizin

Keine kindlichen Entwicklungsschäden durch Thiomersal in Impfstoffen

Donnerstag, 27. September 2007

Atlanta – Der quecksilberhaltige Konservierungsstoff Thiomersal (auch Thimerosal genannt), der bis 2002 in Impfstoffen verwendet wurde, führt nicht zu neuropsychologischen Entwicklungsstörungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der US-Centers of Disease Control and Prevention (CDC) im New England Journal of Medicine (NEJM 2007; 357: 1281-1292). Ob sie die in den USA verbreitete Befürchtung, die Impfstoffe seien Schuld an der dortigen Zunahme des Autismus, zerstreuen kann, bleibt abzuwarten.

Vor allem in Kalifornien ist es seit den 1990er-Jahren zu einer geradezu explosionsartigen Zunahme der Autismusfälle gekommen. Zwischen 1987 und 1998 stieg die Zahl der Diagnosen um 278 Prozent. Waren autistische Störungen in der Vergangenheit eher selten, so war zwischenzeitlich jedes 500. bis 250. Kind betroffen. Über die Ursachen wird seither gerätselt. Die Erklärungen reichen von einer Ausweitung von Gefälligkeitsdiagnosen, die den Kindern Vorteile in der Schulbürokratie bringen, bis zu der Vermutung, es handele sich um Impfschäden durch Thimerosal.

Thimerosal, das zu 49 Prozent Gewichtsprozent Quecksilber (Hg) enthält, wurde seit den 1930er-Jahren zur Konservierung von Impfstoffen eingesetzt, um Kontaminationen mit Bakterien und Pilzen zu verhüten. Durch die Zunahme der Impfungen ist die Exposition der Kinder gestiegen. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA schätzte 1999, dass die Belastung der Kinder durchaus über den von der US-Umweltbehörde EPA liegenden Grenzwerten liegen könnte, wenn die Kinder alle vorgesehenen Impfungen erhalten.

Die Hersteller wurden (auch vor dem Hintergrund umwelttoxikologischer Überlegungen) gebeten, auf andere Konservierungsmittel zu wechseln. Die Empfehlung ist in den USA und auch in Deutschland bereits weitgehend umgesetzt. Wenn ein Kind heute nach den Empfehlungen der STIKO mit Kombinationsimpfstoffen grundimmunisiert wird, werden ihm kein Thiomersal beziehungsweise nur noch in Spuren vorhandene Restmengen verabreicht, teilt das Paul-Ehrlich-Institut mit.

Seit einigen Jahren häufen sich in den USA Klagen von Eltern, die autistische Störungen mit der Exposition von Thiomersal in Verbindung bringen. Dem Vaccine Injury Compensation Program (VICP) liegen 4.800 Anträge auf Entschädigung vor, die im (hypothetischen) Extremfall bis zu 250.000 US-Dollar betragen kann. Das Programm wurde 1988 ins Leben gerufen, nachdem es eine ähnliche Klagewelle gegeben hatte. Die Bedenken betrafen damals den Diphtherie-Pertussis-Tetanus (DTP)-Impfstoff. Nachdem Juroren in einigen Zivilprozessen gegen die Hersteller entschieden hatten, stellten diese den Vertrieb des Impfstoffes ein.

Nach Einrichtung des VICP ebbte die Zahl der Klagen ab und bisher wurden etwa 2.000 Personen mit rund 850.000 US-Dollar entschädigt – aus Kulanz, da in der Regel ein Zusammenhang zwischen dem DTP-Impfstoff und neurologischen Schäden nicht nachweisbar war. Der Autismus gehört bisher nicht zu den entschädigungsfähigen Erkrankungen. Seit 2001 ist es aber zu einem deutlichen Anstieg der Anträge gekommen. Viele Eltern betroffener Kinder sind, oft unterstützt durch Selbsthilfeorganisationen zu der festen Überzeugung gelangt, dass autistische Störungen mit den Impfungen in Verbindungen stehen müssen. Wissenschaftliche Beweise gibt es nach Ansicht der meisten Epidemiologen nicht. Die zunehmende Zahl von Anträgen und die bevorstehende Klagewelle vor Gerichten veranlassten die CDC zu der jetzt vorliegenden retrospektiven Studie. 

