KULTUR

Suizid im Spielfilm: Vom Beschluss zu sterben

Dtsch Arztebl 2015; 112(20): A-933 / B-784 / C-760

Klinkhammer, Gisela

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Die Fähigkeit des Menschen, sein Leben selbst zu beenden, wird in Filmen oft als dramaturgisches Mittel eingesetzt.

Die französische Filmschauspielerin Emmanuelle Riva in einer Szene aus dem Film „Liebe“ («Amour», «Love»). Fotos: dpa
Die französische Filmschauspielerin Emmanuelle Riva in einer Szene aus dem Film „Liebe“ («Amour», «Love»). Fotos: dpa

In Michael Hanekes Film „Liebe“ auf dem Jahr 2012 geht es um ein pensioniertes Pariser Ehepaar geht, dessen Liebe auf die Probe gestellt wird, nachdem die Frau einen Schlaganfall erlitten hat. Darf man diesen Film, der zu einem gewaltsamen Ende führt, auf einem Filmfestival für Senioren zeigen? Diese Frage stellte sich Prof. Dr. theol. Traugott Roser, Münster. Auf einer Tagung, die Mitte April in Schmitten/Arnoldshain stattfand, erläuterte der Theologe, der unter anderem auch Senioreneinrichtungen betreut, seine Überlegungen zu „Liebe“.

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Rosers Ansicht nach könne man den Spielfilm aus verschiedenen Perspektiven sehen, er selbst habe ihn vorrangig in seiner Rolle als „Palliativmensch“ betrachtet. Und in dieser Rolle sei ihm deutlich geworden, dass der Film aus dramaturgischen Gründen mehrere Grundentscheidungen getroffen habe. „Die erste Grundentscheidung: Das Eheversprechen gilt. Die zweite Grundentscheidung: Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) wollen möglichst wenig externe Hilfe in Anspruch nehmen.“ Und genau das sei eine fatale Konstellation, die Roser erläuterte: „Der Hausarzt ist der einzige Mediziner, der ins Bild gerät. Es gibt zwei Krankenschwestern, von denen eine zweimal kommt und die andere sich als ausgesprochen respektlos erweist, weshalb sie schließlich entlassen wird.“ Das Pflegepersonal werde also als unpersönlich und unprofessionell dargestellt. „Und das werfe ich dem Film vor, weil dies einfach nicht der Realität entspricht“, betont Roser.

Die Beschleunigung des Todes

Georges wirke nach einem zweiten Schlaganfall seiner Frau zunehmend überfordert, und seine sozialen Kontakte seien schließlich komplett abgebrochen. Das einzige, was in dem Film als spirituelle Ressource genannt werde, sei die Musik. Aber als Georges einmal eine CD auflegt und einen Moment der Stille und Erfüllung empfindet, sagt Anne: „Stell das ab.“ So sei ihm selbst diese Ressource verwehrt worden. Für Roser ist „Liebe“ ein Film, in dem es letztendlich um das Thema Alterssuizid geht. „Er reiht sich ein in die Filme, in denen ein Suizid oder Tötung auf Verlangen aus dramaturgischen Gründen als einzige Alternative für ein langsames, qualvolles Siechtum gewählt wird. Die narrative Konsequenz besteht in der Beschleunigung des Todes.“ Georges erstickt nämlich seine Frau im gemeinsamen Ehebett völlig unvermittelt mit einem Kopfkissen. Es bleibt am Ende offen, ob es sich um einen erweiterten Suizid handelt. Roser hält dies für wahrscheinlich, da zu Beginn des Films die Wohnung, aus der Verwesungsgeruch drang, von der Polizei aufgebrochen wurde.

Psychische Erkrankungen

Während es in „Liebe“ um eine schwere Erkrankung und die Überforderung eines pflegenden Angehörigen gehe, handele es sich in rund 20 Prozent aller angloamerikanischen Spielfilme, in denen Suizide vorkommen, bei den Motiven um klassische psychiatrische Erkrankungen, zum Beispiel Depressionen oder Substanzmissbrauch, berichtet Dr. med. Thomas Götz, Leiter der Abteilung Psychiatrie am Gesundheitsamt Frankfurt/M. Dem steht die Tatsache gegenüber, dass in westlichen Staaten psychische Erkrankungen in 90 Prozent der Fälle ursächlich mit suizidalen Handlungen zusammenhängen. Der Fokus liege in den Filmen aber dramaturgisch bedingt noch mehr auf der Darstellung zwischenmenschlicher Probleme und sozialer Ursachen, die selbst Risikofaktoren für solche Erkrankungen darstellen.

Einer dieser Filme, die Götz vorstellte, ist Lars von Triers „Melancholia“ (2011), der mit einer sogenannten Ouvertüre, einer Traumsequenz der Hauptfigur Justine (Kirsten Dunst) beginnt. Diese Ouvertüre sei gleichzeitig auch Pro- und Epilog des Films. Im ersten Akt, der Hochzeitsfeier Justines auf dem Anwesen ihres Schwagers, zeige sich deutlich, dass Justine unter Depressionen leidet. „Sie muss eine Rolle erfüllen, steht unter Stress, und schließlich wird sie von ihrem Mann verlassen, den sie zuvor mit einem jungen Kollegen betrogen hat.“

Justine (Kirsten Dunst, l.) und ih- re Schwester (Charlotte Gainsbourg) in einer Szene des Kino- films „Melancholia“ (undatierte Filmszene).
Justine (Kirsten Dunst, l.) und ih- re Schwester (Charlotte Gainsbourg) in einer Szene des Kino- films „Melancholia“ (undatierte Filmszene).

