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MEDIZIN: Korrespondenz

Erfahrungen von sexualisierter Gewalt und psychische Belastungen bei männlichen und weiblichen neuankommenden Geflüchteten in Deutschland

Sexual violence and mental health in male and female refugees newly arrived in Germany

Nesterko, Yuriy; Schönenberg, Kim; Glaesmer, Heide

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Sexualisierte Gewalt im Kontext von Krieg und Vertreibung ist eine der schwerwiegendsten Menschenrechtsverletzungen, die häufig Traumafolgestörungen bei den Betroffenen auslöst (1). Sexualisierte Gewalt ist ein Tabuthema, das häufig zur Stigmatisierung der Betroffenen führt und folglich sowohl von diesen als auch vom sozialen Umfeld, in dem die Gewalt stattfindet oder die Betroffenen leben, umfassend verschwiegen wird (2). Sexualisierte Gewalt umfasst jegliche Art psychischer und physischer Gewalt, die Geschlechtsmerkmale beziehungsweise Sexualität einer oder mehrerer Personen angreift. Insbesondere in Konflikt- und Postkonfliktregionen wird zwischen Vergewaltigung und/oder Gruppenvergewaltigung, sexualisierten Folterpraktiken, Genitalverstümmelungen, sexualisierter Erniedrigung und den Androhungen von sexualisierter Gewalt unterschieden (1). Nach dem derzeitigen Kenntnisstand ist die überwiegende Mehrheit der Betroffenen weiblich, in letzter Zeit hat jedoch eine wachsende Anzahl von Berichten die Existenz und das Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Männer und Jungen im Kontext von Krieg und Vertreibungen dokumentiert (3, 4). Wissenschaftliche Arbeiten, die systematisch sexualisierte Gewalterfahrungen und die möglichen Folgen für die psychische Gesundheit bei Geflüchteten untersuchen, fehlen bislang.

Methode

Deskriptive Analysen zu psychischen Belastungen von Geflüchteten mit Erfahrungen von sexualisierter Gewalt werden anhand der Daten einer Querschnittstudie in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende in Sachsen vorgestellt. Im Zeitraum Mai 2017 bis einschließlich Juni 2018 wurden von insgesamt 1 316 neu aufgenommenen erwachsenen Bewohnern 562 Personen (Rücklaufquote: 42,7 %) zu Erfahrungen von sexualisierter Gewalt, depressiven (PHQ-9), somatoformen (SSS-8) und posttraumatischen Belastungssymptomen (PCL-5) befragt. Der Fragebogen lag in zehn verschiedenen Sprachen (Albanisch, Arabisch, Englisch, Farsi, Französisch, Kurdisch, Russisch, Tigrinya, Türkisch und Urdu) hin- und rückübersetzt vor. Detaillierte Informationen zum Studienablauf finden sich bei Nesterko et al. (5). Erfahrungen von sexualisierter Gewalt wurden mit zwei Items der Life-Events-Checklist „Sexueller Übergriff (Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung, zu irgendeiner Art von sexueller Handlung durch Gewalt oder Androhung von Gewalt gezwungen werden)“ und/oder „Andere unerwünschte sexuelle Erfahrungen“ erfasst.

Ergebnisse

Soziodemografische und fluchtbezogene Charakteristika der Gesamtstichprobe sowie der Subgruppen mit und ohne Erfahrungen von sexualisierter Gewalt sind Tabelle 1 zu entnehmen. Insgesamt gaben 206 (36,7 %) Personen (128 von 392 Männern [32,6 %] und 78 von 170 Frauen [45,9 %]) an, sexualisierte Gewalt (81,6 % selbst erfahren [n = 168; 66 Frauen und 102 Männer] und 18,4 % [n = 38; 12 Frauen und 26 Männer] ausschließlich Zeugenschaft) erlebt zu haben. Im Vergleich zu den Befragten ohne Erfahrungen von sexualisierter Gewalt wurden bei den Befragten mit solchen Erfahrungen höhere Prävalenzen für depressive Symptome (27 % versus 18 %; Odds Ratio [OR]: 1,6, 95-%-Konfidenzintervall: [1,1; 2,5], p = 0,021) und Symptome für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) (45,1 % versus 30,3 %; OR: 1,8, [1,3; 2,6], p = ,001) ermittelt (Tabelle 2). Darüber hinaus wurden Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Betroffenen geprüft. Es wurde eine höhere Prävalenz für somatoforme Beschwerden bei Frauen im Vergleich zu Männern (50 % vs. 29,8 %; ϰ2(1) = 8,2, p = 0,004) ermittelt, jedoch keine Geschlechtsunterschiede für Depressions- und PTBS-Symptome.

Soziodemografische und fluchtbezogene Charakteristika von Befragten mit und ohne Erfahrungen von sexualisierter Gewalt
Tabelle 1
Soziodemografische und fluchtbezogene Charakteristika von Befragten mit und ohne Erfahrungen von sexualisierter Gewalt
Somatoforme Beschwerden, Depressions- und PTBS-Symptome bei Befragten mit und ohne Erfahrungen von sexualisierter Gewalt
Tabelle 2
Somatoforme Beschwerden, Depressions- und PTBS-Symptome bei Befragten mit und ohne Erfahrungen von sexualisierter Gewalt

