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MEDIZIN: Kurzmitteilung

Häusliche Gewalt vor und während der COVID-19-Pandemie

Ein Vergleich von zwei bevölkerungsrepräsentativen Befragungen

Domestic violence before and during the COVID-19 pandemic—a comparison of two representative population surveys

Kliem, Sören; Baier, Dirk; Kröger, Christoph

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Die COVID-19-Pandemie hat weltweit erhebliche gesundheitliche, aber auch gesellschaftliche Veränderungen hervorgerufen. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, wurden ab März 2020 in Deutschland weitreichende Infektionsschutzmaßnahmen angeordnet (zum Beispiel Kontaktbeschränkungen, Homeoffice, Schulschließungen). Obgleich diese Maßnahmen entscheidend dazu beitragen, der Ausbreitung der Krankheit sowie einer Überlastung des Gesundheitssystems vorzubeugen (1), können sie auch tief greifende Auswirkungen auf das soziale Miteinander haben. So wurde unter anderem erwartet, dass aufgrund der pandemiebedingten Kontakteinschränkungen ein Anstieg häuslicher Gewalt erfolgen würde.

Hellfeldanalysen (zum Beispiel die polizeiliche Kriminalstatistik), die derzeit bei der Untersuchung des Zusammenhangs zwischen COVID-19-Pandemie und häuslicher Gewalt dominieren, erfassen nur den Anteil der häuslichen Gewalt, welcher der Polizei oder Beratungsstellen gemeldet wird. Ein vollständigeres Bild kann durch repräsentative Befragung der Gesamtbevölkerung nach eigener Täter- beziehungsweise Opferschaft erreicht werden (Dunkelfeldbefragung). Solche Befragungen weisen zudem den Vorteil auf, dass sie nicht von möglichen Veränderungen der Anzeigebereitschaft beziehungsweise einer Zunahme der sozialen Kontrolle durch eine präsentere Nachbarschaft beeinflusst werden.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, anhand von zwei bundesweiten bevölkerungsrepräsentativen Dunkelfeldbefragungen aus den Jahren 2016 und 2021 die Folgen der im Zeitraum von März 2020 bis März 2021 durchgeführten Infektionsschutzmaßnahmen auf die Prävalenz häuslicher Gewalt einzuschätzen.

Methode

Die erste Befragung erfolgte im Zeitraum von Januar bis März 2016 („Vergleichserhebung“), die zweite Befragung im Zeitraum von Februar bis März 2021 („Erhebung während der allgemeinen Infektionsschutzmaßnahmen“). Beide Erhebungen waren als Mehrthemenbefragung konzipiert. Die Stichprobenziehung erfolgte durch ein mehrstufiges Zufallsauswahlverfahren und anschließende Quotierungen, um ein adäquates Abbild der Grundgesamtheit (deutsche Allgemeinbevölkerung) zu gewährleisten.

Die Befragung wurde bei der teilnehmenden Person zu Hause in Anwesenheit einer geschulten Person – aber ohne Einflussnahme und unter Wahrung der Anonymität – durchgeführt. Einschlusskriterien waren: Alter ≥ 16 Jahre und das Verständnis deutscher Schriftsprache. Beide Erhebungen erfassen anhand derselben Fragebögen die Raten häuslicher Gewalt (physische Gewalt in der Partnerschaft und psychische sowie physische Gewalt gegenüber Kindern) in den vergangenen zwölf Monaten (Grafik).

Übersicht zum Untersuchungsdesign
Grafik
Übersicht zum Untersuchungsdesign

Befragt wurden 2016 N = 2 510 und 2021 N = 2 029 Personen befragt. Für die vorliegende Untersuchung wurden n = 1 317 (2016) und n = 1 005 (2021) Befragte mit Partner sowie n = 508 und n = 378 Befragte mit Kind (im eigenen Haushalt lebend) ausgefiltert. Die Befragten mit Partner waren im Mittel 50,1 (2016) beziehungsweise 52,2 (2021) Jahre alt; Befragte mit Kind 39,7 beziehungsweise 39,5 Jahre. Die Referenzkinder (jüngstes Kind im Haushalt) waren im Mittel 8,3 (2016) beziehungsweise 7,7 (2021) Jahre alt.

