SucheTrefferlisteKindergesundheit: Ambivalenz des Medienkonsums

MEDIZINREPORT

Kindergesundheit: Ambivalenz des Medienkonsums

Dtsch Arztebl 2016; 113(21): A-1033 / B-869 / C-853

Koletzko, Berthold; Götz, Maya; Debertin, Hildegard; Boeckler, Heinz Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Digitale Medien sind bei unkontrollierter und exzessiver Nutzung von Kindern mit Gesundheitsrisiken verbunden, aber sie haben auch das Potenzial für eine wünschenswerte Gesundheitsbildung und -förderung.

Foto: Fotolia/Myst
Foto: Fotolia/Myst

Die rasche Entwicklung des Angebotes elektronischer Bildschirmmedien ruft viele Fragen zu möglichen Auswirkungen auf Gesundheit und Entwicklung und zu angemessenen Empfehlungen zur Mediennutzung bei Familien und bei Angehörigen von Gesundheitsberufen hervor. Diese Fragen wurden bei einem Symposium der Stiftung Kindergesundheit am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München (www.kindergesundheit.de) diskutiert.

In Deutschland haben Haushalte mit Kindern praktisch eine Vollausstattung mit Fernsehgeräten, Internetzugang und Computer beziehungsweise Laptop. Kinder beginnen bereits im frühen Alter mit einer regelmäßigen Nutzung. Unter den sechs bis sieben Jahre alten Kindern besitzen zehn Prozent ein eigenes Handy oder Smartphone, im Alter von 12–13 sind es schon 83 Prozent, wie Thomas Rathgeb von der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg, Stuttgart, berichtete.

Ein eigenes Fernsehgerät im Kinderzimmer haben 62 Prozent der 12- bis 13-Jährigen. Die durchschnittliche Mediennutzungsdauer von Kindern im Alter von 6–13 Jahren liegt bei täglich 93 Minuten für das Fernsehen, 36 Minuten für das Internet, dagegen nur 23 Minuten für Bücherlesen und 14 Minuten für die Nutzung von Handy oder Smartphone. Die mittlere tägliche Nutzungsdauer Jugendlicher zwischen 12 und 19 Jahren liegt für das Internet bei mehr als drei Stunden (192 Minuten) und für Fernsehen bei mehr als 1 ½ Stunden (102 Minuten).

Fernseher im Kinderzimmer erhöht Risiko für Adipositas

Die Dauer der Fernsehnutzung ist mit der Häufigkeit der Entwicklung von Übergewicht und Adipositas verbunden, wie zahlreiche Studien weltweit (1) und auch in Deutschland (2) zeigen. Auf europäischer Ebene wurde diese Frage in der von der Europäischen Kommission geförderten IDEFICS-Studie bei mehr als 16 000 zwei- bis neunjährigen Kindern untersucht (3); danach erhöht sich bei Vorhandensein eines eigenen Fernsehgerätes im Kinderzimmer eine 1,3-fache Wahrscheinlichkeit für Übergewicht und Adipositas (4). Die Anzahl gesehener Fernsehwerbespots war mit dem Ausmaß des Konsums gesüßter Getränke verbunden (5).

Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Ahrens, Leibnitz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie, Bremen, empfahl, die Fernsehdauer für Kinder zu limitieren und unbedingt auf ein eigenes Fernsehgerät im Kinderzimmer zu verzichten. Auch hält er ein Verbot von an Kinder adressierter Fernsehwerbung für notwendig, um die Kindergesundheit zu schützen.

Bedingungen im frühkindlichen Umfeld, die auch im späteren Leben von Kindern präventiv auf einen übermäßigen Medienkonsum wirken könnten, untersucht Priv.-Doz. Dr. med. Karl-Heinz Brisch, Dr. von Haunersches Kinderspital der Universität München. Hierzu zählt die Entwicklung einer frühen und stabilen emotionalen Bindung des Säuglings zu einer oder mehrerer Bezugspersonen, die einen „sicheren emotionalen Hafen“ bietet.

