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Medizin

Demenz: Schon eine Stunde soziale Interaktion pro Woche verbessert die Lebensqualität

Freitag, 21. Juli 2017

/Kzenon, stock.adobe.com

London – Demenzpatienten profitieren von einem personenzentrierten Ansatz, bei dem die Pfleger den Menschen und nicht seine Krankheit in den Vordergrund stellen. Gute Ergebnisse erhielten Forscher aus London, als sie dieses Vorgehen mit Interaktionen im sozialen Umfeld von Heimbewohnern kombinierten. Schon eine Stunde pro Woche konnte die Lebensqualität verbessern und agitierte Verhaltensweisen reduzieren.

Die Daten stammen aus der bisher größten randomisiert-kontrollierten Studie zur nicht medikamentösen Intervention, die diese Woche bei der Alzheimer's Association International Conference 2017 (AAIC) vorgestellt wurde. Den Vorteil einer nicht medikamentösen Therapie bei Demenz bestätigt auch Bericht, der diese Woche im Lancet erschienen ist (2017; doi: 10.1016/S0140-6736(17)31363-6).

Im Rahmen der Studie haben die Forscher um Clive Ballard von der University of Exeter Medical School mehr als 800 Demenzpatienten in 69 Pflegeheimen in Süd- und Nord­london sowie Buckinghamshire analysiert. Zwei Pflegefachkräfte erhielten zuvor ein Training, das auf einen personenzentrierten Ansatz fokussiert. Ab sofort sollten sie sich mit den Bewohnern während der täglichen Pflege über ihre persönlichen Interessen, Vorlieben, Fähigkeiten und Entscheidungen unterhalten.

Der Cohen Mansfield Agitation Inventory (CMAI)  besteht aus einem Beobachtungs­bogen, der sich in zwei Bereiche (A und B) teilt.

A) Er beinhaltet Fragen, um agitiertes Verhal­ten bei Menschen mit Demenz einzuschätzen. Auf einer Skala von 1 bis 7 gibt der Pfleger die Häufigkeit des Verhaltens an. 1 Punkt bedeutet, dass das verhalten nie auftritt, 7 Punkte bedeuten, dass es mehrmals pro Stunde vorkommt.

  • Schlagen, Treten, Stoßen, Beißen, Kratzen, Spucken
  • sich selbst verletzen*
  • zerstören von Sachen
  • sexuelle Annäherungsversuche
  • inadequates Ausziehen
  • „absichtliches“ Fallen*
  • Nahrungsverweigerung
  • Manierismen: Klopfen, Klatschen usw.*
  • Verstecken oder Sammeln von Gegenständen (aus fremden Zimmern)*
  • usw.

B) Ausführliche Aussagen über Antriebs­störungen werden aufgeschrieben, beispiels­weise:  Alle mit * gekennzeichneten Verhaltensweisen.

„Das Handbuch dazu wollen wir Anfang 2018 veröffentlichen“, sagt Ballard dem Deutschen Ärzteblatt. Zudem wurden die Bewohner einmal die Woche für eine Stunde in eine soziale Inter­aktion passend zu ihren Vorlieben eingebunden. Sie konnten zusammen mit Pflegefachkräften in Erinnerungen schwelgen, Fotos angucken, im Garten arbeiten oder tanzen, wie sie es früher taten.

Jane Fossey vom Oxford Health NHS Foundation Trust ist überzeugt, dass dieser personenbezogene Ansatz für die Bewohner einen großen Unterschied macht. Nach neun Monaten nahm das agitierte Verhalten der Patienten um etwa 20 Prozent ab (CMAI 8,63; p = 0,025), berichtet Clive Ballard von der University of Exeter Medical School, der die Studie leitete. Die Forscher beurteil­ten dies mittels der Cohen Mansfield Agitation Inventory (CMAI) auf einer sieben­stufigen Skala (siehe Kasten). Ebenso wurde die Lebensqualität mit dem Fragebogen DEMQOL (Measure­ment of Health Related Quality of Life for People with Dementia) bewertet. Eine signifikante Verbesserung um zehn Prozent konnte bei denjenigen beobach­tet werden, die agitiertes Verhalten auf­wiesen. In der Kontrollgruppe verbesserte sich die Lebensqualität nur um fünf Prozent. Keine Unterschiede machten sich bei der Einnahme von Psychopharmaka bemerkbar, sie blieb in der Interventions- und Kontrollgruppe gleich.

Neun Wege, um das Demenzrisiko zu reduzieren

Wie erfolgversprechend nicht medikamentöse Therapieansätze bei Patienten mit Demenz sind, war auch Thema des ersten Lancet-Commission-Beitrags zu Demenz­prävention und Pflege, der auf dem AAIC vorgestellt wurde. 24 internationale Experten fassen auf mehr als 60 Seiten den aktuellen Stand der Forschung zusammen und leiten daraus evidenzbasierte Empfehlungen ab.

Die Autoren um Gill Livingston vom University College London kommen dabei auch zu dem Schluss, dass allein über die Ände­rung von Lebensstilfaktoren zwei von drei Demenzfälle verhindert werden könnten. In jungen Jahren sei unter anderem die Teilhabe am Bildungswesen entschei­dend, im mittleren Alter spielen die Risikofaktoren Hörverlust, Bluthochdruck und Übergewicht eine zentrale Rolle. Im höheren Alter könnte die Demenz verhindert werden, wenn man mit dem Rauchen aufhört, sich mehr bewegt, seinen Diabetes besser kontrolliert oder seine sozialen Kontakte verstärkt (siehe Bild). „Der Einfluss dieser Faktoren auf die Demenz ist größer als jede erdenkliche medikamentöse Therapie, die derzeit erforscht wird“, sagt Lon Schneider von der Keck School of Medicine der USC bei der internationalen Alzheimerkonferenz in London. © gie/aerzteblatt.de

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