SucheTrefferlisteElektronischer Medikationsplan: Auf der Zielgeraden

POLITIK

Elektronischer Medikationsplan: Auf der Zielgeraden

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Seit Jahren schon versuchen Gesundheitspolitik und Selbstverwaltung, die Arznei­mittel­therapie­sicherheit mit Hilfe von IT zu verbessern. Nach diversen Rückschlägen kommt die Ziellinie nun allmählich in Sicht.

Foto: picture alliance
Foto: picture alliance

Mit großen Hoffnungen war die elektronische Gesundheitskarte (eGK) im Jahr 2004 auf den Weg gebracht worden. Unter anderem sollte sie dazu beitragen, unerwünschte Wechselwirkungen zwischen Medikamenten zu vermeiden. Zwölf Jahre später haben die Deutschen die eGK zwar in ihrem Portemonnaie – Wechselwirkungen kann sie jedoch bis heute nicht erkennen. Da das Problem zunehmender Polypharmazie in einer älter werdenden Gesellschaft immer größer wird, haben sich verschiedene Akteure auf den Weg gemacht, Lösungen zu finden.

Anzeige

So wird seit 2014 im Rahmen der Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) ein Konzept zur Neuordnung der Arzneimittelversorgung erprobt. Es fußt auf einer Idee, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände im Jahr 2011 präsentiert hatten. Zum 1. Juli 2016 nun wurde das Herzstück der Initiative gestartet: das Medikationsmanagement. Apotheker erstellen dabei mit den teilnehmenden Patienten einen Medikationsplan, der alle Arzneimittel enthält, die diese Patienten einnehmen. Zusammen mit eigenen Anmerkungen stellt der Apotheker den Plan dann auf einen Server, auf den der Hausarzt des Patienten über seine Praxissoftware zugreifen kann. Der Arzt schaut sich die Gesamtmedikation an und kann sie im Falle von unerwünschten Wechselwirkungen anpassen.

„Compliance wird steigen“

Einer der Ärzte, die dieses System bereits seit einigen Monaten erprobt haben, ist Dipl.-Med. Wolfgang Ulbricht aus dem 4 000-Einwohner-Ort Bad Schandau an der tschechischen Grenze. Die Erfahrungen, die er gemacht hat, sind gut. „Ich bekomme jetzt Informationen über meine Patienten, die ich vorher nicht bekommen habe“, erzählt Ulbricht dem Deutschen Ärzteblatt. „Zum Beispiel hat eine meiner Patientinnen, die an einer Herzinsuffizienz leidet, ihrem Apotheker vor kurzem erzählt, dass sie ihr Arzneimittel gegen die Herzinsuffizienz nur sporadisch einnimmt. Mir erzählt sie das nicht, weil sie weiß, dass ich das beanstanden würde.“ Ihrem Apotheker gegenüber sei die Hemmschwelle hingegen niedriger. „Bei ihrem nächsten Besuch in der Praxis erzähle ich ihr natürlich nicht, dass ich von ihrem Apotheker weiß, dass sie das Medikament nicht regelmäßig nimmt“, sagt Ulbricht. „Aber ich weise sie darauf hin, wie wichtig es ist, dies zu tun.“ Insofern geht der 57-jährige Hausarzt davon aus, dass die Compli-
ance durch das Medikationsmanagement steigen wird.

„Ein weiterer Patient war nach schweren Hirnblutungen halbseitig gelähmt“, fährt Ulbricht fort. „Zudem hatte er eine Bradykardie und eine Depression. Ein Neurologe hat ihm Citalopram gegen die Depression verordnet, das aber ja den Herzschlag noch weiter verlangsamen kann.“ Denn der Neurologe habe nicht gewusst, dass dieser Patient an einer Bradykardie litt. „Da ich diese Informationen jetzt erhalte, konnte ich den Neurologen anrufen und den Fall mit ihm besprechen“, sagt Ulbricht. Natürlich müsse man dabei diplomatisch sein, damit sich niemand auf den Schlips getreten fühle. Er mache den Fachärzten auch keinen Vorwurf. Sie hätten einfach nicht die Zeit, eine genaue Anamnese zu erheben.

