THEMEN DER ZEIT

Digitale Transformation: Zukunftsfragen

Dtsch Arztebl 2016; 113(13): A-592 / B-499 / C-495

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Auswirkungen der Digitalisierung auf zentrale Gesellschaftsbereiche wie Gesundheitswesen, Arbeitswelt und Konsum in der Diskussion

Foto: Fotolia/Thierry RYO
Foto: Fotolia/Thierry RYO

Apple, Google, Facebook und Amazon sind heute mehr wert als alle Dax-30-Unternehmen in Deutschland zusammen. Die Marktkapitalisierung dieser großen Vier entspricht heute schon der gesamten Volkswirtschaft von Kanada. Jedes Unternehmen für sich ist 400 Milliarden US-Dollar wert“, sagte Gastredner Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG, bei der Tagung „Digitale Transformation: Zur Zukunft der Gesellschaft“ am 19. Februar in Köln. Facebook habe derzeit 1,6 Milliarden Mitglieder, die katholische Kirche „nur“ 1,1 Milliarden, ergänzte er.

Interdisziplinäre Forschung

Das Forschungszentrum Ceres (Kasten) hatte dazu eingeladen, die Auswirkungen der digitalen Transformation auf zentrale Gesellschaftsbereiche wie das Gesundheitswesen oder die Arbeitswelt zu diskutieren. „Ceres führt in der Expertengruppe ,digitale Transformation‘ Wissen aus der Informatik, der mathematischen Optimierung, der Rechtswissenschaften, der Philosophie und Ethik, der Medizin und der Versorgungsforschung sowie der Sozialwissenschaften mit wirtschaftlicher Expertise zusammen“, erklärte eingangs die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft. „Dieser interdisziplinäre Ansatz ist genau das, was wir brauchen, um Digitalisierungsprozesse zu gestalten“, lobte sie. Zentrale betroffene Bereiche seien etwa der Wandel der Arbeitswelt und Fragen der Bildung.

„Ich halte es für wichtig, die Veränderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt und noch bringen wird, zu erspüren, um sie differenziert genug analysieren und dann auch gestalten zu können“, betonte Prof. Dr. med. Christiane Woopen, Geschäftsführende Direktorin von Ceres. Beim Begriff der digitalen Transformation, unter dem diese Veränderungen häufig zusammengefasst werden, gelte es, drei Facetten zu unterscheiden: „Veränderungen führen im harmlosen Fall zu Transitionen, zu organisch und kontinuierlich sich entwickelnden Übergängen von einen Zustand in einen anderen. Sind die Übergänge so umfassend, dass sich nicht nur ein neuer Zustand, sondern auch eine neue Form entwickelt, kann man im engeren Sinne von einer Transformation, einer Umgestaltung, sprechen. Werden jedoch ganze Lebens- und Gesellschaftsbereiche so tiefgreifend verändert, dass sich auch ihre jeweiligen Funktionsprinzipien ändern, möchte ich dies als Disruption bezeichnen“, erläuterte Woopen.

Disruptive Technologie

In diesem Sinne werde Digitalisierung auch als disruptive Technologie verstanden, die „unser Selbst- und Weltverständnis, unser Verhalten und die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer innersten Struktur betrifft“. Woopen verwies auf den italienischen Philosophen Luciano Floridi, Oxford Internet Institute, dem zufolge die digitalen Technologien, anders als das Rad oder das Auto, nicht mehr nur Hilfsmittel zu einem Zweck sind, sondern vielmehr die Weltanschauung des Menschen von innen heraus strukturieren und prägen, weil sich der Zugang zur Welt wesentlich über Bildschirme und Dateneinheiten vollzieht. Die Grenzen etwa zwischen Medizin und Lifestyle oder Arbeit und Privatleben lösen sich auf.

In ethischer Hinsicht sieht Woopen dabei vor allem drei Herausforderungen: „Es gilt, die Möglichkeiten von Selbstbestimmung und Persönlichkeitsentfaltung nicht einzuengen, sondern zu fördern. Es gilt, die Privatheit zu schützen und dafür neue regulative Prinzipien zu finden, die nicht mehr sklavisch an Datensparsamkeit und Zweckbindung festhalten. Und es gilt, soziale Gerechtigkeit und Solidarität zu stärken.“

Digitale Verantwortung

Telekom-Chef Höttges hob die Notwendigkeit einer breiten Diskussion über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung hervor und referierte über die digitale Verantwortung, ein Thema, mit dem sich auch sein Unternehmen befasst (siehe https://www.telekom.com/digitale-verantwortung). Er verwies auf das wachsende Unbehagen bei vielen Menschen angesichts der Tatsache, dass einige riesige Internetkonzerne das Internet unter sich aufteilten. Dennoch sei es wichtig, die Digitalisierung nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als eine „Riesenchance zu mehr Teilhabe und Wohlstand“. Einen intellektuellen und kulturellen Fundamentalpessimismus hält er für verfehlt, denn: „Technik ist ambivalent, und der Mensch ist anpassungsfähig.“

Sinnvoll ist es ihm zufolge, sich mit der Gedankenwelt des Silicon Valley zu befassen, um zu verstehen, was eigentlich passiert, und eigene Strategien zu entwickeln. Im „Valley“ herrschten eine enorme Technologiegläubigkeit und der Glaube an die ständige Selbstoptimierung des Menschen. Die Unternehmen seien getrieben von einem unbändigen Willen, die Welt zu verbessern. Sie gingen davon aus, dass die meisten Probleme der Welt Informationsprobleme sind. Daher komme es darauf an, möglichst große Datenschätze zu sammeln, um diese Probleme zu bewältigen. Dies habe eine Realität digitaler Marktmonopole geschaffen. „Tatsächlich sind viele Dienste des Internet nur vermeintlich kostenlos. Der Umsatz, den Goolge pro Suche macht, beträgt etwa ein Cent, bei zwei Millionen Suchanfragen pro Minute. Der Kunde zahlt aber nicht in bar, sondern mit seinen Daten.“ Den Nutzern sei dabei oft nicht bewusst, „wie billig sie ihre Daten derzeit weggeben“.

