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Gioachino Rossini: Kreativität und Leid

Dtsch Arztebl 2016; 113(44): A-1992

Cardinal von Widdern, Susanne; Kraenz, Horst

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Gioachino Rossini (1792–1868) zählte zu den berühmtesten Künstlern des 19. Jahrhunderts, seine Opern (unter anderem „Der Barbier von Sevilla“, „Othello“) beherrschten lange Zeit die Spielpläne von Mailand bis Rio de Janeiro und von Paris bis Sankt Petersburg. Schon lange ist in deutscher Sprache keine Rossini-Monographie mehr erschienen. Das Werk von Arnold Jacobshagen räumt mit Legenden über den angeblich so heiteren „Schwan von Pesaro“ auf. Vielmehr präsentiert es einen sehr reflektierten und unergründlichen Komponisten, in dessen vielfältigem musikalischen Schaffen durchaus ernste Themen im Vordergrund standen. Auch in medizinischer Hinsicht bietet das Buch Erkenntnisse, die das Bild des Genießers und Lebemanns relativieren. Rossini litt an Geschlechtskrankheiten, Nervenleiden, Depressionen, Herzschwäche, Adipositas, chronischen Blasenbeschwerden, chronischer Bronchitis und schließlich Mastdarmkrebs. Dabei war eine Infektion schon in jungen Jahren mit Gonorrhö wohl die Ursache vieler späterer Beschwerden.

Offenbar standen Kreativität und Leiden in Rossinis Werdegang in engem Zusammenhang und boten Grund für so manche Überraschung in seinem Lebenslauf. Er schrieb seine sämtlichen 39 Opern in den Jahren 1810 bis 1829. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere stellte er in Paris im Alter von nur 37 Jahren das Komponieren ein. Zwischen 1830 und 1855 schrieb er kaum etwas und verbrachte fast zwei Jahrzehnte lang relativ zurückgezogen in Italien. Dann kehrte er 1855 nach Paris zurück, wo er im letzten Jahrzehnt seines Lebens ein Spätwerk schuf, das eine Messe, zahlreiche Vokalkompositionen, Lieder und Kammermusikwerke sowie rund 100 Klavierstücke umfasst.

Die Jahrzehnte davor waren durch langwierige Kuraufenthalte und schwere gesundheitliche Probleme geprägt. Anfang der 1850er Jahre litt Rossini unter chronischer Schlaflosigkeit und schwersten Depressionen mit Selbstmordgedanken, die ihm von seinen Ärzten empfohlene Einnahme von Opium lehnte er ab. Einem ärztlichen Gutachten aus Bologna zufolge hatte Rossini wegen chronischer Unterleibbeschwerden bereits um 1836 „seiner Leidenschaft für Frauen Zügel angelegt und den übermäßigen Genuss von Alkohol und von gewürztem Essen eingestellt“. Das mutmaßliche Ende seiner sexuellen Aktivitäten bezieht sich nicht etwa auf seine damalige Gattin, die Primadonna Isabella Colbran, von der er seit langem getrennt lebte. Vielmehr war er seit 1833 mit Olympe Pélissier liiert, die mehr und mehr von der Rolle der Geliebten in die der Krankenschwester wechselte. Erst 1846, nach Colbrans Tod, konnte der 55-jährige Rossini die 49-jährige Pélissier heiraten.

Rossinis Krankenakte ist auch deshalb vergleichsweise gut dokumentiert, weil er regelmäßig renommierte Mediziner aufsuchte. 1841 ließ er sich beispielsweise in Venedig von Carl Gustav Carus untersuchen, der ihm eine erfolglose Hämorrhoiden-Behandlung mit Hilfe von Blutegeln zuteilwerden ließ. 1843 reiste er eigens nach Paris, um sich von dem berühmten Urologen Jean Civiale, dem Erfinder des ersten minimalinvasiven chirurgischen Verfahrens zur Nierensteinentfernung, behandeln zu lassen. Die letzte und wiederum erfolglose Operation unternahm Auguste Nélaton, der kaiserliche Leibarzt Napoleons III. Beim Versuch, ein Krebsgeschwür am Mastdarm zu entfernen, kam es vermutlich durch ein mangelhaft desinfiziertes Instrument zu einer schweren Sepsis, an der Rossini am 13. November 1868 verschied. Wer an Künstler-Biografien verbunden mit Zeitgeschichte und zudem vielfältigen musikwissenschaftlichen Details sowie medizinischem Bezug interessiert ist, wird an dieser Lektüre besonderen Gefallen finden.

Dr. Susanne Cardinal von Widdern

Dr. Horst Kraenz

Arnold Jacobshagen: Gioachino Rossini und seine Zeit (Große Komponisten und ihre Zeit). Laaber Verlag, Laaber 2015, gebunden, 378 Seiten, 34,80 Euro

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