Träger von ARMIN sind die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) Sachsen und Thüringen sowie die Apothekerverbände beider Länder und die AOK Plus. Im Juni gaben sie auf einer Pressekonferenz den Start des Medikationsmanagements bekannt. „Damit haben wir etwas geschaffen, was bisher im deutschen Gesundheitswesen kaum realisiert wurde: Zwei Heilberufler unterschiedlicher Profession können auf elektronischem Wege unter Beachtung des Datenschutzes sensible Patientendaten austauschen“, betonte der Vorstandsvorsitzende der KV Sachsen, Dr. med. Klaus Heckemann. Die AOK Plus erwartet sich von der Initiative neben einer Erhöhung der Lebensqualität der Patienten einen Rückgang der Krankenhauskosten durch weniger Klinikeinweisungen.

Medikationsplan ab Oktober

Auch die Bundesregierung hat die Einführung des Medikationsplans forciert. Gemäß E-Health-Gesetz haben Patienten, die mindestens drei verordnete Medikamente gleichzeitig einnehmen, ab Oktober bundesweit einen Anspruch auf die Erstellung eines Medikationsplans, der zunächst allerdings noch in Papierform ausgefertigt wird. Bis Mitte 2018 sollen dann alle Arztpraxen und Krankenhäuser an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur angeschlossen sein. Spätestens dann soll der papierne Medikationsplan durch einen elektronischen ersetzt werden.

Wie im Gesetz vorgesehen haben die KBV, die Bundes­ärzte­kammer und der Deutsche Apothekerverband im April eine Rahmenvereinbarung für die Einführung eines Medikationsplans getroffen. Im Vergleich zu ARMIN gibt es jedoch einige Unterschiede. Denn in der Regel wird hier der Hausarzt und nicht der Apotheker den Medikationsplan erstellen und aktualisieren. Aktualisierungen durch mitbehandelnde Ärzte sind ebenfalls möglich. Zudem können Apotheker den Plan auf Wunsch des Patienten um die in der Apotheke abgegebenen Arzneimittel ergänzen. Und er gilt bereits für Patienten, die mindestens drei Arzneimittel einnehmen. Zu dem Medikationsplan hat die KBV Antworten auf häufig Fragen zusammengestellt (siehe Kasten).

Ein elektronischer Medikationsplan wird darüber hinaus in Projekten erprobt, die vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium finanziert und im Rahmen des „Aktionsplans für die Verbesserung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit in Deutschland“ von der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft koordiniert werden. Sie sind derzeit noch nicht abgeschlossen.

Und schließlich sollen Projekte zur Verbesserung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit auch aus dem Innovationsfonds gefördert werden. Auf der Agenda des Innovationsausschusses stehe dies an erster Stelle, hatte der unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, Prof. Josef Hecken, im Februar betont. Ziel müsse es dabei sein, dass derjenige einen Überblick über die Medikation erhält, der ein neues Arzneimittel verordne. Hecken sprach sich allerdings gegen Modelle aus, bei denen der Hausarzt oder die Apotheke diesen Überblick erhält. Denn es sei nicht gewährleistet, dass der Patient seinen Hausarzt oder seinen Apotheker stets über die Einnahme neuer Medikamente informiere. Stattdessen befürwortete Hecken, dass die entsprechenden Informationen direkt elektronisch an einem Ort zusammengeführt werden, zum Beispiel bei der Krankenkasse. Die könne dann umgehend kontrollieren, ob unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu erwarten sind.

Dass ein elektronischer Medikationsplan künftig die Arznei­mittel­therapie­sicherheit in Deutschland verbessern wird, ist also klar – unklar ist allerdings noch, nach welchem Modell.

Falk Osterloh

FAQs der KBV

Mein Praxisverwaltungssystem (PVS) hat doch schon einen Medikationsplan. Warum muss der jetzt bundesweit ein einheitliches Format bekommen?

