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Wissenschaft: Gegen alternative Fakten

Dtsch Arztebl 2017; 114(17): A-815 / B-691 / C-677

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Mit „alternativen Fakten“ wollte US-Präsident Donald Trump die Anzahl der Besucher bei seiner Vereidigung belegen. Mit Wissenschaft hatte dieser absurde Versuch der Beweisführung wenig zu tun. Dennoch war er auch ein Auslöser, warum am 22. April weltweit auf mehr als 600 Veranstaltungen Tausende Menschen beim „March for Science“ für Wissenschaftsfreiheit und gegen alternative Fakten demonstrierten. Trump hatte inzwischen auch wissenschaftlich nachgelegt: Er bezeichnete den Klimawandel als Schwindel und kündigte an, die Budgets für Umwelt- und Klimaforschung zu kürzen. Warum aber gerade jetzt das weltweite Plädoyer für die Wissenschaft?

„Fake News“ beeinflussen inzwischen nicht mehr nur gesellschaftliche und politische Entwicklungen, auch Regierungschefs nutzen alternative Fakten auf dem Feld der Wissenschaft zu ihrem Vorteil. So lässt der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan unliebsame Wissenschaftler entfernen und streicht die Evolutionstheorie von Charles Darwin aus den Schulbüchern. Neu sind alternative Fakten auf dem Gebiet der Medizin nicht. Schon 1999 leugnete der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki den Zusammenhang zwischen dem HI-Virus und der Immunschwäche Aids. Armut sei die wichtigste Ursache von Aids, behauptete er. Ge­sund­heits­mi­nis­terin Manto Tshabalala-Msimang empfahl den Aidskranken Olivenöl, Knoblauch und Rote Bete anstatt antiretroviraler Medikamente. Man schätzt, dass dadurch mehr als 300 000 Aidspatienten starben.

Es sind aber nicht nur diejenigen in den politischen Machtpositionen, die fragwürdige Erkenntnisse verbreiten. Das Internet macht es für jeden zu jeder Zeit möglich, gefährliche Ansichten zu streuen und für einen Teil der Bevölkerung auch glaubhaft zu machen. Die Impfdiskussion macht dies auf den Webseiten der Impfgegner deutlich. Noch hartnäckiger ist der britische Arzt Andrew Wakefield. Er tourt mit einem Kinofilm durch Deutschland, in dem vor der Dreifachimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) gewarnt wird, da sie zu Autismus führen könne. 1998 beschrieb Wakefield das erste Mal im Lancet seine Thesen. Die Daten stellten sich als ungenügend heraus, der Lancet zog schließlich die Publikation zurück. In der Folge aber sank die Impfquote gegen Mumps in Großbritannien von 92 auf 80 Prozent. 2005 kam es im Königreich zu einer Masernepidemie mit 45 000 erkrankten Kindern. Wakefield wird aber nicht müde, seine eigenen Fakten zu verbreiten. Im Anschluss an die Vorführungen seines Films „Vaxxed“ diskutiert er vor Ort mit dem Kinopublikum und versucht die Zuschauer von der großen Gefahr der MMR zu überzeugen (http://daebl.de/ZG46).

Gegen solche vermeintlichen Fakten helfen nur Argumente der Wissenschaft. Daher war der Protestmarsch für die Wissenschaftsfreiheit wichtig, denn er schafft Aufmerksamkeit. Und die ist bitter nötig, denn die Wissenschaft muss sich gegenüber Demagogen behaupten, die die Klaviatur der (sozialen) Medien perfekt beherrschen. Dafür muss die Wissenschaft aber auch ihre Erkenntnisse offenlegen („Open Science“), sie frei zugänglich machen („Open Access“) und verständlich aufbereiten. Elfenbeinturmdenken ist da nicht gefragt. Denn Fachmedien und deren Leser sind Multiplikatoren der Fakten, auf deren Basis (politische) Entscheidungen getroffen werden. Nur mit wissenschaftlichen Erkenntnissen kann man Zweifler überzeugen, dass es alternative Fakten nicht gibt.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 4. Mai 2017, 15:52

Maligner Narzissmus bei D. T.?

