THEMEN DER ZEIT

Chirurgische Dokumentar- und Kunstfotografie: Fließender Übergang von Medizin und Kunst

Dtsch Arztebl 2013; 110(10): A-440 / B-395 / C-395

Kraus, Thomas W.; Wagner, Davorin; Knaebel, Hanns-Peter

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Die intraoperative Fotografie dient primär der verbesserten Patientenaufklärung und Information, darüber hinaus der chirurgischen Qualitätssicherung und Transparenz. Es gibt jedoch auch eine erweiterte künstlerische Perspektive.

a) Fadenbündelung vor Knoten der Fäden beim Bauchwandverschluss/Fasziennaht
a) Fadenbündelung vor Knoten der Fäden beim Bauchwandverschluss/Fasziennaht

Die digitale Fotografie hat in der Medizin einen zunehmend hohen Stellenwert, zum Beispiel bei der Dokumentation von Behandlungsverläufen. Mit digitalen Bildern kann beispielsweise der Wundstatus bei chronischen Ulcera cruris festgehalten und verglichen werden. In der Dermatologie lassen sich bei Kontrolluntersuchungen Bilder von Hautbefunden nebeneinanderstellen und so subtile Veränderungen im Verlauf feststellen. Gute Bilddokumentation kann sogar vor Regress schützen. Mit einem Foto lässt sich gegebenenfalls die Notwendigkeit einer Therapie belegen. Geeignete Befunde und OP-Fotografien eignen sich auch hervorragend als visuelle Informationsergänzung im persönlichen Patientengespräch, zum Beispiel nach chirurgischen Eingriffen (1).

b) Appendix vermiformis – Mesenterium mit Gefäßverlauf der A. appendicularis vor Absetzung
b) Appendix vermiformis – Mesenterium mit Gefäßverlauf der A. appendicularis vor Absetzung

Medizin ist ein Anschauungsfach. Abbildungen sind in den klinischen Fächern für eine gute Informationsübertragung sehr wesentlich. Auch wissenschaftliche Publikationen werden in der Medizin oft illustriert. Die bildliche Darstellung von Informationen hat gegenüber rein sprachlichen Mitteln den Vorteil, dass sie mittels besonderer Ausdrucksmittel simultan verdichtete Informationen liefert, die geeignet sind, auf der Basis von persönlichen Erfahrungen des Betrachters Affekte und Kognitionen anzusprechen. Eine effektive Form der Informationsvisualisierung stellen in diesem Sinne zum Beispiel anatomische Karten, pathologische Befunde und Operationsansichten dar. Anatomische Illustrationen sind bildliche Repräsentationen eines Körpergebiets oder Raums. Beziehungen zwischen Elementen werden hervorgehoben, die einen räumlichen Charakter aufweisen. Darüber hinaus standardisieren solche Abbildungen, zum Beispiel einzelner Operationsschritte, die interindividuellen Variationen unterschiedlicher Patienten und schaffen visuell einen „Durchschnittspatienten“, an dem ein komplexes Handlungsmuster vorgenommen werden soll (2). Solchen heute breit verfügbaren standardisierten Abbildungen können individuelle Befund-Fotografien oder Fotos von individuellen Operationsmaßnahmen bei Verfügbarkeit gegenübergestellt werden; die Patienteninformation kann so vertieft oder erleichtert werden. Wichtig ist jedoch immer das begleitende und erklärende ärztliche Gespräch.

c) Tabaksbeutelklemme, gesetzt am Colon descendens/Vorbereitung für eine Zirkularstapler-Anastomose
c) Tabaksbeutelklemme, gesetzt am Colon descendens/Vorbereitung für eine Zirkularstapler-Anastomose

Intraoperative Fotografie zur Qualitätssicherung

In der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und minimal-invasive Chirurgie am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main wird seit 2005 eine qualitativ hochwertige fotografische Dokumentation intraoperativ erhobener Krankheitsbefunde realisiert. Ausgangspunkt dieses Projektes war die Faszination fotografischer Motive und „tieferer“ Einsichten im OP. Die während der operativen Eingriffe eröffneten Perspektiven in den Menschen auf morphologische Strukturen und Räume sind von einer besonderen Schönheit, die entdeckt werden sollte.

d) Gefäßklemmen an der Arteria und Vena mesenterica inferior/Radikuläre onkologische Absetzung bei einem Rektumkarzinom
d) Gefäßklemmen an der Arteria und Vena mesenterica inferior/Radikuläre onkologische Absetzung bei einem Rektumkarzinom