Tatsächlich haben bereits jetzt viele Praxissysteme die Möglichkeit, einen Medikationsplan zu drucken. Aussehen und Qualität der Pläne sind jedoch sehr unterschiedlich. So haben manche Pläne beispielsweise eine sehr kleine Schriftgröße, andere enthalten nur unvollständige Informationen zur Dosierung oder bieten keine Möglichkeit, Hinweise oder Behandlungsgründe anzugeben.

Meine Software bietet schon einen besonders ausgefeilten Spezialplan für Marcumar- oder Insulinpatienten und so weiter. Kann ich diesen zukünftig weiter nutzen?

Der bundeseinheitliche Medikationsplan ist vor allem für den Überblick über die Gesamtmedikation gedacht. Er bietet viele Möglichkeiten, kann aber gegebenenfalls nicht alle Spezialszenarien bedienen. Daher ist es sinnvoll und selbstverständlich möglich, vorhandene Spezialpläne weiterhin zu nutzen. Im Medikationsplan kann dann ein Verweis auf den gesonderten Plan anstelle der Dosierungsanweisung hinterlegt werden.

Kann ich bestehende Medikation aus meiner Patientendokumentation in den Plan übernehmen?

Ja. Die PVS-Hersteller müssen die Funktionalitäten ihrer Medikationsplanmodule von der KBV zertifizieren lassen. Im Rahmen dieser Zertifizierung sind sie verpflichtet, eine Übernahme der im PVS gespeicherten Daten zur Medikation eines Patienten in den Medikationsplan zu ermöglichen. Dadurch kann ein Medikationsplan auch unabhängig von der Ausstellung eines Rezeptes erzeugt und ausgedruckt werden.

@Mehr FAQs im Internet:
http://d.aerzteblatt.de/HY63

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #105595
havaube
am Sonntag, 24. Juli 2016, 19:28

Datenschutz und Compliance sind anders

In dem geschilderten Fall freut sich der Hausarzt Ulbricht, dass er im Rahmen der "Arzneimittelinitiative Sachsen-Thürigen" (ARMIN) "jetzt Informationen über meine Patientin (bekomme), die ich vorher nicht bekommen habe." Dies war ihm möglich, weil der Hausarzt im Rahmen von ARMIN offenkundig ohne Zustimmung durch die Patientin Angaben einsehen kann, die die Patientin absichtlich nicht ihm, sondern dem Apotheker gegenüber gemacht hat. Denn Hausarzt Ulbricht ist sich sehr wohl bewusst, dass die Patientin diese Angaben nicht versehentlich, sondern aus einem wichtigen Grund nicht ihm gegenüber gemacht hatte: "Mir erzählt sie das nicht, weil sie weiß, dass ich das beanstanden würde." Dem Hausarzt ist desweiteren klar, dass er im Rahmen dieser - daher unbefugten - Kenntnissnahme besonders schutzwürdiger Daten einen Vertrauensbruch und einen Verstoß gegen das Berufsrecht und das Datenschutzrecht begangen hat. Denn der Hausarzt verheimlicht dem Patienten gegenüber gezielt die Kenntnisnahme der nicht für ihn vorgesehenen Daten: "Bei ihrem nächsten Besuch erzähle ich ihr natürlich nicht, dass ich von ihrem Apotheker weiß (...)". Natürlich ? Der Autor des Deutschen Ärzteblatts setzt diesem Vorgang dann die Spitze auf, indem er resümiert: "Insofern geht der (...) Hausarzt davon aus, dass die Compliance durch das Medikationsmanagement steigen wird." Also Compliance durch unbefugt erworbenes und verheimlichtes Wissen anstatt durch Beratung und Motivation ? Oder greift der Autor hier - hoffentlich, wenngleich missverständlich - zum Stilmittel der Ironie ?

Zum Artikel

Fachgebiet

Fachgebiet

Anzeige

Stellenangebote

    Weitere...