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Gerade in der Coronapandemie zeigt sich, wie sinnvoll eine gute digitale Vernetzung der Akteure im Gesundheitswesen ist. Mit einem COVID-19-Zusatztool konnte in mehreren Bundesländern die Zusammenarbeit zwischen dem Rettungsdienst und den Krankenhäusern verbessert werden.

Foto: majorosl66/stock.adobe.com
Foto: majorosl66/stock.adobe.com

Zur Bewältigung der COVID-19-Pandemie kommt der Vernetzung von Krankenhäusern mit Rettungsdiensten, Leitstellen und (landesweiten) Leitungsstäben eine besondere Bedeutung zu. Durch webbasierte Echtzeitsysteme werden bereits heute Ressourcen transparent dargestellt und für die Lagebeurteilung und Entscheidungsfindung einbezogen. In Hessen, Niedersachsen und Bremen wird dafür die Anwendungsplattform IVENA eHealth® (Interdisziplinärer Versorgungsnachweis) der mainis-IT Service GmbH eingesetzt. Mit ihr besteht eine transparente Echtzeitübersicht der fach- und intensivmedizinischen Ressourcen mit der Möglichkeit der Steuerung durch die Rettungsleitstelle beziehungsweise eine direkte Klinikauswahl durch die angeschlossenen Rettungsdienste.

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Zur Bewältigung der COVID-19-Pandemie wurde von der mainis-IT Service GmbH, unter medizinischer Fachberatung ausgewählter Anwendergruppen, ein IVENA-Zusatztool zur speziellen Erfassung von klinischen COVID-19-Ressourcen entwickelt. Seit dem 15. März erfolgt die zusätzliche webbasierte, landesweite Echtzeiterfassung der klinischen COVID-19-Kapazitäten. Dabei wurden auch Kliniken mit einbezogen, die IVENA bislang nicht genutzt haben. Alle Akutkliniken liefern seither webbasiert die festgelegten Datensätze zu den COVID-19-Patienten. Neben den intensivmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten werden dabei auch die stationären Normalkapazitäten für COVID-19-Patienten erfasst und für alle angeschlossenen Kliniken in Echtzeit dargestellt.

Das IVENA-Zusatztool zeigt die Verteilung der COVID- 19-Kapazitäten in Niedersachsen und Bremen.
Das IVENA-Zusatztool zeigt die Verteilung der COVID- 19-Kapazitäten in Niedersachsen und Bremen.

Die angeschlossenen Rettungsdienste und Leitstellen erhalten zusätzlich auf der bekannten IVENA-Arbeitsoberfläche die Informationen des COVID-19-Sonderlagentools. Hierdurch können die Patienten den passenden klinischen Fachabteilungen zugewiesen werden. Zudem wurde kurzfristig die Möglichkeit geschaffen, dass auch Bundesländer ohne bisherigen Betrieb der Basissoftware IVENA an das System angeschlossen werden konnten. Einige Bundesländer erweitern zurzeit die landesweite Kapazitätenerfassung auch um Rehabilitationskliniken und weitere stationäre Versorgungseinrichtungen. Hierdurch werden periphere Ressourcen für Patientenverlegungen, zur Entlastung von Akutkliniken, transparent für alle Teilnehmenden dargestellt. Schließlich besteht in einigen Bundesländern auch eine öffentliche Ansicht der IVENA-Plattform (1, 2). Über die öffentliche Kartenansicht können die landesweite Belegung, die Verfügbarkeiten und die beteiligten Kliniken eingesehen werden (siehe Grafik).

