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Medizin

Disulfiram: Wie ein Alkoholis­mus-Medikament Krebszellen angreift

Montag, 11. Dezember 2017

Stockholm – Disulfiram, das als „Antabus“ seit Jahrzehnten zur Unterstützung der Abstinenz bei Alkoholabhängigkeit angewendet wird, könnte auch bei Krebser­krankungen wirksam sein. Ein Forscherteam beschreibt in Nature (2017; doi: 10.1038/nature25016) den möglichen Wirkungsmechanismus.

Erste Berichte über Krebspatienten, die unter der Behandlung einer gleichzeitigen Alkoholabhängigkeit mit Disulfiram auf wundersame Weise genesen sind, wurden laut Medline bereits in den 1960er Jahren in der medizinischen Literatur veröffentlicht. Es gab auch zahlreiche tierexperimentelle Studien, in denen Disulfiram gegen Krebs wirksam war, und eine randomisierte Doppelblindstudie kam 1993 zu dem Ergebnis, dass Dithiocarb, das in der Leber aus Disulfiram gebildet wird, die Wirkung einer Chemotherapie beim metastasierten Mammakarzinom verbessert und die Überlebenschancen steigert (Biotherapy 1993; 6: 9-12).

Die Studie geriet jedoch in Vergessenheit, vermutlich weil kein plausibler Wirkungs­mechanismus für Disulfiram bekannt war – und es bei kostengünstigen Generika für Hersteller keine wirtschaftlichen Anreize für eine klinische Entwicklung gab und gibt. In den letzten Jahren scheint das Interesse an Disulfiram wieder gewachsen zu sein. Eine Analyse dänischer Krankenregister ergab, dass Disulfiram-Nutzer seltener als andere Menschen an Brust- oder Prostatakrebs erkranken (European Journal of Cancer Prevention 2014; 23: 225-32).

Auch ein Team um Jiri Bartek vom Karolinska Institut in Stockholm wurde bei seiner Analyse dänischer Datenbanken fündig. Krebspatienten, die wegen einer Alkoholabhängigkeit Disulfiram einnehmen, haben bei Krebserkrankungen eine niedrigere Sterblichkeit, selbst wenn die Tumore bereits ein fortgeschrittenes Stadium erreicht haben.

Durch eine Reihe von Laborexperimenten und tierexperimentellen Studien fand das Team jetzt heraus, wie die Anti-Krebs-Wirkung zustande kommt. Das in der Leber aus Disulfiram gebildete Dithiocarb bildet einen Komplex mit Kupfer (CuET), der sich in den Tumorzellen anreichert. Dort bindet der Komplex an NPL4, einem natürlicherweise in Zellen vorhandenen Molekül. Es kommt zur Aggregation von NPL4, was einen p97-NPL4-UFD1-Stoffwechselweg blockiert, der für die Krebszellen überlebenswichtig ist. Eine Schädigung gesunder Zellen, die auch NPL4 enthalten, erklärt sich laut Bartek durch die hohe Anreicherung des Kupferkomplexes in den Tumorzellen.

Ein plausibler Wirkungsmechanismus ist jedoch kein Ersatz für klinische Studien. Eine Phase 2-Studie an 40 Patienten mit einem fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom wurde vor einigen Jahren in Israel durchgeführt. Alle Patienten erhielten eine Chemotherapie mit Cisplatin and Vinorelbin. Die Hälfte nahm zusätzlich Disulfiram ein. Laut dem Bericht in The Oncologist (2015; 20: 366-7) stieg die durchschnittliche Überlebenszeit von 7,1 auf 10 Monate), ein für Krebsstudien durchaus beachtliches Ergebnis.

Die Studie war allerdings nicht verblindet und die niedrige Teilnehmerzahl lässt sicherlich kein abschließendes Urteil zu. Bartek plant jetzt eigene Studien, die die Wirksamkeit einer Disulfiram-Kupfer-Kombination bei metastasierendem Brust- und Dickdarmkrebs und Glioblastom untersuchen soll. Ein Blick in die Datenbank clinicaltrials.gov zeigt, dass auch andere Forscher die Wirksamkeit von Disulfiram erkunden. © rme/aerzteblatt.de

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