Angestrebt wird die verständliche optische Darstellung von individuellen Krankheitsbefunden sowie chirurgisch-operativen Behandlungsstrategien mittels leistungsfähiger Mittelformat-Digital-Fotografie in klarer, würdevoller und möglichst ästhetischer Form für Patienten und weiterbehandelnde Ärzte. Ein gutes Bild erklärt oft mehr als Worte. Chirurgie ist zudem visuell gesteuert, und ein technisch erfolgreicher Eingriff führt in der Regel zu einem (auch für Nichtmediziner) schon optisch erkennbaren ansprechenden Ergebnis. Damit dient intraoperative Fotografie ebenso der chirurgischen Qualitätssicherung und Transparenz. Gute Bilder können zudem archiviert werden, um auch der chirurgischen Fortbildung und studentischen Lehre in unterschiedlichen Bereichen dienlich zu sein. Patienten werden am Krankenhaus Nordwest über die Option einer Foto-Dokumentation ihrer intraoperativen Befunde aufgeklärt und unterzeichnen eine Einverständniserklärung, die auch eine anonymisierte nichtkommerzielle Bildverwendung für wissenschaftliche Ziele und Lehrzwecke vorsieht.

e) Offener operativer Zugang für die Kamera bei laparoskopischer Gallenblasenentfernung
e) Offener operativer Zugang für die Kamera bei laparoskopischer Gallenblasenentfernung

Der Bedarf an guten Bildern von chirurgischen Befunden und OP-Szenarien ist heute groß. Fotografie im OP ist jedoch anspruchsvoll und stellt den Fotografen vor spezielle Probleme, mit denen zeitgleich umgegangen werden muss. Hierzu gehören

  • der begrenzte Raum „im Situs“, eine begrenzte Tiefenschärfe der Fotografie im Makrobereich
  • die Dominanz der Rottöne, Lichtreflexionen durch Flüssigkeiten an Oberflächen
  • das hohe Arbeitstempo mit Motivverlust, extreme und rasch wechselnde Lichtverhältnisse, hohe Anforderungen an Sterilität und Hygiene, schwierige Exposition der Fotoobjektive im Körperinneren
  • Regieprobleme, emotionale Belastungen, die Ungeduld des Operationsteams und vor allem
  • die nicht vorhersehbare verfügbare Motivqualität.
f) Dysontogenetische Leberzyste, Fotografien von Thomas Kraus, Davorin Wagner, Kerstin Grimm und weiteren Teammitarbeitern der Klinik für Allgemein- und Viszeral-Chirurgie des Krankenhauses Nordwest in Frankfurt am Main. Unterstützung des Projekts durch Aesculap, einer Sparte der B. Braun Melsungen AG, Tuttlingen
f) Dysontogenetische Leberzyste, Fotografien von Thomas Kraus, Davorin Wagner, Kerstin Grimm und weiteren Teammitarbeitern der Klinik für Allgemein- und Viszeral-Chirurgie des Krankenhauses Nordwest in Frankfurt am Main. Unterstützung des Projekts durch Aesculap, einer Sparte der B. Braun Melsungen AG, Tuttlingen

Äußerst wichtig erscheint motivisch zunächst die Konzentration auf Besonderheiten und Details. Bei der Aufnahme und Motivplanung im OP ist vom Fotografen jeweils ganz gezielt festzulegen, was exakt gezeigt werden soll.

Für die Fotografie in der Chirurgie ergeben sich verschiedene Perspektiven. Zunächst hat konventionelle chirurgische Fotografie den Auftrag, dokumentarische Bilder für ein Fachpublikum zu erstellen. Anatomische oder pathologische Strukturen sollen unverfälscht, exakt, scharf und farbecht erkennbar werden. Oder es soll gezeigt werden, wie Strukturen durch bestimmte Operationstechniken verändert werden, zum Beispiel soll eine bestimmte Nahttechnik dargestellt werden. Es handelt sich um „Sachaufnahmen“. Alles muss schnell gehen. Der Fotograf ist Gast und auf die Rolle des Zuschauers beschränkt, kann nicht rücken, ausleuchten oder positionieren. Die Operation darf nicht gestört oder verzögert werden. Resultierende Bilder sind meist gezielt emotionslos, oft langweilig und nicht selten ohne Ästhetik.

