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Medizin

Hypothermie nach traumatischer Hirnverletzung ohne Nutzen

Freitag, 26. Oktober 2018

Thermographisches Bild der Front des ganzen Körpers einer Frau mit dem Foto, das unterschiedliche Temperaturen im Bereich von Farben von der blauen darstellenden Kälte zur roten darstellenden heißen zeigt, die Gelenkentzündung anzeigen kann.
Bei der Hypothermie wird die Körperkerntemperatur auf 33 °C bis 35 °C heruntergekühlt. Es folgt eine allmähliche Wiedererwärmung. Bei der Normothermie sind es 37 °C. /anitalvdb, stock.adobe.com

Melbourne/Paris – Erneut kommt eine multizentrische Studie zu dem Ergebnis, dass die Hypothermie nach traumatischer Hirnverletzung (TBI) keinen Nutzen hat (JAMA, 2018; doi: 10.1001/jama.2018.17075). Für die Autoren um Jamie Cooper und Alistair Nichol von der Monash University in Melbourne ist die Strategie damit gescheitert. Diese Ansicht teilt auch ein Experte der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Die Daten hatte Cooper gestern beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Intensivmedizin (ESICM) in Paris vorgestellt.

Etwa 50-60 Millionen Menschen weltweit erleiden jedes Jahr eine traumatische Hirnverletzung (TBI) und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung wird mindestens ein TBI im Laufe ihres Lebens erleiden.

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Schon lange diskutieren Experten kontrovers über die Vorteile der Kühlung des Gehirns in der Intensivstation nach einer TBI. Die Theorie: Die Abkühlung oder Unterkühlung reduziert die Gehirn­entzündung und daraus folgende Hirnschäden. Die POLAR-Studie mit 466 Patienten kann diese Theorie nicht bestätigen. Sie kommt zu dem Schluss, dass auch die frühzeitige und prophylaktische Hypothermie das klinisch-neurologische Endergebnis von Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma nicht verbessert.

Mit der Hypothermie begannen die Ärzte durchschnittlich 1,8 Stunden nach der Verletzung, die Wiedererwärmung erfolgte langsam nach etwa 22,5 Stunden. Günstige Ergebnisse gemessen am Glasgow Outcome Scale traten nach 6 Monaten bei 117 Patienten (48,8 %) in der Hypothermie-Gruppe und bei 111 (49,1 %) in der Kontrollgruppe auf. Das relative Risiko unterschied sich in beiden Gruppe nicht signifikant (RR = 0,99 [95 % CI, 0,82-1,19]; p = 0,94). Pneumonien und intrakranielle Blutung traten in den ersten 10 Tagen nach der Hypothermie etwas häufiger auf: Raten der Pneumonie 55,0 % gegenüber 51,3 %, und die Raten der erhöhten intrakraniellen Blutung betrugen 18,1 % gegenüber 15,4 %.

Mit anderen Worten: Die Translation eines experimentell höchst effektiven Prinzips in die Klinik hat wieder einmal nicht funktioniert. Andreas Unterberg, Universitätsklinikum Heidelberg

„Dies ist die 4. große randomisierte multizentrische Studie zum Thema ‚Hypothermie nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma’, die ein negatives Ergebnis zeigt“, resumiert Andreas Unterberg, Vertreter der Neuromedizin im Präsidium der DIVI. Das sei umso bedauerlicher, als zuvor viele experimentelle Studien in unterschiedlichsten Modellen eindeutige neuroprotektive Wirkungen der Hypothermie erbracht hatten. „Mit anderen Worten: Die Translation eines experimentell höchst effektiven Prinzips in die Klinik hat wieder einmal nicht funktioniert“, sagt der Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg dem Deutschen Ärzteblatt.

In Deutschland würde die Hypothermie beim Schädel-Hirn-Trauma nur sporadisch eingesetzt, ist Unterberg überzeugt und verweist darauf, dass die induzierte Hypothermie eines erheblichen personellen und apparativen Aufwandes bedürfe. Zudem könnte es zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen. „Die derzeit einzig wirksame, evidenzbasierte, neuroprotektive Methode beim schweren Schädel-Hirn-Trauma ist die dekompressive Kraniektomie bei therapieresistenter intrakranieller Drucksteigerung“, sagt der Neurochirurg.

Kraniektomie verbessert Prognose nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma

Cambridge – Eine Kraniektomie zur Entlastung eines erhöhten Hirndrucks hat in einer randomisierten Studie die Sterblichkeit von Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma gegenüber einer fortgesetzten medikamentösen Therapie halbiert. Viele der überlebenden Patienten verließen laut der Publikation im New England Journal of Medicine (2016; doi: 10.1056/NEJMoa1605215) die Klinik jedoch (...)

© gie/aerzteblatt.de

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