Im zweiten Akt wird Justine auf das Anwesen ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) geholt. Dort ängstigt sich Claire zunehmend vor dem Planeten Melancholia, der in den nächsten Tagen der Erde gefährlich nahe kommen wird. Während ihre Verzweiflung Götz zufolge von Minute zu Minute wächst und Panikreaktionen auslöst, erwartet Justine vollkommen ruhig und gefasst die kommenden Ereignisse. Sie ist sich gewiss, dass das Ende der Erde kurz bevorsteht. Götz zitiert David Foster Wallace: „Es ist, als passiere gleich was Schreckliches, das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann – nein, schlimmer als alles, was man sich vorstellen kann, weil da dieses Gefühl ist, dass man sofort was machen muss, um es zu stoppen, aber man weiß nicht, was man machen muss, und dann passiert es auch, die ganze schreckliche Zeit, es passiert gleich, und es passiert jetzt, alles zur selben Zeit“, schrieb der Autor in seinem Roman „Unendlicher Spaß“. Und Götz zufolge macht der Film „Melancholia“ genau dieses Gefühl des gespannten Stillstandes und die Gewissheit der unvermeidbaren Katastrophe erlebbar. Lars von Trier brachte es in einem Interview mit dem Spiegel im Jahr 2011 selbst auf den Punkt: „Wenn die Depression dich voll erwischt, bist du wie die Maus in den Krallen der Katze. Du legst dich hin und sagst: ,Los, jetzt friss mich endlich!̒ Das versuche ich in ,Melancholiaʻ zu zeigen: Wenn Kirsten Dunst ein Bad nehmen soll, es aber nicht schafft, die Füße über den Wannenrand zu heben.“

Doch viele Filmemacher würden sich nicht damit begnügen, „die unaufhaltsam selbstzerstörerische Abwärtsspirale ihrer Protagonisten schlüssig zu illustrieren, oft sind Suizidmotive wirkungsvolle Vehikel zur Veranschaulichung positiver Werte und Botschaften“, erläutert Dr. phil. Tobias Eichinger, Freiburg. Ein gängiges und naheliegendes Motiv sei die Botschaft von der Macht der Liebe, die alle Rückschläge, Schmerz- und Leidenszustände sowie jeden Lebenszweifel zu überwinden vermöge.

„Heilkraft der Liebe“

In dem Film „Wilbur Wants to Kill Himself“ (2002, Regie: Lone Scherfig) unternimmt Wilbur (Jamie Sives) immer wieder neue Anläufe, sich das Leben zu nehmen, die letztendlich alle misslingen. Doch Liebe und Beziehungsverantwortung ließen die Suizidgedanken verschwinden. Der Bruder allerdings, der an Krebs erkrankt, muss seinen Platz in der Familie räumen (dieser wird von Wilbur übernommen) und sieht keine Alternative zum Suizid, der ihm auch gleich beim ersten Anlauf gelingt. Neben der „großen Heilkraft der Liebe“ werde in diesem Film also auch vermittelt, dass die „aus unabänderlichen medizinischen Gründen hoffnungslos ihrem baldigen Ende geweihten Figuren ihre von Schmerzen und Leiden geprägte Restlebenszeit selbstbestimmt verkürzen“. Dagegen könnte den in nur vermeintlich ausweglosen Situationen befindlichen Lebensmüden durch die Begegnung mit anderen Menschen relativ einfach geholfen werden.

Das sei auch in dem Film „I Hired a Contract Killer“ (1990) der Fall. In diesem Film von Aki Kaurismäki bezahlt der Protagonist Henri Boulanger (Jean-Pierre Leáud) einen zwielichtigen Schurken, um sein eigenes Leben von diesem beenden zu lassen. Der unheilbar an Krebs erkrankte Killer erschießt letztendlich aber sich selbst. Henri, der sich inzwischen in eine Rosenverkäuferin verliebt hat und gar nicht mehr sterben will, wird am Ende von seiner Freundin empfangen. Der lebensrettende Ausweg werde in beiden Filmen von der betroffenen Figur selbst gefunden. Medizinische Hilfe in Form von klinisch-psychiatrischen Therapieangeboten werde entweder ganz ausgeblendet oder sei, wo sie explizit thematisiert und gezeigt werde, erfolglos und sogar hinderlich.

Keine Lehrfilme

Doch, so Eichinger, diese Filme seien schließlich keine Lehrfilme, sondern in erster Linie Spielfilme, „die spannungsvoll erzählen und unterhalten wollen, indem sie den Zuschauer an bewegenden Schicksalen teilhaben lassen“. Ähnlich sieht dies auch Traugott Roser, der an dem Film „Liebe“ aus palliativmedizinischer Sicht Kritik übte. Dennoch äußert er sich „begeistert vom Filmschaffen Hanekes“ und hält „Liebe“ für einen „ganz großen Film“. Er berichtet, dass man sich entschlossen habe, ihn in der Alteneinrichtung zu zeigen. 150 Bewohner waren der Einladung gefolgt, obwohl man sie vor den nüchternen und belastenden Bildern „gewarnt“ habe. „Die Paare, die aus dem Film kamen, waren fast alle Arm in Arm. Ich finde, man muss sich mit alten Menschen den Film ansehen,“ meinte Roser abschließend.

Gisela Klinkhammer

Interdisziplinäre Fachtagung in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Ethik in der Medizin am Agaplesion Markus Krankenhaus,der AG Medizinethik im Film der Akademie für Ethik in der Medizin e.V., dem Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt a. M., Abteilung Psychiatrie, dem Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozessrecht der Universität Gießen und der Evangelischen Akademie Frankfurt

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