Deutlich mehr Ressourcen

Die vorliegende Auswertung des IVENA-Sonderlagentools in Niedersachsen und Bremen bezieht sich auf den Zeitraum vom 15. März bis zum 18. April 2020. Am 23. März konnten für erwachsene COVID-19-Patienten 923 sofort verfügbare freie Normalstationsplätze sowie 333 Intensivbehandlungsplätze mit 332 Beatmungsgeräten aufgezeigt werden. Für an COVID-19 erkrankte Kinder waren 84 Normalstationsplätze, zwölf Intensivplätze und 14 Beatmungsgeräte als sofort verfügbar gemeldet. Bereits mit COVID-19-Patienten beziehungsweise mit Verdachtsfällen belegt waren zu diesem Zeitpunkt 170 Patienten auf Normalstation und 82 auf Intensivstation, von denen 81 beatmet wurden.

Am 18. April 2020 waren in Niedersachsen und Bremen 2 097 Betten auf Normalstationen sowie 662 Intensivbetten mit 715 Beatmungsgeräten und 15 ECMO-Ressourcen als sofort verfügbar gemeldet. In Behandlung befanden sich zu diesem Zeitpunkt 734 COVID-19-Patienten inklusive Verdachtsfällen auf Normalstation und 232 auf Intensivstation, von denen 158 beatmet und neun mit ECMO-Ressourcen behandelt wurden.

System nicht überlastet

Es zeigte sich somit innerhalb von vier Wochen ein deutlicher Anstieg der geschaffenen Ressourcen für COVID-19-Patienten bei einem gleichzeitigen Anstieg der Behandlungsfälle. Hierbei wurden in Niedersachsen circa ein Drittel der zusätzlichen Intensivkapazitäten und ein Viertel der zusätzlichen Normalstationskapazitäten genutzt. Aufgrund der transparenten Ressourcendarstellung konnten ausgewählte Patienten kurzfristig auch einer (meist überregionalen) freien ECMO-Therapie zugeführt werden. Besonders überregionale Intensivverlegungen erfordern hierbei zusätzliche spezielle Transportmittel wie Intensivtransportwagen, die in einigen Bundesländern landesweit und zentral koordiniert werden (3, 4). Die Verfügbarkeit eines hoch spezialisierten Intensivtransportsystems nimmt dabei eine Schlüsselstellung ein, durch die sich die Limitierungen einer größeren Anzahl von überregionalen Intensivverlegungen im Rahmen der COVID-19-Pandemie zeigen.

Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich feststellen, dass es bisher in keiner Region in Niedersachsen und Bremen zur Ausschöpfung der zusätzlichen klinischen Ressourcen für COVID-19 gekommen ist. Es zeigen sich aber auch deutlich Ballungsräume mit einem erhöhten Versorgungsaufkommen. Beispielsweise lag die Auslastung der COVID-19-Normalbetten in der Region Hannover zeitweise bei 60 Prozent, die Auslastung der Intensivkapazitäten bei 55 Prozent. Dies lässt sich einerseits durch den Ballungsraum mit höherer Einwohnerdichte, andererseits aber auch durch überregionale Versorgung in einem ECMO-Zentrum erklären.

Seitens des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium wurde am 8. April die Teilnahme aller bundesdeutschen Akutkliniken am Intensiv- und Beatmungsregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) verpflichtend verordnet und die Nichtteilnahme mit Vergütungsabschlägen sanktioniert (5). Dieses Register soll eine bundesweite Transparenz aller belegten und freien Intensivkapazitäten, nicht nur der COVID-19-Kapazitäten, herstellen. Es wird dazu einmal täglich bis um 9 Uhr von den registrierten Kliniken aktualisiert. Anschließend werden seitens der DIVI ausgewählte Daten in den täglichen Lagebericht des Robert Koch-Instituts (RKI) integriert. Der Lagebericht des RKI ergab hierbei für den 24. April um 9.15 Uhr bei 1 254 teilnehmenden Klinikstandorten insgesamt 32 396 registrierte Intensivbetten, von denen 19 541 (60 Prozent) belegt und 12 855 (40 Prozent) frei waren (6).

