MEDIZINREPORT

Kardiovaskuläre Prävention: Rolle der Omega-3-Fettsäuren ist unklar

Dtsch Arztebl 2018; 115(9): A-388 / B-327 / C-327

Eckert, Nadine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Die aktuelle Evidenz spricht nicht dafür, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren Patienten mit bereits bestehender koronarer Herzkrankheit (KHK) oder einem hohen Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen schützen.

Foto: Eziutka/stock.adobe.com
Foto: Eziutka/stock.adobe.com

Ob Omega-3-Fettsäuren bei kardiovaskulärer Vorbelastung vor schweren Krankheitsereignissen schützen, wurde in zahlreichen Studien untersucht – die aber zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen. Eine neue Metaanalyse scheint die Frage nach dem präventiven Nutzen zu klären, doch es gibt Gegenargumente.

Metaanalyse zeigt keinen Schutz vor kardiovaskulären Ereignissen

Die aktuelle Evidenz spricht nicht dafür, dass Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren Patienten mit bereits bestehender koronarer Herzkrankheit (KHK) oder einem hohen Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen vor kardiovaskulären Ereignissen schützen. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt eine Meta-analyse von 10 großen randomisierten Interventionsstudien, an denen insgesamt 77 917 Personen teilnahmen.

Erprobt wurden Kombinationen aus Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). Die im Schnitt 64 Jahre alten Studienteilnehmer nahmen täglich Nahrungsergänzungsmittel mit 226–1 800 mg EPA und 0–1 700 mg DHA (in einer Studie wurde nur mit EPA supplementiert). Die Einnahmedauer lag zwischen 1,0 und 6,2 Jahren, im Mittel waren es 4,4 Jahre.

Hohes Erkrankungsrisiko der Studienpopulation

Das kardiovaskuläre Erkrankungsrisiko der Studienpopulationen war hoch. Insgesamt 66,4 % der Teilnehmer hatten bereits eine KHK in der Anamnese, 28 % einen Schlaganfall und 37 % litten an Diabetes. Im Beobachtungszeitraum kam es bei 15,4 % der Studienteilnehmer zu einem schweren vaskulären Ereignis, insgesamt waren es 12 001 Ereignisse, darunter 2 276 Herzinfarkte, 2 695 Todesfälle, 1 713 Schlaganfälle und 6 603 Revaskularisierungen.

Die Randomisierung auf einen Studienarm mit Omega-3-Fettsäure-Supplementierung war weder mit einem niedrigeren noch mit einem höheren Risiko für KHK-bedingte Ereignisse insgesamt (Rate Ratio [RR] 0,96; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 0,90–1,01; p = 0,12), KHK-bedingten Tod (RR 0,93; 99-%-KI 0,83–1,03; p = 0,05) oder nicht tödliche Herzinfarkte (RR 0,97; 99-%-KI 0,87–1,08; p = 0,40) assoziiert.

Ebenso wenig gab es einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Omega-3-Fettsäuren und dem Auftreten von schweren vaskulären Ereignissen insgesamt (RR 0,97; 95-%-KI 0,93–1,01; p = 0,10), Schlaganfällen (RR 1,03; 95-%-KI 0,93–1,13; p = 0,56) und Revaskularisierungen (RR 0,99; 95-%-KI 0,94–1,04; p = 0,61). Und auch auf die Gesamtmortalität hatte die Supplementierung keinen Effekt (RR 0,96; 95-%-KI 0,92–1,01; p = 0,16).

Der Ausschluss der einen Studie, in der die Teilnehmer statt einer Kombination aus DHA und EPA nur ein EPA-Präparat erhalten hatten, veränderte die Ergebnisse nicht. Auch in Subgruppenanalysen fanden sich keine signifikanten Assoziationen zwischen Omega-3-Fettsäuren und kardiovaskulären Ereignissen. Die Ergebnisse erwiesen sich als unabhängig von Geschlecht, KHK-Vorerkrankung, Diabetes, Gesamtcholesterin, HDL-Cholesterin, LDL-Cholesterin, Triglyzeriden oder Statintherapie.

Im Moment scheint die Studienlage nicht zu rechtfertigen, Patienten mit hohem kardiovaskulären Risiko zur Einnahme von Omega-3-Fettsäure-Präparaten zu raten. Doch Prof. Dr. med. Clemens von Schacky, Leiter der Abteilung Präventive Kardiologie der Ludwig Maximilians-Universität München und Betreiber von Omegametrix, einem Labor für Fettsäureanalytik, warnt davor, das Thema Omega-3-Fettsäure-Supplementation nun als erledigt zu betrachten (siehe 3 Fragen an ...).