Fehlende intakte Bindungen von Kindern zu ihren Bezugspersonen könnten das Risiko für die Entwicklung eines Suchtverhaltens einschließlich einer suchtartigen exzessiven Nutzung digitaler Medien erhöhen. Brisch empfiehlt Eltern, die Mediennutzung ihrer Kinder zu beobachten und beim Verdacht auf ein suchtähnliches Verhalten beratende Unterstützung einzuholen.

Nutzung digitaler Medien nicht per se bedenklich

Führt eine hohe regelmäßige Nutzung digitaler Medien zu „digitaler Demenz“, und machen diese Medien Kinder dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich, wie es in der Öffentlichkeit in jüngerer Zeit immer wieder diskutiert wird? Prof. Dr. med. Markus Appel, Universität Koblenz-Landau, führte eine systematische Auswertung vorliegender Studien zu dieser Frage durch und fand keine wissenschaftlichen Belege für eine generell nachteilige Auswirkung der häufigen Nutzung digitaler Medien auf kindliches Verhalten und Entwicklung (6). Eine Internetnutzung macht weder passiv noch führt sie zu einem geringeren gesellschaftlichen Engagement, aber sie kann für Informationsvermittlung und Lernen nützlich sein.

Eine häufige Nutzung digitaler Medien korreliert auch nicht mit vermindertem Wohlbefinden oder Einsamkeit. Hinsichtlich der kognitiven Entwicklung von Kindern lässt auch mit zunehmender Nutzung digitaler Medien ein weiter kontinuierlich ansteigender IQ von Generation zu Generation während der letzten 100 Jahre beobachten (7). Appel empfiehlt die Förderung eines guten kommunikativen Klimas zwischen Kindern und Eltern beziehungsweise anderen Bezugspersonen, um positive Auswirkungen digitaler Medien optimal zu nutzen und negative Aspekte zu begrenzen.

Viele Eltern gehen zu sorglos mit der Auswahl der richtigen Fernsehbeiträge für ihre Kinder um und übersehen die möglichen emotionalen Belastungssituationen. Andrea Holler vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen München berichtete, dass sechs von zehn Kindern im Alter von acht und neun Jahren in Deutschland angaben, erst kürzlich Angst beim Fernsehen gehabt zu haben. Ein beängstigendes Fernseherlebnis erinnern 98 Prozent der Erwachsenen. Fernseherlebnisse von Kindern, welche ihre Verarbeitungsfähigkeit übersteigen, können Gefühle der Ohnmacht, intensive Angst und Albträume auslösen. Kennzeichnend für die große elterliche Sorglosigkeit ist, dass am Wochenende durchschnittlich eine Million Kinder unter zwölf Jahren nach 20 Uhr fernsieht, obwohl die dann ausgestrahlten Sendungen nicht für diese Altersklasse freigegeben sind. Generell sollten Eltern dafür Sorge tragen, dass ihre Kinder nur altersentsprechende Sendungen schauen.

Medien haben durchaus Potenzial für eine sinnvolle Nutzung zur Gesundheitsbildung und -förderung. Besonders bei medienaffinen Heranwachsenden können über Medien wie Fernsehen oder Computerspiele gesundheitsrelevante Botschaften transportiert werden, die sonst bei Kindern eher kein Gehör finden. Dr. Claudia Lampert vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, Hamburg, berichtete, dass seit Ende der 60er Jahre unter dem Stichwort „Entertainment-Education“ (EE) Bemühungen unternommen wurden, prosoziale und gesundheitsfördernde Themen gezielt in fiktionalen und non-fiktionalen Sendeformen des Fernsehens zu integrieren. So wurden auf der Grundlage dieses Ansatzes zahlreiche Radio- und Fernseh-Soap-Operas produziert. Vorliegende international Evaluationsstudien bescheinigen den Entertainment-Education-Projekten fast einhellig ein gesundheitsförderndes Potenzial (8).

