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Ärzteschaft

Coronapandemie: Experten wollen sofortige Maßnahmen für psychisch belastete Kinder und Jugendliche

Freitag, 26. März 2021

/davit85, stock.adobe.com

Berlin – Der Umgang der Politik mit Kindern und Jugendlichen in der Coronakrise ist beim Bundesver­band der Ver­tragspsychotherapeuten (bvvp) auf deutliche Kritik gestoßen. Das wurde vorgestern bei einer Online-Diskussions­veran­staltung deutlich.

­„Kinder und Jugendliche sind für unsere Gesellschaft sehr systemrelevant“, sagte der bvvp-Vorsitzende Benedikt Waldherr. Schließungen von Kitas, Schulen sowie Sport- und Freizeiteinrichtungen „finden in der Coronakrise inzwischen reflexartig statt, obwohl sich das zur Eindämmung des Pandemiegeschehens als ‚totes Pferd‘ erwiesen hat“.

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Dem aus der Einsamkeit, dem Mangel an sozialen Kontakten, der Bewegungsarmut und den großen Defi­ziten in der Bildung erwachsenen „massiven Leid“ der Kinder und Jugendlichen müsse die Politik sofort mit einem Maßnahmenpaket entgegenwirken.

Der bvvp hat deshalb ein breites Bündnis von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, und -psychi­a­tern – sowie Kinder- und Jugendärzten initiiert, die alle ein entschlossenes Handeln der Politik fordern.

Der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (bkjpp), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj), die Deutsche Psychotherapeutenvereini­gung (DPtV), die Vereinigung analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (VAKJP) und der bvvp legten mit Unterstützung von weiteren 20 Psychotherapeutischen Berufs- und Fachverbänden nun ihre Forderungen vor.

„Die Situation von Kindern und Jugendlichen hat sich bereits während der zweiten Coronawelle massiv verschlechtert und spitzt sich jetzt dramatisch zu“, sagte die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Beate Leinberger vom Vorstand des bvvp.

Die Online-Umfrage des Berufsverbands zum Thema „Psychische Belastungen und Lebensumstände bei Kindern und Jugendlichen in der Coronakrise“ (Laufzeit: Dezember bis Mitte Januar) unter 400 teilneh­men­den Praxen habe die großen psychischen Belastungen gezeigt: die Kinder leiden demzufolge sehr häufig an Leistungs- und Versagensängsten, depressiven Verstimmungen, Angst- und Schlafstörungen, Suizidalität, Neigung zu Selbstverletzungen und Substanzstörungen. Betroffen sind vor allem die 12- bis 17-Jährigen.

Bestätigt werden diese Aussagen der Kindertherapeuten, -psychiater und -ärzte unter anderem durch die zweite Befragung der COPSY-Studie (Corona und Psyche), die Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) durchgeführt haben. Die Studie ist bundesweit die erste und international eine der wenigen Längsschnittstudien ihrer Art.

Darüber hinaus ermittelte die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung in einer Blitzumfrage bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Januar, dass im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Patienten­anfra­gen in den Praxen um durchschnittlich 60 Prozent angestiegen sind.

Soziale Isolation ist der größte Risikofaktor

„Soziale Isolation ist grundsätzlich der größte Risikofaktor für die Ausbildung von psychischen Störun­gen bei Kindern und Jugendlichen“, erklärte Thomas Löw, Leiter der Abteilung für Psychosomatik am Universitätsklinikum Regensburg. Weitere Risikofaktoren seien elterlicher Stress, Veränderung der Ar­beitsbedingungen der Eltern und eine geringe Resilienz der Kinder.

In den Zeiten des coronabedingten Lockdowns fallen diese Faktoren häufig zusammen. Kommen dann noch Konflikte zwischen Eltern und Kindern durch Homeschooling und Homeoffice hinzu, steigt, Löw zufolge, das Risiko für familiäre Gewalt. Ein weiterer Risikofaktor sei die Konzentration auf ausschließ­lich innerfamiliäre Kontakte beziehungsweise der fehlende Kontakt zu Gleichaltrigen.

