MEDIZINREPORT

Personalisierte Medizin: Lehren aus der Vergangenheit

Dtsch Arztebl 2017; 114(18): A-892 / B-751 / C-735

Tanneberger, Stephan

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Die „Personalisierte Medizin“ propagiert die Entwicklung von individuell zugeschnittenen Gesundheitslösungen. Der Autor möchte den Begriff auch in dem Sinn umgesetzt sehen, den Patienten in seinem Menschsein wahrzunehmen.

Prof. Dr. Dr. med. Stephan Tanneberger, ehemaliger Direktor des Zentralinstituts für Krebsforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR
Prof. Dr. Dr. med. Stephan Tanneberger, ehemaliger Direktor des Zentralinstituts für Krebsforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR

Bereits vor 50 Jahren starteten die Onkologen den Versuch, die Krebschemotherapie zu individualisieren (1). Denn man wusste, dass das Ansprechen auf die verschiedenen Wirkstoffe zwischen den Patienten enorm variiert. So führten wir das „Onkobiogramm“ ein, um – wie beim Antibiogramm – das für den

jeweiligen Patienten beste Präparat im Voraus zu selektieren. Dazu kultivierten wir Biopsien (Zell- und Organkulturen), welche wir dann in vitro mit den unterschiedlichen Pharmaka behandelten. Die Effektivität dieses Auswahlverfahrens bewerteten wir klinisch. Die Ergebnisse waren ermutigend.

Weniger ermutigend war, was wir über die extreme Heterogenität von Tumoren in Raum und Zeit lernten. Die Ergebnisse an mehr als tausend In-vitro-Kulturen menschlicher Tumoren zeigten Individualität mit Bezug auf die umfassende Histologie, den Mitose-Index, die DNS-Synthese, die Pharmaka-Empfindlichkeit und mehr. Nach einer Programmlaufzeit von mehr als 10 Jahren mussten wir erkennen, dass die Annahme eines einzigen, „Neoplasie-spezifischen Zelldefekts“ nicht mehr ist, als eine wissenschaftliche Illusion (2).

„Personalisierte Medizin“ oder „precision medicine“ wird häufig als ein Konzept des 21. Jahrhunderts angesehen, das noch in den Kinderschuhen steckt – und deshalb seine Vorzüge noch nicht voll zur Entfaltung kommen konnten. Ein besseres Verständnis des historischen Kontext könnte zu mehr realistischen Erwartungen bezüglich des Möglichen beitragen.

Die jährliche Zahl der Publikationen über onkologische Therapien hat sich zwischen 1997 und 2014 verdoppelt. Gleichzeitig ist die Zahl teurer biologischer Krebsmedikamente explodiert. Aber die erreichten Resultate zeigen keinen überzeugenden klinischen Fortschritt. Bei der biologischen Ungleichheit und der kontinuierlichen Evolution menschlicher Tumoren ist es auch nicht überraschend, dass Patienten nicht mit einer zielgerichteten („targeted“) Therapie geheilt werden. Auch die hoch entwickeltsten Techniken liefern uns nur einen Schnappschuss von dem dynamischen Prozess der Kanzerogenese (3).

Krebs ist ein Fehler der Zellteilung, induziert durch vermeidbare Karzinogene und nicht-vermeidbare Alterung des Körpers. Krebs ist ein unvermeidbarer Teil unserer Biologie. Zielgerichtete Behandlungsformen sind ein Konzept, das kontinuierlich viel mehr propagiert, als realisiert werden. Kurz: Davon ist nie ein echter Durchbruch zu erwarten. Ohne Zweifel, das Immunsystem ist eine fesselnde Sache und die neue Generation der Checkpoint-Inhibitoren hat ein interessantes Potenzial. Allerdings ist das Immunsystem nicht geschaffen um Tumoren zu eliminieren, sondern um die ständig eintretenden „minimalen Abweichungen“ bei jeder Zellteilung unter Kontrolle zu bringen.

Es gibt aber anderen dringenden Forschungsbedarf in der Zeit großer Träume der Krebstherapie. Wir sollten nie vergessen, wie wichtig Krebsprävention und Krebsfrüh-
erkennung sind! Die Onkologie braucht personalisierte Medizin, aber in einem anderen Sinn: Mit einem neuen Blick auf die Patienten. Deren Bedürfnisse und Gefühle müssen das zentrale Thema der Personalisierung sein. Insbesondere alte Patienten haben andere Erwartungen als nur den Zugang zu teuren und hoch spezialisierten Pharmaka (4).

Deshalb meine Bitte, besonders an die neue Arztgeneration: Stellen Sie nicht die „driver mutations“ eines Tumorpatienten in den Mittelpunkt Ihres Interesses, sondern den Menschen. Das versteht der/die Betroffene als „personalisiert“ und als Menschsein im Raum – die Sicherung guten Lebens bis zum Tod. Diese „Eubiosie“ ist ein Menschenrecht für alle (5).

1.
Tanneberger S, Bacigalupo G: Experiences with individual cytostatic therapy of malignant tumors following pretherapeutic sensitivity test to cytostatics in vitro (oncobiogram) Arch. Geschwulstforsch. 35:44–53; 1970 MEDLINE
2.
Tanneberger S, Nissen E, Schälicke W: Prediction of Drug Efficacy. Potentialities and Limitations. Advances in Medical
Oncology, Research and Education. Vol 5. Oxford, U.K.: Pergmon Press, 1979.
3.
Hutchinson L, Romero D: Precision or
imprecision medicine? Nature Reviews Clinical Oncology 13: 713; 2016 CrossRef MEDLINE
4.
Hutchinson L: Oncology drug pricing structure is broken. Nature Reviews Clinical Oncology 12: 499; 2015 CrossRef MEDLINE
5.
Tanneberger S: International Collaboration and the importance of Eubiosia The Oncologist 20:1–2; 2015.
1. Tanneberger S, Bacigalupo G: Experiences with individual cytostatic therapy of malignant tumors following pretherapeutic sensitivity test to cytostatics in vitro (oncobiogram) Arch. Geschwulstforsch. 35:44–53; 1970 MEDLINE
2.Tanneberger S, Nissen E, Schälicke W: Prediction of Drug Efficacy. Potentialities and Limitations. Advances in Medical
Oncology, Research and Education. Vol 5. Oxford, U.K.: Pergmon Press, 1979.
3.Hutchinson L, Romero D: Precision or
imprecision medicine? Nature Reviews Clinical Oncology 13: 713; 2016 CrossRef MEDLINE
4.Hutchinson L: Oncology drug pricing structure is broken. Nature Reviews Clinical Oncology 12: 499; 2015 CrossRef MEDLINE
5.Tanneberger S: International Collaboration and the importance of Eubiosia The Oncologist 20:1–2; 2015.

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