Die Stärken des Ansatzes liegen den Studien zufolge zum einen in der Sensibilisierung der Rezipienten für bestimmte Gesundheitsthemen und zum anderen in der Förderung interpersonaler (Peer-)Kommunikation über gesundheitsrelevante Themen. In vielen Fällen führten die Sendungen darüber hinaus zu einer kritischen Reflektion eigener Ansichten und Einstellungen und motivierten zu Verhaltensänderungen auf individueller und sozialer Ebene. Ein Vergleich angloamerikanischer Programmofferten zeigt dort eine bemerkenswerte Angebotsdifferenzierung zu Wissenschaftsthemen, die in hiesigen TV-Programmen ihresgleichen sucht. Zudem dominiert im deutschen Fernsehangebot in der Darstellung von Medizinthemen die Magazinform, während beispielsweise auf dem angloamerikanischen TV-Markt viele dieser Themen in „Langform“ als Dokumentationen oder in fiktionalen Formaten gesendet werden.

Auch Applikationen für mobile Geräte, wie die im Rahmen des nationalen Netzwerks Gesund ins Leben entwickelten APPs für Schwangere und junge Kinder (www.kindergesundheit.de/app.html), können eine effektive Gesund­heits­förder­ung erreichen (9, 10). Lampert sprach sich dafür aus, in Zukunft dieses Potenzial der Medien für eine effektive Ansprache und Gesund­heits­förder­ung besser zu nutzen.

Eltern sollten feste Regeln aufstellen und durchsetzen

Angesichts der bestehenden großen Verunsicherung erscheint es unbedingt notwendig, der Öffentlichkeit mehr wissenschaftlich fundierte Informationen über die Risiken und Chancen der Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen sowie gut begründete Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Medien zugänglich zu machen. Mitarbeiter von Bildungseinrichtungen, aber auch Angehörige der Gesundheitsberufe können und sollten Kindern und ihren Familien bei der Entwicklung einer altersgerecht guten Medienkompetenz aktiv unterstützen. Besonders wichtig erscheint es, ein regelmäßiges Gespräch zwischen Kindern und Eltern über die gesehenen Sendungen und genutzten weiteren Medieninhalte zu führen. Eltern sollten feste Regeln zur Mediennutzung durch ihre Kinder aufstellen und diese konsequent durchsetzen.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Berthold Koletzko
Ludwig Maximilians-Universität München,
Dr. von Haunersches Kinderspital München

Dr. Maya Götz
Internationales Zentralinstitut für das
Jugend- und Bildungsfernsehen, München

Dipl.-Oecotroph. Hildegard Debertin
Dr. Heinz Michael Boeckler
Stiftung Kindergesundheit am
Dr. von Haunerschen Kinderspital, München

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2116
oder über QR-Code.