Stellvertretend für das Bündnis fordert Helene Timmermann, Vorsitzende des VAKJP, zunächst grundsätz­lich die Kinderrechte, entsprechend der UN-Kinderrechtskonvention, stärker zu berücksichtigen. „Umge­setzt werden könnte das durch die Einrichtung eines Kinder- und Jugendrates analog zum Deutschen Ethikrat“, sagte die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. In diesem Rat sollten Vertreter der Kin­der- und Jugendsozialarbeit, der Medizin, der Psychologie und Psychotherapie, der Eltern und natürlich der Kinder sitzen.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Gundolf Berg, Vorsitzender des BKJPP, fordert ebenfalls stellvertretend für das Bündnis: „kulturelle und sportliche Angebote für Kinder und Jugendliche, um ohne Leistungs­druck die Selbstwirksamkeit wieder zu steigern.“ Hierfür könnten beispielsweise Honorarkräfte unter so­loselbstständig Kunstschaffenden oder beschäftigungslos gewordene Sporttrainer angeworben werden.

Notwendig sei natürlich die Einbettung in gute pädagogische Konzepte und der Kinderschutz, so Berg.
In seiner Praxis sieht der Kinder- und Jugendpsychiater aktuell „sehr viel Demotivation bei den Kindern“. Viele Jugendliche berichten ihm zudem von Substanzmissbrauch, insbesondere der Cannabiskonsum habe stark zugenommen.

Sportliche und kulturelle Aktivitäten draußen und sofort

Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Ariadne Sartorius vom bvvp, fordert ebenfalls Sport-, Be­wegungs- und kulturelle Aktivitäten an öffentlich zugänglichen Orten, wie Parks, Plätzen oder Schul­höfen anzubieten.

„Nach dem Motto ,komm um 3 im Park vorbei‘, sollten ab sofort umsonst und draußen täglich Angebote stattfinden, bei denen man die AHA-Regeln einhalten kann.“ Das könnte zum Beispiel Sport, Yoga, Tan­zen, Singen, Trommeln sein. „Kinder brauchen ganz dringend wieder Erfolgserlebnisse“, sagt Sartorius.

Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sieht als eines der größten Probleme an, dass den Kin­dern und Jugendlichen keine Perspektive gegeben werden kann, weil unbekannt ist, wie lange die Pan­demie noch andauert. Kritisch sei auch, dass der Austausch mit der Jugendhilfe nicht mehr funktioniere, „die Jugendämter sind zum Teil immer noch dicht“. Sie habe schon lange an keinem Runden Tisch mehr teilnehmen können.

„Die Perspektivlosigkeit ist schlimm“, sagte auch Thomas Fischbach, Präsident des BVKJ. „Die Familien waren und sind immer noch nicht im Blick der Politik – Homeoffice und Homeschooling gehen nicht zu­sammen.“ Auch der Kinder- und Jugendarzt bestätigt, dass die Jugendhilfe „kaum verfügbar“, sei. In den Kinderarztpraxen mehren sich Fischbach zufolge, junge Patienten mit Angst- und Zwangsstörungen, de­pressiven Verhalten, Motivationsverlust, dyfunktionalem Medienkonsum und übermäßiger Gewichts­zunahme.

Forderung nach bundesweitem Hilfetelefon

Der Kinderarzt fordert deshalb von der Politik, ein bundesweites Hilfetelefon für Kinder und Jugendliche in Not einzurichten. Unter dieser Leitung sollte fachkompetente Beratung stattfinden, und sie sollte in­tensiv beworben werden, um die Kinder zu erreichen.

„Die Coronapandemie wird bei den Kindern Spuren hinterlassen“, betont Michaela Willhauck-Fojkar von der DPtV und Vorstandsmitglied der Bundes­psycho­therapeuten­kammer. Der Fokus dürfe deshalb nicht allein auf den schulischen Leistungen liegen, sondern notwendig sei ein großes Angebot an Freizeit­aktivitäten, kostenlos und leicht zugänglich.

In ihrer Praxis sieht die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin vermehrt Jugendliche, die sich selbst vorstellen, weil sie Hilfe brauchen. „Die Jugendlichen suchen dann den persönlichen Kontakt, sie wollen ausdrücklich keine Videobehandlung“, betont Willhauck-Fojkar. © PB/aerzteblatt.de

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