Gleichzeitig werde die Datenfrage zur Demokratiefrage, wie sich am Beispiel des Fahrdienstes Uber, dessen Geschäftsmodell gegen geltendes Recht verstößt, demonstrieren lasse. „Erst wird die regelkonforme Konkurrenz ausgeschaltet, dann nötigt man die Politik mit Verweis auf die Masse seiner Nutzer dazu, die Regeln im eigenen Sinne zu ändern.“

Regelungsbedarf sieht Höttges vor allem im Datenschutz, in der Sicherung der digitalen Teilhabe und in der Bildung. „Die digitale Ethik gehört in die Lehrpläne der Schulen“, so Höttges. Zudem erwachse digitale Verantwortung aus der Nähe zu den lokalen Gegebenheiten. Sein Fazit: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Gleiches muss für die digitale Würde gelten.“

Als ein Ergebnis im Diskussionsforum „digitalisierte Gesundheit“ wurde herausgearbeitet, dass es im Gesundheitswesen hierzulande vordringlich darum gehen muss, die vorhandene Technik überhaupt erst einmal einzusetzen und „an den Patienten zu bringen“. Bei Ärzten sei zudem ein Umdenken nötig: In Zeiten von Telematik und Telemedizin werden disziplinenübergreifende, kooperative Behandlungen immer wichtiger. „Der Arzt muss vielleicht auch Dinge abgeben“, meinte Woopen. „Wie geht er damit um? Das sind ja auch narzistische Kränkungen.“ Informations-Sharing, Datenaustausch- und Schnittstellenprobleme, die Standardisierung von Daten, das Zusammenfügen der vorhandenen Daten sind weitere Herausforderungen. Als Lösungsansatz warb der Hausarzt Dr. med. Siegfried Jedamzik, Bayerische TelemedAllianz, dafür, erst die Köpfe zusammenzubringen und dann die Technik. Nötig seien neue Modelle für die ärztliche Versorgung und eine andere ärztliche Mentalität im Sinne von „Beratung muss ein Erlebnis werden“ (Jedamzik). „Wir brauchen ärztliche Serviceangebote, die einfach besser sind als das, was Apple bieten kann“, resümierte Woopen. Es sei deutlich geworden, „dass wir in Deutschland immer noch etwas provinziell unterwegs sind. Wir sollten ein bisschen freier und fortschrittlicher nach vorne denken“.

Frage der Qualifikation

Im Forum zur digitalen Arbeitswelt stand als größte Herausforderung die Frage der Qualifikation im Mittelpunkt – sowohl in der Schule als auch in der beruflichen Ausbildung, im akademischen Bereich und bis hin zur lebenslangen Weiterbildung. Was sind die benötigten Kompetenzen? Menschen und Maschinen vernetzen sich zunehmend miteinander. Um das soziotechnische System menschengerecht gestalten zu können, seien bestimmte Kompetenzen wie „digital literacy“ erforderlich, so ein Ergebnis.

Ein Kernpunkt im Diskussionsforum zum digitalen Konsum war die Frage, wie die Vorteile des Internet genutzt und die Nachteile vermieden werden können. Wie lassen sich beispielsweise kostenfreie Dienste in Anspruch nehmen, ohne dabei zu viele Daten preiszugeben? Forschungsbedarf besteht den Experten zufolge auch beim Thema Internetsucht: Wie lassen sich die Online-Dienste nutzen, ohne davon abhängig zu werden und ohne die Kontrolle darüber zu verlieren?

Heike E. Krüger-Brand

Hintergrund Ceres

Das Cologne Center für Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health, ist ein Zentrum für die interdisziplinäre Forschung, Aus- und Fortbildung sowie für Beratung zu gesellschaftsrelevanten Gesundheitsthemen. Ceres sucht eigenen Angaben zufolge Lösungen „jenseits disziplinärer Grenzen“ und erarbeitet „Konzepte zur gerechten und guten Gestaltung unserer Zukunft“. Das Zentrum, das 2013 im Rahmen der Exzellenzinitiative entstand, wird von fünf Fakultäten und dem Rektorat der Universität Köln getragen (www.ceres.uni-koeln.de).

Derzeit gibt es zwei übergreifende Themencluster:

  • Altern und demografischer Wandel
  • Gesundheitgskompetenz in komplexen Umwelten

Darüber hinaus arbeiten mehrere Expertengruppen an aktuellen gesundheitsbezogenen Fragestellungen:

  • Digitale Transformation
  • Risikoadaptierte Prävention (im Rahmen einer europäsichen Initiative auf der Basis des Zielepapiers zur risikoadaptierten Krebsfrüherkennung des Nationalen Krebsplans)
  • Medizin und Standard
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