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Medizin

Tonsillektomie und Adenotomie könnten spätere Anfälligkeit auf Infektionen und Allergien fördern

Freitag, 8. Juni 2018

/Dmitry Naumov, stockadobecom

Melbourne – Kinder, denen vor dem 10. Lebensjahr die Gaumen- und/oder Rachen­mandeln entfernt wurden, erkranken im späteren Lebensalter häufiger an einer Reihe von Infektionen und allergischen Erkrankungen. Dies kam in einer epidemio­logischen Studie in JAMA Otolaryngology – Head & Neck Surgery (2018; doi: 10.1001/jamaoto.2018.0614) heraus.

Gaumen- und Rachenmandeln sind zusammen mit den Zungenmandeln Bestandteil des Waldeyer-Rachenrings, der eine erste Abwehrlinie des Immunsystems gegen Krankheitserreger in der Atemluft bildet. Bakterien und Viren werden dort abgewehrt, was bei Kindern häufiger zu einer schmerzhaften Entzündung führt. Eine häufige medizinische Behandlung besteht in einer Entfernung der Mandeln. Tonsillektomie und Adenotomie gehören zu den häufigsten operativen Eingriffen im frühen Kindesalter.

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Die langfristigen Auswirkungen der Operationen sind bisher kaum untersucht. Sie lassen sich in klinischen Studien nur schwer erfassen, weil eine sehr lange Nachbeobachtungszeit erforderlich wäre. Ein wichtiges Instrument bilden deshalb epidemiologische Studien, für die sich heute die Analyse von Datenbanken anbietet.

Gute Voraussetzungen für solche Studien bestehen in Dänemark, da den Einwohnern eine zentrale Identifikationsnummer zugeordnet wird, die in verschiedenen Registern benutzt wird. So konnte ein Team um Sean Byars von der Universität Melbourne relativ leicht ermitteln, ob Kinder der Jahrgänge 1979 bis 1999, bei denen vor dem 10. Geburtstag eine Adenotomie (17.460 Kinder), eine Tonsillektomie (11.830 Kinder) oder eine Adenotonsillektomie (31.377) durchgeführt wurde, im Zeitraum bis Ende 2009 häufiger oder seltener wegen 28 Krankheiten behandelt werden mussten als die 1,65 Millionen dänischen Kinder, die ihre Rachen und/oder Gaumenmandeln behalten durften.

Die Forscher beschränkten ihre Analyse bewusst auf Operationen vor dem 10. Lebensjahr, weil die Mandeln in dieser Zeit am aktivsten sind. Bei älteren Kindern und Erwachsenen bilden sie sich häufig zurück.

Die Ergebnisse sind nach Einschätzung des Editorialisten Richard Rosenfeld vom Downstate Medical Center in New York „einmalig“ und „provokativ“: Die Entfernung der Mandeln vor dem 10. Lebensjahr scheint im späteren Alter (die Analyse reicht bis maximal zum 30. Lebensjahr) die Häufigkeit vieler späterer Erkrankungen zu beeinflussen.

Am deutlichsten war dies bei oberen Atemwegserkrankungen. Nach einer Adenotomie erkrankten die Kinder fast zweimal so häufig (relatives Risiko 1,99; 95-%-Konfi­denzintervall 1,51–2,63), nach einer Tonsillektomie sogar fast dreimal so häufig (relatives Risiko 2,72; 1,54–4,80). Aber auch für allergische Erkrankungen oder Infektionen im Allgemeinen wurde ein leicht erhöhtes Risiko gefunden.

Der Einfluss ist teilweise beträchtlich. So kommt auf fünf Tonsillektomien ein Kind, das später zusätzlich an oberen Atemwegserkrankungen leidet. Nach einer Adenotomie beträgt diese Number Needed to Harm (NNH) 7, was einen etwas geringeren Einfluss anzeigt. Obere Atemwegsinfektionen sind in der Regel kein großes medizinisches Problem. Byars ermittelt jedoch auch ein erhöhtes Risiko auf Asthmaerkrankungen (NNH 38 nach Adenotomie) und sogar auf eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (NNH 349 nach Adenotomie).