Eine automatische Datenübertragung aus dem IVENA-Sonderlagen-Tool ist bisher noch nicht realisiert worden, soll aber erfolgen. Dabei dient das DIVI-Intensivregister hauptsächlich der Dokumentation aller verfügbaren intensivmedizinischen Ressourcen. Es kann aber nicht zur direkten rettungsdienstlich-klinischen regionalen oder landesweiten Ressourcensteuerung verwendet werden, da bisher keine direkte Echtzeitverbindung zwischen Rettungsleitstellen, Koordinierungsstellen und Kliniken verfügbar sind.

Die Herausforderung besteht zukünftig in einer Anpassung der klinischen Zusatzkapazitäten für COVID-19-Behandlungen, parallel zur klinischen, fachspezifischen (Notfall-)Versorgung. Denn aufgrund der intensivmedizinischen Verweildauer führt auch eine mäßige Anzahl von intensivmedizinischen Neuaufnahmen von COVID-19-Patienten mittelfristig zu längeren Belegungszeiten. Zurzeit werden regionale Prognosemodelle entwickelt, um eine Anpassung der intensivmedizinischen Versorgungsmöglichkeiten für COVID-19-Patienten an das jeweilige Notfall- und Elektivprogramm zu ermöglichen.

Positive Erfahrungen

Die geschilderten positiven Erfahrungen mit bereits etablierten, teilweise landesweit vernetzten Strukturen zeigen deutlich das Entwicklungspotenzial und auch die Notwendigkeit solch überregionaler Systemlösungen. Unter Beachtung aller gesetzlichen Rahmenbedingungen sollten Netzwerke etabliert beziehungsweise weiter ausgebaut werden. Diese Netzwerke sollten zusätzlich bei länderübergreifenden Sonderlagen kurzfristig über definierte IT-Schnittstellen und klar definierte Verantwortlichkeiten eine reibungslose Zusammenarbeit ermöglichen. Hierfür müssen entsprechende technische Lösungen gefunden und geeignete Finanzierungsmodelle entwickelt werden.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2020; 117(24): A 1206–7

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Andreas Flemming
Medizinische Hochschule Hannover
Stabsstelle Interdisziplinäre Notfall- und Katastrophenmedizin
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover
flemming.andreas@mh-hannover.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2420
oder über QR-Code.

1.
https://www.ivena-niedersachsen.de.
2.
http://ivena.de/page.php?k1=main&k2=index.
3.
Roessler M, et al.: Intensivverlegung in Niedersachsen. Anaesthesist 2011. 60: 759–71 CrossRef MEDLINE
4.
Flemming A: Herausforderung Intensivtransport (DAAF Refresher Course Nr. 37, 2011; 201–16).
5.
BMG: Verordnung zur Aufrechterhaltung und Sicherung intensivmedizinischer Krankenhauskapazitäten (DIVI IntensivRegister-Verordnung) vom 8. April 2020. Veröffentlicht am Donnerstag, 9. April 2020. BAnz AT 9. April 2020 V .
6.
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Gesamt.html (last accessed on 18. April 2020).
Stabsstelle Interdisziplinäre Notfall- und Katastrophenmedizin, Medizinische Hochschule Hannover: Prof. Dr. med. Flemming, Dr. med. Ringe

Klinik für Pneumologie, Medizinische Hochschule Hannover: Prof. Dr. med. Hoeper, Prof. Dr. med. Welte
1.https://www.ivena-niedersachsen.de.
2.http://ivena.de/page.php?k1=main&k2=index.
3.Roessler M, et al.: Intensivverlegung in Niedersachsen. Anaesthesist 2011. 60: 759–71 CrossRef MEDLINE
4.Flemming A: Herausforderung Intensivtransport (DAAF Refresher Course Nr. 37, 2011; 201–16).
5. BMG: Verordnung zur Aufrechterhaltung und Sicherung intensivmedizinischer Krankenhauskapazitäten (DIVI IntensivRegister-Verordnung) vom 8. April 2020. Veröffentlicht am Donnerstag, 9. April 2020. BAnz AT 9. April 2020 V .
6. https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Gesamt.html (last accessed on 18. April 2020).

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