SucheTrefferlistePest kam und kommt aus China
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Pest kam und kommt aus China

Montag, 1. November 2010

Cork/Mainz - Genanalysen an Skeletten aus mittelalterlichen Gräbern in PLoS Pathogens (2010; 6: e1001134) zeigen, dass der Schwarze Tod, der im Mittelalter Europa entvölkerte, tatsächlich durch Yersinia pestis ausgelöst wurde, was einige Historiker zwischenzeitig bezweifelt hatten. Eine Studie in Nature Genetics (2010; doi:10.1038/ng.705) verfolgt die genetischen Spuren der Erreger nach China zurück.

Mindestens dreimal ist die Menschheit von einer schweren Y. pestis-Pandemie heimgesucht worden. Die erste sogenannte julianische Pest erreichte, wie der byzantinische Historiker Prokop berichtete, im Jahr 541 n. Chr. von Pelusium in der Nähe von Suez aus die oströmische Hauptstadt Konstantinopel.

Was Prokop nicht wusste. Die Pestbazillen (von deren Existenz der spätantike Autor nichts ahnte) waren vermutlich über das Rote Meer von China aus importiert worden. Dies jedenfalls legen die Untersuchungen eines internationalen Forscherkollegiums um den Evolutionsbiologen Mark Achtman von der Universität Cork in Irland nahe (deutsche Beteiligung: Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin und Institut für Humangenetik Neuherberg).

 

Anzeige

Die Forscher haben 17 vollständige Genome von Y. pestis aus verschiedenen Erdteilen untersucht. Bei weiteren 286 Isolaten wurden 933 Genvarianten verglichen. Aufgrund der strengen Regeln gegen den Bioterrorismus mussten die Forscher ihre Analysen übrigens dezentral in Irland, Deutschland, Frankreich, China, Großbritannien, Madagaskar und den USA durchführen.

Nach dem von den Forschern aufgestellten Stammbaum nahm auch die zweite Pestepidemie ihren Ausgang in China. Möglicherweise waren sie mit an Bord der Schiffe, mit denen der chinesische Schatzsucher Zheng He in den Jahren 1409 bis 1433 den Indischen Ozean bereiste und die ihn bis nach Indien und zur Westküste Afrikas führten.

Von dort müsste Y. pestis dann irgendwie Europa erreicht haben. Die ersten Erkrankungen gab es im November 1347 in der Hafenstadt Marseille. Der Weg führte im nächsten Jahr über Narbonne nach Carcassonne und dann entlang der Westküste nach England.

Aus Massengräbern in Hereford nahe der walisischen Grenze, in Laurent-de-la-Cabrerisse zwischen Narbonne und Carcassonne, sowie anderen Orten in Europa hat das Forscherteam um die Anthropologin Barbara Bramanti von der Universität Mainz Gene von Y. pestis nachgewiesen.

Sie bestätigen zum einen die Ätiologie des Schwarzen Todes (zwischenzeitig wurden andere Erreger eines hämorrhaghischen Fiebers vermutet). Zum anderen lässt sich die Pandemie rekonstruieren.

Irgendwann erreichte die Pest auch Bergen op Zoom, in den Niederlanden. Wann dies geschah, ist nicht gang klar, da das Archiv der Stadt 1397 abbrannte. Eine Radiocarbonmethode, ist in den Gräbern bisher nicht durchgeführt worden. Sie würde aber auch nur eine ungefähre Datierung (etwa plusminus 50 Jahre) erlauben.

Die Forscher vermuten, dass die Pest Bergen op Zoom nicht aus Westen erreichte, sondern eher aus Norwegen über die Hansestädte und Friesland. Denn der Pesterreger hatte sein genetisches Make-Up inzwischen geändert. In den folgenden Jahrhunderten breitete sich die Pest in verschiedenene Epidemien kreuz- und quer über Europa aus. Die letzten Erkrankungen soll es noch 1750 gegeben haben.

Europa wurde danach weitgehend verschont. Doch in Ostasien breitete sich die Pest Ende des 19. Jahrhunderts ein drittes Mal aus. Erneut begann die Epidemie in China. Von der Provinz Junnan aus erreichte sie Hongkong, wo der Schweizer Bakteriologe Yersin im Jahr 1894 den nach ihm benannten Erreger nachwies. Von Hongkong aus breitete sich die Epidemie in alle Welt aus. Betroffen war neben Indien auch die USA, wo die Epidemie über Hawaii (1899) zunächst in San Francisco (1890) eintraf. 

Diese dritte Pestepidemie ist noch nicht vorüber. In Amerika hat Y. pestis in Präriehunden ein Reservoir gefunden, über den die Erreger hin und wieder auf den Menschen übertreten. In den südwestlichen US-amerikanischen Bundesstaaten kommt es sporadisch zu Erkrankungen.

Genetisch sind die heutigen Pest-Erreger Nachfahren der dritten Pest-Epidemie und die in den USA nachgewiesenen Bakterien sind entfernt verwandt mit den Erregern, die vor zwei Jahren auf Madagaskar eine kleine Epidemie auslösten. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Zum Artikel

Fachgebiet

Fachgebiet

Anzeige

Stellenangebote

    Weitere...