1.
World-Health-Organisation. Draft Final Report of the Commission Ending Childhood Obesity. Geneva: World Health Organisation; 2015.
2.
Kalies H, Koletzko B, von Kries R: Übergewicht bei Vorschulkindern. Der Einfluß von Fernseh- und Computerspiel-Gewohnheiten. Kinderärztliche Praxis. 2001; 4: 227–34.
3.
Ahrens W, Bammann K, Siani A, Buchecker K, De Henauw S, Iacoviello L, et al.: The IDEFICS cohort: design, characteristics and participation in the baseline survey. Int J Obes 2011; 35 Suppl 1: S3–15 CrossRef MEDLINE
4.
Lissner L, Lanfer A, Gwozdz W, Olafsdottir S, Eiben G, Moreno LA, et al.: Television habits in relation to overweight, diet and taste preferences in European children: the IDEFICS study. Eur J Epidemiol 2012; 27: 705–15 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Olafsdottir S, Berg C, Eiben G, Lanfer A, Reisch L, Ahrens W, et al.: Young children’s screen activities, sweet drink consumption and anthropometry: results from a prospective European study. Eur J Clin Nutr 2014; 68: 223–8 CrossRef MEDLINE
6.
Appel M, Schreiner C: Digitale Demenz? Mythen und wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Internetnutzung. Psychologische Rundschau 2014; 65: 1–10 CrossRef
7.
Pietschnig J, Voracek M: One Century of Global IQ Gains: A Formal Meta-Analysis of the Flynn Effect (1909–2013). Perspect Psychol Sci 2015; 10: 282–306 CrossRef MEDLINE
8.
Lampert C: Gesundheitsrelevanz medialer Unterhaltungsangebote. In: Hurrelmann K, Baumann E (eds.): Handbuch Gesundheitskommunikation. Bern: Verlag Hans Huber 2014; 228–38.
9.
Hearn L, Miller M, Lester L: Reaching perinatal women online: the Healthy You, Healthy Baby website and app. Journal of Obesity 2014; Article ID 573928, 9 Seiten.
10.
Valdivieso-Lopez E, Flores-Mateo G, Molina-Gomez JD, Rey-Renones C, Barrera Uriarte ML, Duch J, et al.: Efficacy of a mobile application for smoking cessation in young people: study protocol for a clustered, randomized trial. BMC Public Health 2013; 13: 704 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.World-Health-Organisation. Draft Final Report of the Commission Ending Childhood Obesity. Geneva: World Health Organisation; 2015.
2.Kalies H, Koletzko B, von Kries R: Übergewicht bei Vorschulkindern. Der Einfluß von Fernseh- und Computerspiel-Gewohnheiten. Kinderärztliche Praxis. 2001; 4: 227–34.
3.Ahrens W, Bammann K, Siani A, Buchecker K, De Henauw S, Iacoviello L, et al.: The IDEFICS cohort: design, characteristics and participation in the baseline survey. Int J Obes 2011; 35 Suppl 1: S3–15 CrossRef MEDLINE
4.Lissner L, Lanfer A, Gwozdz W, Olafsdottir S, Eiben G, Moreno LA, et al.: Television habits in relation to overweight, diet and taste preferences in European children: the IDEFICS study. Eur J Epidemiol 2012; 27: 705–15 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Olafsdottir S, Berg C, Eiben G, Lanfer A, Reisch L, Ahrens W, et al.: Young children’s screen activities, sweet drink consumption and anthropometry: results from a prospective European study. Eur J Clin Nutr 2014; 68: 223–8 CrossRef MEDLINE
6.Appel M, Schreiner C: Digitale Demenz? Mythen und wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Internetnutzung. Psychologische Rundschau 2014; 65: 1–10 CrossRef
7.Pietschnig J, Voracek M: One Century of Global IQ Gains: A Formal Meta-Analysis of the Flynn Effect (1909–2013). Perspect Psychol Sci 2015; 10: 282–306 CrossRef MEDLINE
8.Lampert C: Gesundheitsrelevanz medialer Unterhaltungsangebote. In: Hurrelmann K, Baumann E (eds.): Handbuch Gesundheitskommunikation. Bern: Verlag Hans Huber 2014; 228–38.
9.Hearn L, Miller M, Lester L: Reaching perinatal women online: the Healthy You, Healthy Baby website and app. Journal of Obesity 2014; Article ID 573928, 9 Seiten.
10.Valdivieso-Lopez E, Flores-Mateo G, Molina-Gomez JD, Rey-Renones C, Barrera Uriarte ML, Duch J, et al.: Efficacy of a mobile application for smoking cessation in young people: study protocol for a clustered, randomized trial. BMC Public Health 2013; 13: 704 CrossRef MEDLINE PubMed Central

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Zum Artikel

Fachgebiet

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Anzeige