Es wurden drei Module des Family Maltreatment Measure (2) eingesetzt. Alle Befragten beantworteten jeweils sechs Items zur Opfer- und Täterperspektive partnerschaftlicher Grenzüberschreitungen (zum Beispiel Stoßen, Schlagen, Beißen) sowie jeweils vier Items, die Aspekte psychischer Gewalt (zum Beispiel Zerstörung wichtiger Dinge [beispielsweise Lieblingspuppe], Erniedrigung) sowie physischer Misshandlungen von Kindern erfassen (zum Beispiel Schlagen auf Hintern, Schlagen mit Gegenstand). Das Studienprozedere wurde von der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig geprüft und bewilligt.

Ergebnisse

In der Tabelle werden die 12-Monats-Prävalenzraten häuslicher Gewalt sowie die Prävalenzentwicklung in Prozentpunkten dargestellt. Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass Abweichungen relevanter Stichprobenmerkmale (zum Beispiel Alters- oder Einkommensverteilung) den Vergleich der Befragungswellen verzerren könnten, wurden sämtliche Analysen mittels IPTW-Gewichtungsmethode (IPTW, „inverse probability of treatment weighting“) korrigiert (3).

Ergebnisse der Multilevel-Analysen zur zeitlichen Veränderung häuslicher Gewalt (12-Monats-Prävalenz)
Tabelle
Ergebnisse der Multilevel-Analysen zur zeitlichen Veränderung häuslicher Gewalt (12-Monats-Prävalenz)

Weder für die partnerschaftliche Gewalt aus Opferperspektive (weibliche Befragte: +0,1 Prozentpunkte [PP], p = 0,94; männliche Befragte: −2,1 PP, p = 0,37) oder die Täterperspektive (+0,7 PP, p = 0,63; −3,1 PP, p = 0,16) noch für die physische (Mütter: −4,1 PP, p = 0,20; Väter: −4,2 PP, p = 0,43) und psychische Gewalt (−3,0 PP, p = 0,21; +2,0 PP, p = 0,60) gegenüber Kindern konnten signifikante Veränderungen der relevanten 12-Monats-Prävalenzraten (2016 versus 2021) festgestellt werden.

Diskussion

Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass die in Deutschland implementierten Maßnahmen zum Infektionsschutz nicht unmittelbar die negativen Auswirkungen haben, die im Rahmen medialer und politischer Diskurse teilweise erwartet wurden. Dieser Befund weist darauf hin, dass die Bewertung der Folgen von Maßnahmen zum Infektionsschutz dringend einer empirischen Basis bedürfen und weitere Forschungsbemühungen hier entsprechend erfolgen sollten.

Die Betrachtung häuslicher Gewalt erscheint hierbei als ein wesentlicher Aspekt, weil die nachteiligen gesundheitlichen Folgen hinreichend und gründlich dokumentiert sind (4, 5). Der vorliegende Beitrag kann also nur als ein Zwischenschritt zu weiteren Forschungsbemühungen verstanden werden und ist selbstverständlich nicht frei von Limitationen (zum Beispiel Verzerrungen aufgrund sozial erwünschter Antworten oder aufgrund selektiverer Zugangsmöglichkeiten zu Zielpersonen während der Corona-Pandemie und hiermit verbundener Quotierung). Auch sollte angemerkt werden, dass aufgrund des zugrunde liegenden Forschungsdesigns nicht ausgeschlossen werden kann, dass spezifische und eventuell unterrepräsentierte Risikogruppen (zum Beispiel sozial benachteiligte Familien, Alleinerziehende, Familien mit verhaltensauffälligen Kindern) womöglich dennoch bedeutsame Verschlechterungen hinsichtlich häuslicher Gewalt erfahren mussten. Auch kann nicht geklärt werden, ob in Familien, die bereits von häuslicher Gewalt betroffen sind, die Häufigkeit oder Intensität von Übergriffen während der Maßnahmen zugenommen hat.