Möglicherweise Effekte bei höheren Dosierungen?

Auch die Autoren der Metaanalyse betonen die Notwendigkeit weiterer Forschungsarbeiten: „Unsere Metaanalyse liefert keine Evidenz für eine Supplementierung mit circa 1 g Omega-3-Fettsäuren am Tag.“ Aber wie sieht es mit höheren Dosierungen aus? Das werden mehrere große randomisierte Studien mit weiteren 54 000 Studienteilnehmern zeigen, die derzeit noch laufen. „Die Studien STRENGTH und REDUCE-IT werden die Effekte viel höherer Dosierungen von Omega-3-Fettsäuren (3–4 g am Tag) auf vaskuläre Ereignisse überprüfen“, schreiben Aung und ihre Kollegen.

Bis neue, potenziell aufschlussreichere Evidenz zum Nutzen einer Nahrungsergänzung mit Omega-3-Fettsäuren zur Verfügung steht, bleiben die Empfehlungen der European Society of Cardiology: Danach sollten Ärzte ihren Patienten zu einer ausgewogenen Ernährung zur kardiovaskulären Prävention raten, vorzugsweise einer mediterranen Kost, die relativ fischreich ist. Weitere Nahrungsergänzungsmittel seien dann nicht notwendig.

Im Gegensatz dazu vertritt die American Heart Association die Ansicht, dass die Verwendung von Omega-3-Fettsäuren zur Prävention von KHK wahrscheinlich bei Personen mit vorheriger KHK und solchen mit Herzinsuffizienz und reduzierten Ejektionsfraktionen gerechtfertigt ist. Nadine Eckert

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Clemens von Schacky, Leiter der Abteilung Präventive Kardiologie der Ludwig Maximilians-Universität München

Wie ist die Diskrepanz der Ergebnisse der verschiedenen Studien zu Omega-3-Fettsäuren zu erklären?

Schaut man sich die Methodik der großen Interventionsstudien an, erkennt man, dass – unbeabsichtigt natürlich – eine sehr effektive Maßnahme zur Minimierung der Bioverfügbarkeit ergriffen wurde. Die Studienteilnehmer wurden angehalten, die Kapseln 1-mal täglich einzunehmen, meist morgens. Doch Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren müssen zur Hauptmahlzeit eingenommen werden, damit sie vom Körper aufgenommen werden können.

Welche Rolle spielt die Messung des Omega-3-Fettsäure-Spiegels?

Für die Effektivität einer Supplementation mit Omega-3-Fettsäuren spielt es eine große Rolle, wie hoch ihr Ausgangsspiegel ist. Dieser wichtige Aspekt ist in den bisherigen großen Interventionsstudien nicht berücksichtigt worden. Neue Studien sind dringend erforderlich, in denen die Supplemente nicht nur zur richtigen Zeit eingenommen, sondern auch Teilnehmer mit niedrigem Omega-3-Fettsäure-Spiegel rekrutiert werden müssen. Manche Menschen haben schon von vornherein einen hohen Spiegel, bei ihnen wird sich in einer Interventionsstudie kein Effekt zeigen.

Wie hoch sollte der Omega-3-Fettsäure-Spiegel sein?

Der HS-Omega-3-Index gibt den Prozentsatz an EPA und DHA an einer Gesamtzahl von 26 Fettsäuren an – gemessen in den Erythrozyten. Als optimal gilt ein Wert um 10 %. Einige kleinere Studien, bei denen sowohl auf den Ausgangs-Omega-3-Fettsäure-Spiegel als auch den Einnahmezeitpunkt geachtet wurde, zeichnen ein anderes Bild als die bisherigen Interventionsstudien: Bei einem Ausgangs-HS-Omega-3-Index von knapp über 5 % zeigte sich zum Beispiel ein signifikanter Effekt nach Herzinfarkt, der mit den erreichten Spiegeln korrelierte.

Omega-3-Fettsäuren

Omega-3-Fettsäuren gehören zu den mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Sie werden zu den essenziellen Fettsäuren gezählt, da der menschliche Körper nicht beziehungsweise nur in einem geringen Umfang dazu in der Lage ist, sie zu synthetisieren.