Bei 1.047 Kindern der Jahrgänge 1993 bis März 1997 wurde die Exposition mit Thiomersal aus Impfungen ermittelt. Dazu durchsuchte das Vaccine Safety Datalink Team um William Thompson von der CDC Impfpässe und Krankenakten nach Impfterminen und untersuchte die Thiomersalkonzentration der damals verwendeten Impfstoffe. Die auf diese Weise ermittelte Exposition wurde dann mit den Ergebnissen sorgfältiger neuropsychologischer Untersuchungen verglichen, die im Alter von 7 bis 10 Jahren der Kinder stattfanden.

Die Kinder absolvierten 42 Tests zur Sprachentwicklung, zum verbalen Gedächtnis, zum Leseverständnis, zur feinmotorischen Koordination, zum visuell-räumlichen Vorstellungsvermögen, zum Verhalten, zu motorischen Tics und zur allgemeinen Intelligenz. Bei dieser großen Anzahl von Tests war allein schon aus statistischen Erwägungen heraus mit vereinzelten signifikanten Assoziationen zu rechnen. Tatsächlich wurden solche Zusammenhänge in 19 Tests gefunden. Die meisten dieser Abweichungen zeigten jedoch eine positive, die Entwicklung der Kinder fördernde Wirkung an.

Dass Quecksilber gut für die Kinder ist, nimmt allerdings niemand ernsthaft an. Es dürfte sich eher um ein statistisches Zufallsergebnis gehandelt haben. Ob sich aus den anderen negativen Abweichungen das Bild einer selektiven Schädigung durch Thiomersal ableiten lässt, ist nach Ansicht von Anne Schuchat, der Leiterin des US-National Center for Immunization and Respiratory Diseases in Atlanta, höchst zweifelhaft.

Grund zur Beunruhigung lieferte einzig eine erhöhte Rate von motorischen oder phonetischen Tics bei Jungen, die auch in einer früheren Untersuchung bereits gefunden wurde. Schuchat relativierte auf der Pressekonferenz die Bedeutung dieses Befundes: Es sei nicht zwischen harmlosen kurzfristigen und chronischen Störungen unterschieden worden. Sie versprach aber eine weitere Untersuchung zu diesem Thema. Auch die Autoren der Studie sehen in den Ergebnissen keine Bestätigung für den Verdacht, dass die Thiomersalexposition einen Autismus auslösen kann, zumal die Abweichungen (in beide Richtungen) im Allgemeinen gering waren. 

Es wäre jedoch naiv zu glauben, dass die Kontroverse damit beendet wäre. Sallie Bernard, die Leiterin der Elterninitiative SafeMinds in Tyrone/Georgia kritisierte, dass die Assoziation zu den Tics nicht im Abstract erwähnt werde und legte den Finger auf methodische Schwächen der Studie, die nur 30 Prozent der ursprünglich geplanten Patienten auswerten konnte und die mit Frühgeburten eine möglicherweise am ehesten gefährdete Gruppe von der Teilnahme ausgeschlossen hatte.

Beobachter befürchten, dass die bevorstehende Klagewelle von der Studie nicht verhindert wird. Den Eltern vorzuwerfen, es ginge ihnen nur um die Aussicht auf hohe Schadenersatzsummen, wäre sicherlich verfehlt. Viele sind fest überzeugt, dass ihre Kinder durch die Impfungen quecksilberverseucht wurden. Sie laufen damit Gefahr, den Versprechungen von dubiosen Anbietern von „Gegengiften“ in die Hände zu fallen. Etwa 10.000 Kindern sollen in den USA derzeit prophylaktisch mit Chelatbildnern behandelt werden. Während der Nutzen zweifelhaft ist, sind die Risiken dieser Behandlung real. Im August 2005 starb ein 5-jähriges Kind an den Folgen einer durch EDTA ausgelösten kardialen Arrhythmie. © rme/aerzteblatt.de

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