Eine erweiterte künstlerische Perspektive

Es gibt jedoch auch eine erweiterte künstlerische Perspektive. Die fotografische Situation ändert sich gravierend, wenn der Chirurg selbst leidenschaftlich fotografiert (den Eingriff also sogar kurz unterbricht) und/oder mit einem professionellen Fotografen eng kooperiert. Dann können weitergehende Dimensionen der Fotografie in der Chirurgie erschlossen werden. Es kann jetzt versucht werden, etwas von dem aufzuzeigen, was die tiefere Bedeutung des Motivs, das Wesen des Dargestellten, die Besonderheit der Handlung oder der Situation ausmacht: die Faszination des geöffneten Körpers, die spezifische Ästhetik der menschlichen Gewebefarben und -formen, das Gefühl für Qualität einer chirurgischen Rekonstruktion und die Virtuosität der Chirurgen, mit diesen elementaren Größen umzugehen. Zahlreiche überraschende Homologien zu anderen Naturphänomenen lassen sich aufzeigen. Hier spätestens verlassen wir den medizinischen Kontext und betreten das Feld der Kunst und Ästhetik. Chirurgischer Arbeit soll „Ausdruck“ gegeben werden. Während im OP Sterilität gefordert ist, dürfen die Aufnahmen durchaus Herzblut und Farbe vermitteln und sollen damit mehr sein als nur sachlich kühle und technisch sterile Befunddokumentation.

Gute Bilder für eine Aufwertung der Chirurgie

Abbildungen haben in der Medizin neben dem medizinisch fachlichen oft auch einen kulturgeschichtlichen und auch künstlerischen Aspekt. Medizin, Kunst und Wirklichkeit unterscheiden sich und hängen zugleich auf besondere Weise zusammen. Medizin ist nicht nur Wissenschaft, sondern ebenfalls Kunst. Medizin sollte als eine Heilkultur begriffen und als solche auch verwirklicht werden. In Werken der Kunst wurden seit der Antike bis in die Gegenwart immer wieder Gesundheit und Krankheit, Patient und Arzt, Therapie und medizinische Institution dargestellt und gedeutet. Umgekehrt können ebenso Krankheitsberichte und medizinische Veröffentlichungen literarisches Niveau, medizinische Fotografien sowie Illustrationen den Status von Kunst erreichen. Von wesentlicher Bedeutung für das Verhältnis von Kunst und Medizin war schon immer der sozialkulturelle Kontext. Medizin ist in hohem Maße auch ein Spiegel oder Teil der Gesellschaft. Wünsche und Hoffnungen der Menschen bestimmen die Ziele des naturwissenschaftlich-medizinischen Fortschritts (3). Eine umfassende Übersicht über zeitgenössische und historische Ansätze der bildenden Kunst und Fotografie im Themenbereich der Chirurgie und Anatomie ist schwierig zu erlangen und im Grunde eine eigenständige kunsthistorische Aufgabenstellung.

Das Bild der Chirurgie in der Öffentlichkeit wird heute geprägt von ärztlicher Leistung, aber auch Kommunikationskompetenz. Gute Bilder aus der Chirurgie könnten somit dazu beitragen, die in der Chirurgie erbrachten Leistungen in der aktuell sehr kritischen Öffentlichkeit transparenter zu machen. Sie können den internen und den gesellschaftlichen Diskurs über das Fach Chirurgie im Sinne positiver Public Relations begleiten und stimulieren (4).

Prof. Dr. med. Thomas W. Kraus

Dr. med. Davorin Wagner
Klinik für Allgemein-, Viszeral- und minimal invasive Chirurgie, Krankenhaus Nordwest GmbH, Frankfurt am Main

Kraus.thomas@khnw.de

Prof. Dr. med. Hanns-Peter Knaebel
Aesculap AG, Tuttlingen

Bildsammlung im Internet

Auf zwei begleitenden Websites (www.chirurgie-im-bild.de und www.art-of-surgery.com) werden inzwischen weit mehr als 1 000 ausgewählte Fotografien in gegliederter Form präsentiert. Die Sammlung auf www.chirurgie-im-bild.de soll kontinuierlich zu einer Bild-Enzyklopädie für Patienten, Ärzte, Verlage und Studierende der Medizin verdichtet und qualitativ weiter verbessert werden. Fotos werden durch Texte, Kommentare und Links zu interessanten Websites ergänzt.