Medscape Deutschland titelte bereits am 8. Februar 2017 unter
"NACHRICHTEN & MEINUNG FORTBILDUNG
Ein „maligner Narzisst“ am „roten Knopf“? US-Psychologen zeigen sich besorgt über Donald Trumps mentalen Zustand"
http://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4905728

Donald Trump ist nicht nur ein „maligner Narzisst“ am „roten Knopf“, sondern auch mit "rotem Kopf". Statt cool mit klarem Verstand und analytischer Schärfe, mit Selbstreflexion und kultureller Reflexion emotional und sozial intelligent zu reagieren und zu interagieren, verstrickt er sich in unkontrollierte Gefühlswallungen und lebt seine narzisstischen Neurosen aus.

Dass ist m. E. der Legitimationsgrund, mit dem der renommierter US-Psychotherapeut, Dr. John D. Gartner, der an der John Hopkins University Medical School, Baltimore, Maryland, unterrichtet, durchaus berechtigt ist, eine Ferndiagnose zu stellen, welches eigentlich anerkannten Ethik-Regeln widerspricht.

Diagnostische Kriterien des NARZISSMUS nach DSM-IV - 5 oder mehr der diagnostischen Kriterien müssen erfüllt sein:

1. Person zeigt ein übertriebenes Selbstwertgefühl (übertreibt die eigenen Fähigkeiten und Talente und erwartet, selbst ohne besondere Leistung als „etwas Besonders“ Beachtung zu finden)

2. Person beschäftigt sich ständig mit Phantasien grenzenlosen Erfolges, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe.

3. Person ist der Meinung, dass er oder sie besonders und einzigartig ist, dass nur Personen mit hohem Status oder in besonderen Institutionen ihn verstehen.

4. Person verlangt ständig Bewunderung

5. Person legt ein Anspruchsdenken an den Tag, stellt Ansprüche an die Behandlung oder unmittelbare Zustimmung zu den eigenen Erwartungen.

6. Person nützt zwischenmenschliche Beziehungen aus, um mit Hilfe anderer die eigenen Ziele zu erreichen.

7. Person zeigt Mangel an Einfühlungsvermögen, kann z.B. nicht erkennen oder empfinden, wie sich andere fühlen und welche Bedingungen diese haben.

8. Person ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, dass andere neidisch auf ihn sind.

9. Person zeigt arrogantes, überhebliches Verhalten oder hat entsprechende Einstellungen

Einige Kriterien sind nicht direkt beobachtbar, lassen sich nur aus der Innenperspektive der Person erschließen.

DEFIZITE DER NARZISSTISCHEN PERSÖNLICHKEIT

- in der Selbstwahrnehmung

- in Sprache und Organisation des Denkens

- in der Intensionalität und Volition

- in der Stimmungsregulation

- in der Wahrnehmung von Zeit, Raum und Kausalität

MALIGNER NARZISSMUS als Steigerung der klassischen Narzissmus-Merkmale bedeutet zusätzlich

- Antisoziale Merkmale

- Paranoide Züge

- Ich-Syntone Aggressivität

Weitere Merkmale sind relevant:

PATHOLOGISCHE EIGENLIEBE

- übernormale Selbstbezogenheit und Selbstzentriertheit

- exhibitionische Grandiosität

- Gefühle der Überlegenheit

- Rücksichtslosigkeit

- Diskrepanz zwischen übermäßigen Ansprüchen und Rivalität

- infantile Wertvorstellungen (Wohlhabenheit, Kleidung, Attraktivität)

- übermäßige Abhängigkeit von Bewunderung

Modifiziert nach: Doz.Dr.habil.N.Göth, Institut f. VT Brandenburg, Lehrtherapeut und Supervisor, Mitteldeutsches Institut für Klinische Hypnose

Insofern stimme ich persönlich überein, dass die Kombination von Grandiosität, antisozialem Verhalten, entsprechenden Aggressionen und eventuell sogar paranoiden (wahnhaften) Neigungen Menschen zu „tickenden Zeitbomben“ werden lassen können. Wir Ärztinnen und Ärzte sollten nichts unterlassen und vor derartigen Fehlentwicklungen und Risiken fachlich begründet rechtzeitig warnen.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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