Unter dem Begriff Omega-3-Fettsäure subsumieren sich viele verschiedene Fettsäuren, von denen 3 für den menschlichen Stoffwechsel wichtig sind: α-Linolensäure, Docosahexaensäure (DHA) und Eicosapentaensäure (EPA). Pflanzliche Kost enthält fast ausschließlich α-Linolensäure, Fettfische wie Aal, Hering oder Sardinen enthalten DHA und EPA.

Da der Omega-3-Tagesbedarf nicht genau bekannt ist, können bislang keine konkreten Zufuhrempfehlungen ausgesprochen und stattdessen nur Schätzwerte definiert werden. Die D-A-CH-Referenzwerte der Deutschen Gesellschaft für Ernährung geben für die Zufuhr an Omega-3-Fettsäuren bei einem gesunden Erwachsenen einen Schätzwert von 0,5 % der täglichen Nahrungsenergie an.

Dies entspricht bei Zufuhr von 2 400 kcal einer Menge von etwa 1,3 g pro Tag, wobei sich diese Angabe im Wesentlichen auf die α-Linolensäure bezieht. Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wird die wünschenswerte Menge an α-Linolensäure bereits mit der Zufuhr von einem Esslöffel (15 ml) Rapsöl erreicht. Für den EPA- und DHA-Tagesbedarf liegt eine Empfehlung von 250–300 mg vor.

1.
Aung T, Halsey J, Kromhout D, et al.: Associations of Omega-3 Fatty Acid Supplement Use With Cardiovascular Disease Risks: Meta-analysis of 10 Trials Involving 77 917 Individuals. JAMA Cardiol 2018. doi:10.1001/jamacardio.2017.5205 CrossRef
2.
Heydari B, Abdullah S, Pottala JS, et al.: Effect of Omega-3 Acid Ethyl Esters on Left Ventricular Remodeling After Acute Myocardial Infarction The OMEGA-REMODEL Randomized Clinical Trial. Circulation 2016; 134 (5): 378–91 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Aung T, Halsey J, Kromhout D, et al.: Associations of Omega-3 Fatty Acid Supplement Use With Cardiovascular Disease Risks: Meta-analysis of 10 Trials Involving 77 917 Individuals. JAMA Cardiol 2018. doi:10.1001/jamacardio.2017.5205 CrossRef
2.Heydari B, Abdullah S, Pottala JS, et al.: Effect of Omega-3 Acid Ethyl Esters on Left Ventricular Remodeling After Acute Myocardial Infarction The OMEGA-REMODEL Randomized Clinical Trial. Circulation 2016; 134 (5): 378–91 CrossRef MEDLINE PubMed Central

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 7. März 2018, 20:02

Omega-3-Fettsäuren - natürlich oder synthetisch?

Seefische mit ihrem Gehalt an Jod, Eiweiß, Spurenelementen und langkettigen mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren (n-3 LCPUFA = n-3 long chain polyunsaturated fatty acid) werden in industrialisierten Ländern mit hohem Risiko von Adipositas, Hyperlipidämie, Hypertonie und metabolischem Syndrom nach wie vor kardioprotektiv eingeschätzt. Atlantischer Lachs hat 1,8 %, Sardellen 1,7 %, pazifische Sardinen 1,4 %, atlantischer Hering 1,2 % und die Makrele einen Gehalt von 1 % O-3-FS = n-3 LCPUFA. 300 g Lachs als Großportion hätte dann etwa 5400 mg und 300 g Makrele 3000 mg Omega-3-Fettsäuren gebracht. Extraportionen Leinöl (Linum usitatissimum) mit 56–71 % O-3-FS-Gehalt oder Walnussöl mit 13 %, könnten diese Nahrungszufuhr steigern.

Zum Vergleich: In einer omega3-loges® Kapsel sind 504 mg O-3-FS angegeben, davon 420 mg an Eicosapentaen- + Docosahexaensäure. Omacor®/Zodin® enthalten je Kapsel 840 mg veresterte O-3-FS. Wobei niemand die Frage beantworten kann, ob die Veresterung in diesen Präparaten nicht deren Wirkung einschränken könnte.

Einige Kommentatoren 'schwören' auf ihr Fischöl: Subjektiv verständlich und glaubhaft; aber fast alle Studiendaten ergeben keine statistisch ableitbare, generelle Leitlinien-Empfehlung.

Bis dahin viel Fisch, wenig(!) Alkohol und mediterrane Kost zur Verringerung des kardiovaskulären Risikos.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund ( z.Zt. Mauterndorf/A)

Zum Artikel

Fachgebiet

Fachgebiet

Weitere...

Anzeige