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Medizin

US-Institut hält EKG-Screening auf Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen nicht für sinnvoll

Mittwoch, 13. Juni 2018

/dpa

Chapel Hill/North Carolina – Ein Elektrokardiogramm (EKG), seit fast einem Jahrhundert ein unverzichtbares Instrument in der Diagnose kardialer Erkrankungen, hat als Screeninginstrument zur Berechnung des kardiovaskulären Risikos nach Einschätzung der US Preventive Services Task Force (USPSTF) keinen Stellenwert. Die Expertengruppe, die das US-Ge­sund­heits­mi­nis­terium berät, veröffentlichte ihre neuen Empfehlungen im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; 319: 2308–2314) und begründet sie mit einem Evidenzreport (JAMA 2018; 319: 2315–2328).

Für alle Kardiologen und auch für die meisten Hausärzte gehört ein EKG zu jedem Gesundheits-Check-up. Die Kosten der Untersuchung sind minimal und ein Zufallsbefund, etwa ein Vorhofflimmern, ist bei älteren Menschen keineswegs selten. Überhaupt ist ein EKG in den Krankenakten eine gute Grundlage für spätere Vergleiche.

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Es gibt gute Gründe, warum Ärzte auch bei einem gesunden Menschen ein EKG anfertigen sollten. In Italien wird allen Profisportlern zu Beginn ihrer Karriere geraten, sich kardiologisch untersuchen zu lassen. Eine QT-Verlängerung kann ein Hinweis auf eine genetische Erkrankung des Herzmuskels sein, die unerkannt zum plötzlichen Herztod im Wettbewerb führt, wofür es prominente Beispiele gibt. In Japan, wo genetische Herzerkrankungen häufiger sind als in westlichen Ländern, gehört ein EKG sogar zur Einschulungsuntersuchung. 

Für die Risikoabschätzung auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird ein EKG dagegen nicht benötigt. Der Framingham-Score und andere Risikorechner kommen ohne die Informationen aus einem EKG aus. Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker sind wichtigere prognostische Faktoren. Auch Alter, Geschlecht, Diabetes und Rauchen fließen in die Risikoberechnung ein, die heute Grundlage für präventive Therapien ist.

Ein Team um Daniel Jonas von der Universität von North Carolina in Chapel Hill hat im Auftrag der USPSTF untersucht, ob ein EKG die Risikoabschätzung verbessern könnte. Für das Ruhe-EKG ist dies niemals in einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT) untersucht worden. Zur Bedeutung des Belastungs-EKGs wurden 2 RCT bei Erwachsenen mit Diabetes durchgeführt. In keiner hatten die Ergebnisse der EKGs einen Einfluss auf spätere kardiovaskuläre Ereignisse.

Auch in 5 Kohortenstudien wurden kaum Hinweise gefunden, dass ein Belastungs-EKG die Vorhersage von Framingham-Score oder anderen Risikorechnern verbessern kann. Immerhin: Einige Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass ein EKG die Zuordnung der Patienten zu einer bestimmten Risikogruppe beeinflussen kann. Der Anteil der Patienten, die eine Neuklassifizierung erfuhren, lag zwischen 3,6 und 30 %. Dies allein reicht für die USPSTF jedoch nicht aus, um ein Ruhe- oder Belastungs-EKG in die Berechnung eines kardiovaskulären Risikos einzubeziehen.

Hinzu kommt, dass ein EKG nicht ganz „ungefährlich“ ist. Die Untersuchung selbst ist zwar nichtinvasiv und völlig risikolos. Es besteht jedoch die Gefahr, dass unklare Befunde zu unnötigen Folgeuntersuchungen führen. Eine Koronarangiographie ist mit einer Strahlenbelastung von 600 bis 800 Röntgenthorax-Untersuchungen verbunden, heißt es in dem Evidenzbericht. Er weist auf eine randomisierte kontrollierte Studie hin, in der ein Screening von Diabetikern auf „stumme“ Ischämien bei fast 5 % der Patienten eine Revaskularisierung veranlasste. die keine Vorteile gegenüber einer Vergleichsgruppe brachte, bei einem Patienten jedoch 3 Tage nach der Stent­implantation einen Herzinfarkt auslöste, den der Patient überlebte (Eur J Intern Med 2015; 26: 407–13).

Die USPSTF kommt zu der Empfehlung, dass Menschen mit einem niedrigen Risiko (10-Jahres-Ereignisrate von weniger als 10 %) nicht zu einem EKG-Screening geraten werden soll (Grad D). Für Patienten mit einem höheren Risiko reicht nach Ansicht der USPSTF die Studienlage derzeit nicht aus, um eine Empfehlung für oder gegen ein EKG-Screening abzugeben (I-statement). © rme/aerzteblatt.de

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