Auf der anderen Seite könnte die Entfernung von Rachen- und Gaumenmandeln vor späteren Erkrankungen schützen. Dies war für chronische Tonsillitis nachweisbar mit einer Number Needed to Treat (NNT) von 48 und für eine Tonsillitis mit einer NNT von 345. Nach der Adenotomie kam es auch seltener zu Schlafstörungen, auch wenn der Einfluss bei einer NNT von 1.205 relativ gering ausfiel.

Andere Ergebnisse wecken Zweifel. So kam es nach einer kombinierten Adenotonsillek­tomie häufiger zu einer Otitis media. Es ist zwar denkbar, dass gesunde Mandeln Keime abfangen, die sonst das Mittelohr erreichen. Die Otitis media ist jedoch ein häufiger Anlass für die Entfernung der Mandeln. Es könnte deshalb eine reverse Kausalität vorliegen. Danach führt die Mittelohrentzündung häufiger zur Operation, ohne dass sie das Problem immer lösen kann, so dass es später weiter zu Mittelohrentzündungen kommt. Dies würde erklären, warum Kinder nach der Entfernung der Mandeln weiter häufiger unter Mittelohrentzündungen leiden.

Auch die Assoziation der Tonsillektomie mit einem erhöhten Risiko auf Asthma, Allergien und Infektionen könnte nach Einschätzung von Rosenfeld durch eine Verzerrung („bias“) zustande kommen: Chronisch kranke Kinder haben häufige Arztbesuche, was leicht dazu führt, dass ihnen bei einer Halsentzündung zur Entfernung der Mandeln geraten wird.

Die Studie liefert deshalb keine abschließenden Antworten. Rosenfeld hält insgesamt ein leicht erhöhtes Risiko für möglich, rät seinen Kollegen jedoch, die Ergebnisse weiterer Studien abzuwarten. Die Studie könnte jedoch die in vielen Ländern zu beobachtende Tendenz fördern, Kinder bei einer Mandelentzündung nicht gleich zum Chirurgen zu überweisen. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

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Avatar #2694
wettig
am Samstag, 9. Juni 2018, 06:05

Mehr Schaden als Nutzen ?

Obwohl diese Eingriffe seit vielen Jahrzehnten jährlich alleine in Deutschland zehntausendfach durchgeführt werden, wusste man bisher nur wenig über mögliche Langzeitfolgen.

Einer Heilpraktikerin würde man da sagen: Hör auf mit dem Kram: Nichts dahinter, du machst die Leute nicht gesünder, vielleicht sogar nur kränker, schneidest an ihnen herum ohne wissenschaftliche Grundlage, es geht dir doch nur ums Geld. der HNO-Ärztin sagt man das nicht.

Und bei all den im Artikel angeführten Betrachtungen (NNH, NNT) wird vergessen, das all diese Prozeduren immens viel Zeit verschlingen: Zeit der Patienten und ihrer Angehörigen, Zeit der Behandlerinnen und ihrer Helferinnen, Zeit der Versicherten, die diese aufbringen müssen, um die notwendigen Versicherungsbeiträge zu erarbeiten.

Jetzt ist es üblich geworden für jede Milchtüte die entsprechende Gesamtbilanz zu erstellen, bis hin zum Mikroplastik in der Antarktis.
Nicht nur in der HNO-Heilkunde sind wir davon noch sehr weit entfernt, in der Regel, so wie auch bei dieser Arbeit, wird gar nicht daran gedacht.

Nicht vergessen: Beim Rechtsstreit gibt es immer welche die immer gewinnen: Anwälte, Gutachter und Gerichte. Und in der Medizin immer welche, die immer profitieren: Ärztinnen, Helferinnen, die Verwaltung, die Pharama- und Geräteindustrie, Apothekerinnen.
LNS