Diskussion und Ausblick

Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung liefern erstmals Daten zur Häufigkeit und den möglichen psychischen Folgen sexualisierter Gewalt bei weiblichen und männlichen Geflüchteten, die in Deutschland Asyl suchen. Die ermittelten Prävalenzen sollten jedoch vor dem Hintergrund eines möglichen Selektionsbias betrachtet werden: Sowohl eine Überschätzung aufgrund der Selektivität der Stichprobe, als auch eine Unterschätzung aufgrund der starken Tabuisierung des Phänomens sind denkbar. Aufgrund einer explorativen Herangehensweise wird die Notwendigkeit weiterer systematischer und differenzierterer Auseinandersetzung mit dem Thema deutlich. Aus methodischen Gründen war es im Rahmen dieser Studie nicht möglich, die verschiedenen Formen sowie Zeitpunkte des Auftretens der sexualisierten Gewalt zu erfassen und entsprechend zu analysieren. Weiterführende Forschung sollte diesem Aspekt deshalb detaillierter nachgehen. Hierbei sollte weiterhin die Geschlechtsspezifik im Fokus stehen.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass männliche Geflüchtete zwar seltener als weibliche, aber dennoch im vergleichbar erheblichen Ausmaß betroffen sein können. Die Vermutung liegt nahe, dass die Form des Gewaltaktes (zum Beispiel Vergewaltigung versus sexualisierte Folter), Anzahl der Übergriffe (wiederholt versus einmalig) sowie Angaben zu Zeitpunkten und Orten der Tat (vor, während, nach der Flucht beziehungsweise im Herkunftsland, in Transitländern, im sicheren Aufnahmeland) nützliche Informationen zum besseren Verständnis von psychischen Folgen und deren Behandlung bei den Betroffenen liefern würden. Zukünftige Forschung soll sich darüber hinaus störungsspezifisch auf mögliche Schutz- und Risikofaktoren sowie Symptomverläufe fokussieren. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, dass die Thematik insgesamt mehr Aufmerksamkeit auch in der somatischen Medizin bekommt, da die betroffenen Patientinnen und Patienten dort oft mit anderen initialen Behandlungsanliegen gesehen werden, sexualisierte Gewalt aber sowohl ursächliche Bedeutung haben kann als auch im Sinne einer traumasensiblen Versorgung bekannt und beachtet werden sollte.

Die übergeordnete Aufgabe für klinisch und wissenschaftlich Tätige besteht darin, sexualisierte Gewalt zu enttabuisieren, das heißt, gezielt danach zu fragen, männliche Betroffenen mehr in den Fokus zu rücken, die Betroffenen allgemein zu entstigmatisieren und spezifische Versorgungsangebote zu entwickeln und entsprechend anzubieten.

Yuriy Nesterko, Kim Schönenberg, Heide Glaesmer

Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universität Leipzig (Nesterko, Schönenberg, Glaesmer)
yuriy.nesterko@medizin.uni-leipzig.de

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 11.11. 2020, revidierte Fassung angenommen: 7. 1. 2021

Zitierweise
Nesterko Y, Schönenberg K, Glaesmer H: Sexual violence and mental health in male and female refugees newly arrived in Germany. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 130–1.
DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0120

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
United Nations: Conflict related sexual violence. 2018. www.un.org/sexualviolenceinconflict/wp-content/uploads/2019/04/report/s-2019-280/Annual-report-2018.pdf (last accessed on 18 March 2020).
2.
Misra A: The landscape of silence. Sexual violence against men in war. London: C. Hurst & Co. 2015; 174–5.
3.
Feron E: Wartime sexual violence against men. Masculinities and power in conflict zones. London: Rowman & Littlefield International Ltd. 2018; 24–5.
4.
Sivakumaran S: Sexual violence against men in armed conflict. European J of Int Law 2007; 18: 253–76 CrossRef
5.
Nesterko Y, Jäckle D, Friedrich M, Holzapfel L, Glaesmer H: Prevalence of posttraumatic stress disorder, depression, and somatization in recently arrived refugees in Germany: an epidemiological study. Epidemiol Psychiatr Sci 2020; 29: e40, 1–11 CrossRef MEDLINE
Soziodemografische und fluchtbezogene Charakteristika von Befragten mit und ohne Erfahrungen von sexualisierter Gewalt
Tabelle 1
Soziodemografische und fluchtbezogene Charakteristika von Befragten mit und ohne Erfahrungen von sexualisierter Gewalt
Somatoforme Beschwerden, Depressions- und PTBS-Symptome bei Befragten mit und ohne Erfahrungen von sexualisierter Gewalt
Tabelle 2
Somatoforme Beschwerden, Depressions- und PTBS-Symptome bei Befragten mit und ohne Erfahrungen von sexualisierter Gewalt
1.United Nations: Conflict related sexual violence. 2018. www.un.org/sexualviolenceinconflict/wp-content/uploads/2019/04/report/s-2019-280/Annual-report-2018.pdf (last accessed on 18 March 2020).
2.Misra A: The landscape of silence. Sexual violence against men in war. London: C. Hurst & Co. 2015; 174–5.
3.Feron E: Wartime sexual violence against men. Masculinities and power in conflict zones. London: Rowman & Littlefield International Ltd. 2018; 24–5.
4.Sivakumaran S: Sexual violence against men in armed conflict. European J of Int Law 2007; 18: 253–76 CrossRef
5.Nesterko Y, Jäckle D, Friedrich M, Holzapfel L, Glaesmer H: Prevalence of posttraumatic stress disorder, depression, and somatization in recently arrived refugees in Germany: an epidemiological study. Epidemiol Psychiatr Sci 2020; 29: e40, 1–11 CrossRef MEDLINE

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