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Ärztlicher Arbeitsmarkt: Sehr gute Karrierechancen für Spezialisten in der Chirurgie

Dtsch Arztebl 2010; 107(37): A-1771 / B-1559 / C-1539

Martin, Wolfgang

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Auch das große Fachgebiet der Chirurgie bleibt nicht vom Nachwuchsmangel verschont. Andererseits ist in kaum einem anderen Fachgebiet der Spezialisierungstrend so ausgeprägt wie in der Chirurgie.

Der jährlich von Mainmedico ermittelte Facharztindex gibt Hinweise darauf, wie gut die Berufschancen in den einzelnen chir-urgischen Spezialgebieten sind. Für diesen Index wird die Zahl der für ein Fachgebiet im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Stellenanzeigen ins Verhältnis zur Zahl der in diesem Fachgebiet angestellt tätigen Ärztinnen und Ärzte gesetzt. So erhält man einen spezifischen Indexwert: Dieser gibt an, wie viele Fachärztinnen und Fachärzte rein rechnerisch auf eine Stellenausschreibung entfallen. Je niedriger der Indexwert, desto geringer ist für Fachärztinnen und Fachärzte die Zahl potenzieller Mitbewerber.

In der Gefäßchirurgie entfielen 2009 rein rechnerisch 6,6 Bewerber auf eine Stellenausschreibung. In der Viszeralchirurgie waren es 6,7, in der Thoraxchirurgie 7,8, in der Kinderchirurgie 10,2, in der Plastischen Chirurgie 11,0 und in der Orthopädie/Unfallchirurgie 13,7. In der Herzchirurgie wurde kein Indexwert ermittelt, weil hier die Zahl von insgesamt nur 13 ausgeschriebenen Stellen im Jahr 2009 zu gering war. Hervorzuheben ist, dass sich in den letzten Jahren die Nachfragesituation über alle Fachgebiete hinweg dramatisch verändert hat: Kamen 2004 im Durchschnitt rein rechnerisch 24,3 Fachärztinnen und Fachärzte auf eine Stellenausschreibung im Deutschen Ärzteblatt, waren es vier Jahre später nur noch 14,1. Im letzten Jahr lag der Vergleichswert mit 16 etwas höher.

Dass die Indexwerte für alle chir-urgischen Teilgebiete – mitunter erheblich – unter dem durchschnittlichen Indexwert liegen, zeigt, dass hier die Berufsaussichten nochmals deutlich besser sind als in vielen anderen Fachgebieten. Dies gilt besonders für die Gefäß- und Viszeralchirurgie.

Wie prekär die Bewerbersituation tatsächlich ist, wird beim Blick auf die Oberarztebene deutlich. Es fällt auf, dass die Zahl der Oberarztausschreibungen in der Chirurgie insgesamt in den letzten Jahren stark gestiegen ist, während die Zahl der Chefarztausschreibungen nahezu konstant geblieben ist (siehe Grafik). Kamen 2003 nur zwei Ausschreibungen von Oberarztpositionen auf eine Chefarztausschreibung, waren es fünf Jahre später bereits fünf.

Begehrte Oberärzte: Kamen 2003 nur zwei Ausschreibungen von Oberarztpositionen auf eine Chefarztausschreibung, waren es fünf Jahre später bereits fünf.
Begehrte Oberärzte: Kamen 2003 nur zwei Ausschreibungen von Oberarztpositionen auf eine Chefarztausschreibung, waren es fünf Jahre später bereits fünf.

Und wie sieht es mit potenziellen Bewerbern für die ausgeschriebenen Oberarztpositionen aus? In der Kinderchirurgie wurden im vergangenen Jahr 30 Positionen ausgeschrieben, die auch und gerade für junge Kinderchirurginnen und Kinderchir-urgen infrage kamen. Im Jahr 2008 haben aber überhaupt nur 28 Ärztinnen und Ärzte ihre Weiterbildung in diesem Fachgebiet abgeschlossen, es wurden also weniger Kinderchir-urgen ausgebildet als eigentlich benötigt. In der Gefäßchirurgie sah es nicht viel anders aus: Auf die 109 Stellenausschreibungen des vergangenen Jahres konnten sich rein rechnerisch gerade mal 135 „frischgebackene“ Gefäßchirurginnen und Gefäßchirurgen bewerben. Und auch in den anderen chirurgischen Fächern kommen höchstens zwei potenzielle Bewerber auf eine Oberarztausschreibung. Die Aussichten für diejenigen, die ihre erste Oberarztposition anstreben, sind also günstig.

Für das Fachgebiet Orthopädie und Unfallchirurgie kann eine solche Relation leider nicht exakt ermittelt werden, da immer noch viele Orthopäd(inn)en oder Unfallchirurg(inn)en nach alter Weiter­bildungs­ordnung die neue Facharztbezeichnung zusätzlich erwerben und es somit nicht ersichtlich ist, wie hoch der Anteil der wirklich neu zur Verfügung stehenden Fachärztinnen und Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie ist. Was ist nun der Grund für die überproportional steigende Zahl an Oberarztausschreibungen? Um wettbewerbsfähig zu werden beziehungsweise zu bleiben, treiben die Krankenhäuser die Profilierung ihres medizinischen Leistungsspektrums voran. Dazu gehört auch eine weitere Spezialisierung in den großen Fachgebieten; innerhalb der Chirurgie betrifft dies vor allem die Orthopädie/Unfallchirurgie und die Viszeralchirurgie. Die Häuser benötigen dafür natürlich auch die entsprechend spezialisierten Fachärztinnen und Fachärzte. Diese werden in der Regel auf der Oberarztebene eingestellt, entsprechend hoch ist hier die Nachfrage.

Besonders zu kämpfen haben die kleineren Krankenhäuser, die noch über eine ungeteilte Abteilung Viszeral-/Unfallchirurgie verfügen. Hier müssen die unfallchirurgischen Oberärzte in der Regel am gemeinsamen Bereitschaftsdienst teilnehmen. Immer weniger Orthopäden/Unfallchir-urgen aber können oder wollen dies übernehmen. Bei der großen Spezialisierung in den einzelnen Fachgebieten ist dies irgendwann auch nicht mehr leistbar. Hier stellt sich für viele Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung schon die grundsätzliche Frage, welche chirurgische Versorgung sie künftig noch anbieten wollen beziehungsweise können.

Wie bereits dargelegt, waren für die Spezialisten unter den Chirurgen die Chancen auf eine Oberarztposition noch nie so groß wie zurzeit. Aufgrund des Bewerbermangels ist hier beinahe schon ein Automatismus eingetreten: Entsprechend formal qualifizierte Kandidaten können sich die passende Oberarztstelle fast aussuchen. Das führt vielfach aber auch dazu, dass der Frage „Bin ich schon reif für eine Oberarztposition?“ zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Trotz der momentan sehr günstigen Nachfragesituation sollte die Bedeutung einer durchdachten individuellen Berufs- und Karriereplanung aber nicht unterschätzt werden. Zu beachten sind hier unterschiedliche Aspekte, rein fachliche ebenso wie die Verknüpfung von Berufs- und Lebensplanung. Und erst recht wenn es um das Karriereziel „Chefarzt/-ärztin“ geht, sollten die einzelnen Karriereschritte gut überlegt und vorbereitet werden, denn heute kommen rechnerisch deutlich mehr nachgeordnete Fachärztinnen und Fachärzte auf eine Chefarztposition, das heißt die Zahl potenzieller Mitbewerber ist gestiegen.

Dr. Wolfgang Martin
E-Mail: mainmedico@t-online.de

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