Diese Fragestellungen sollten daher im Rahmen zukünftiger Forschungsbemühungen weiterverfolgt werden, insbesondere auch, um mittel- und langfristig die vorhandenen Ressourcen innerhalb des Versorgungssystems zielgerichtet zu verteilen.

Sören Kliem, Dirk Baier, Christoph Kröger

Fachbereich Sozialwesen, Ernst-Abbe-Hochschule Jena – University of Applied Sciences (Kliem), soeren.kliem@eah-jena.de

Institut für Delinquenz und Kriminalprävention, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (Baier)

Institut für Psychologie, Universität Hildesheim (Kröger)

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 19. 5. 2021, revidierte Fassung angenommen: 16. 6. 2021

Zitierweise
Kliem S, Baier D, Kröger C: Domestic violence before and during the COVID-19 pandemic—a comparison of two representative population surveys. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 483–4. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0267

Dieser Beitrag erschien online am 25. 6. 2021 (online first) auf www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Mayr V, Nußbaumer-Streit B, Gartlehner G: Quarantäne alleine oder in Kombination mit weiteren Public-Health-Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19 Pandemie: ein Cochrane Rapid Review. Gesundheitswesen 2020; 82: 501–6 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Heyman RE, Snarr JD, Slep AMS, Baucom KJW, Linkh DJ: Family Maltreatment Measure. APA PsycTests 2020. DOI: org/10.1037/t73152–000 CrossRef
3.
Kuss O, Blettner M, Börgermann J: Propensity score: an alternative method of analyzing treatment effects—part 23 of a series on evaluation of scientific publications. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 597–603 VOLLTEXT
4.
Garcia-Moreno C, Jansen HA, Ellsberg M, Heise L, Watts CA: Prevalence of intimate partner violence: findings from the WHO multi-country study on women’s health and domestic violence. Lancet 2006; 368: 1260–9 CrossRef MEDLINE
5.
Gilbert R, Widom CS, Browne K, et al.: Burden and consequences of child maltreatment in high-income countries. Lancet 2009; 373: 68–81 CrossRef MEDLINE
Übersicht zum Untersuchungsdesign
Grafik
Übersicht zum Untersuchungsdesign
Ergebnisse der Multilevel-Analysen zur zeitlichen Veränderung häuslicher Gewalt (12-Monats-Prävalenz)
Tabelle
Ergebnisse der Multilevel-Analysen zur zeitlichen Veränderung häuslicher Gewalt (12-Monats-Prävalenz)
1.Mayr V, Nußbaumer-Streit B, Gartlehner G: Quarantäne alleine oder in Kombination mit weiteren Public-Health-Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19 Pandemie: ein Cochrane Rapid Review. Gesundheitswesen 2020; 82: 501–6 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Heyman RE, Snarr JD, Slep AMS, Baucom KJW, Linkh DJ: Family Maltreatment Measure. APA PsycTests 2020. DOI: org/10.1037/t73152–000 CrossRef
3.Kuss O, Blettner M, Börgermann J: Propensity score: an alternative method of analyzing treatment effects—part 23 of a series on evaluation of scientific publications. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 597–603 VOLLTEXT
4.Garcia-Moreno C, Jansen HA, Ellsberg M, Heise L, Watts CA: Prevalence of intimate partner violence: findings from the WHO multi-country study on women’s health and domestic violence. Lancet 2006; 368: 1260–9 CrossRef MEDLINE
5.Gilbert R, Widom CS, Browne K, et al.: Burden and consequences of child maltreatment in high-income countries. Lancet 2009; 373: 68–81 CrossRef MEDLINE

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