In bestimmten Situationen ergeben sich bei der chirurgischen Dokumentarfotografie allerdings Motive und Bildspannungen, welche die Faszination der Chirurgie besonders spürbar machen und durchaus den Bogen zur Kunst schließen können. So empfundene Bilder werden auf der Website www.art-of-surgery.com zusammengefasst. Hier findet man zudem sehr umfangreiche Informationen und Bildbeiträge von historischen oder zeitgenössischen Künstlern, die sich mit der Thematik Chirurgie und Anatomie auseinandergesetzt haben, die bisher in dieser Zusammenstellung so nicht verfügbar waren. Bildrechte für die Präsentation der Kunstwerke im Internet wurden direkt von den persönlich kontaktierten Künstlern eingeräumt oder über die deutsche VG Bild-Kunst lizenziert. Die Zusammenstellung ist sehr umfangreich, erhebt jedoch keinen wissenschaftlich-kunsthistorischen Anspruch.

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1.
Nayler JR: Clinical Photography: A Guide for the Clinician. Journal of Postgraduate Medicine 2003; 49/3: 256–62 MEDLINE
2.
Görgen A, Moll FH, Engel R, Fangerau H: Vorreiter moderner wissenschaftlicher Illustrationen zur Visualisierung in der Urologie. Urologe 2010; 49: 755–64 CrossRef MEDLINE
3.
Engelhardt D v: Medizin zwischen Wissenschaft und Kunst. Klin Wochenschr 2008; 120: 715–22 CrossRef MEDLINE
4.
Bauer H: Das Bild der Chirurgie in der Öffentlichkeit. Chirurg 1998; 69: 1292–9 CrossRef MEDLINE
a) Fadenbündelung vor Knoten der Fäden beim Bauchwandverschluss/Fasziennaht
a) Fadenbündelung
a) Fadenbündelung vor Knoten der Fäden beim Bauchwandverschluss/Fasziennaht
b) Appendix vermiformis – Mesenterium mit Gefäßverlauf der A. appendicularis vor Absetzung
b) Appendix vermiformis
b) Appendix vermiformis – Mesenterium mit Gefäßverlauf der A. appendicularis vor Absetzung
c) Tabaksbeutelklemme, gesetzt am Colon descendens/Vorbereitung für eine Zirkularstapler-Anastomose
c) Tabaksbeutelklemme
c) Tabaksbeutelklemme, gesetzt am Colon descendens/Vorbereitung für eine Zirkularstapler-Anastomose
d) Gefäßklemmen an der Arteria und Vena mesenterica inferior/Radikuläre onkologische Absetzung bei einem Rektumkarzinom
d) Gefäßklemmen
d) Gefäßklemmen an der Arteria und Vena mesenterica inferior/Radikuläre onkologische Absetzung bei einem Rektumkarzinom
e) Offener operativer Zugang für die Kamera bei laparoskopischer Gallenblasenentfernung
e) Offener operativer Zugang
e) Offener operativer Zugang für die Kamera bei laparoskopischer Gallenblasenentfernung
f) Dysontogenetische Leberzyste, Fotografien von Thomas Kraus, Davorin Wagner, Kerstin Grimm und weiteren Teammitarbeitern der Klinik für Allgemein- und Viszeral-Chirurgie des Krankenhauses Nordwest in Frankfurt am Main. Unterstützung des Projekts durch Aesculap, einer Sparte der B. Braun Melsungen AG, Tuttlingen
f) Dysontogenetische Leberzyste
f) Dysontogenetische Leberzyste, Fotografien von Thomas Kraus, Davorin Wagner, Kerstin Grimm und weiteren Teammitarbeitern der Klinik für Allgemein- und Viszeral-Chirurgie des Krankenhauses Nordwest in Frankfurt am Main. Unterstützung des Projekts durch Aesculap, einer Sparte der B. Braun Melsungen AG, Tuttlingen
1.Nayler JR: Clinical Photography: A Guide for the Clinician. Journal of Postgraduate Medicine 2003; 49/3: 256–62 MEDLINE
2.Görgen A, Moll FH, Engel R, Fangerau H: Vorreiter moderner wissenschaftlicher Illustrationen zur Visualisierung in der Urologie. Urologe 2010; 49: 755–64 CrossRef MEDLINE
3.Engelhardt D v: Medizin zwischen Wissenschaft und Kunst. Klin Wochenschr 2008; 120: 715–22 CrossRef MEDLINE
4.Bauer H: Das Bild der Chirurgie in der Öffentlichkeit. Chirurg 1998; 69: 1292–9 CrossRef MEDLINE

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    Thelber
    am Sonntag, 10. März 2013, 19:48

    Schöne Bilder ....

    unter Kunst verstehe ich jedoch ganz was anderes als schöne Fotos von Eingriffen.

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