SucheTrefferlisteNationaler Krebsplan: Ein Ziel – viele Akteure

POLITIK

Nationaler Krebsplan: Ein Ziel – viele Akteure

Dtsch Arztebl 2017; 114(24): A-1168 / B-976 / C-954

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Dem Nationalen Krebsplan ist es gelungen,die Kräfte in der Krebsbekämpfung zu bündeln – trotz der föderalen Vielfalt des deutschen Gesundheitswesens. Eine Zwischenbilanz nach neun Jahren.

Foto: iStockphoto
Foto: iStockphoto

Eine „Mannschaftsleistung“, wie sie Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) dieser Tage so häufig fordert, ist der Nationale Krebsplan beziehungsweise seine Umsetzung. 2008 vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium gemeinsam mit der Deutschen Krebshilfe, der Deutschen Krebsgesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren ins Leben gerufen, sind an ihm die Länder, Sozialversicherungsträger, Leistungserbringer, Wissenschaftler und Patientenverbände beteiligt.

Anzeige

Bei dem langfristigen nationalen Koordinierungs- und Kooperationsprogramm haben die verschiedenen Akteure ein abgestimmtes, gemeinsames Ziel: die Verbesserung der Krebsfrüherkennung und der Versorgung krebskranker Menschen. „Der Nationale Krebsplan bringt alle, die in diesem Bereich arbeiten, an einen Tisch. Wir haben in den letzten neun Jahren viel erreicht“, sagte Gröhe zur Eröffnung der Zweiten Nationalen Krebskonferenz Ende Mai in Berlin. Eingebunden sei Deutschland dabei in eine europäische Partnerschaft zur Krebsbekämpfung.

Der Anfang war schwer

Wie oft bei so großen „Mannschaftsaufgaben“ hakte und knirschte es allerdings in den ersten Jahren gewaltig. Der Gestaltungs- und Umsetzungsprozess kam zunächst nicht so recht in Gang. Jetzt läuft es – so fiel zumindest die Bilanz auf der Krebskonferenz aus, die zweite nach der Nationalen Krebskonferenz 2009, die den Beginn der gemeinsamen Zusammenarbeit darstellte. Jetzt – 2017 – waren sich die Kooperationspartner einig: Zwar sind noch nicht alle Ziele des Nationalen Krebsplans erreicht, dennoch befindet sich Deutschland in der Krebsbekämpfung auf einem guten Weg. Zudem kann sich die Arbeit an den bisher in Angriff genommenen Themen sehen lassen.

Das Pensum war und ist in der Tat immens: Im Rahmen des Nationalen Krebsplans wurden vier Handlungsfelder und 13 Ziele benannt und mehr als 100 konkrete Handlungsempfehlungen mit einer großen Versorgungsnähe vorgelegt. Inzwischen arbeiten interdisziplinäre Experten-Arbeitsgruppen an der Umsetzung der Ziele (Kasten). „Es ist ein großer Erfolg, dass mit dem Nationalen Krebsplan alle an der Krebsversorgung Beteiligten – von den medizinischen Fachgesellschaften bis zu den Patientenorganisationen – gemeinsam an einem Strang ziehen, um die Versorgung von krebskranken Menschen weiter zu verbessern“, betonte Gröhe.

„Aus den Erfolgen der Vergangenheit wachsen mittlerweile neue Aufgaben“, erläuterte der Bun-
desgesundheitsminister. „Deshalb müssen wir die Anstrengungen im Kampf gegen Krebs weiterhin entschlossen vorantreiben.“ Dazu gehörten eine gute Krebsfrüherkennung und hochwertige Behandlung. Wichtig sei aber auch, krebskranken Menschen und ihren Familien durch Begleitung und Beratung zu helfen. Denn neben der Weiterentwicklung der Krebsfrüherkennung, dem flächendeckenden Ausbau der klinischen Krebsregister sowie einer hochwertigen Versorgung krebskranker Menschen soll der Krebsplan die weitere Verbesserung der Begleitung und eine bessere seelische und soziale Unterstützung von Betroffenen fördern.

Denn trotz der Erfolge in der Onkologie erkranken jährlich rund 483 000 Menschen in Deutschland neu an Krebs, rund 224 000 Betroffene versterben daran. Damit ist Krebs nach wie vor die zweithäufigste Todesursache. Ein Blick in die Statistik zeigt zudem: Seit 1970 hat sich die absolute Zahl von Krebsneuerkrankungen in Deutschland aufgrund des demografischen Wandels in Deutschland nahezu verdoppelt. Gleichzeitig haben sich die Überlebenschancen und die Lebensqualität krebskranker Menschen seit den 1970er-Jahren deutlich verbessert. In Deutschland leben rund vier Millionen Menschen, die an Krebs erkrankt sind oder waren.

Die Zweite Nationale Krebskonferenz zog aber nicht nur eine positive Bilanz, sondern benannte die Herausforderungen für die nächsten Jahre: Gesteigert werden muss nach Ansicht von Prof. Dr. med. Peter Albers, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, beispielsweise die Akzeptanz von Zentren in der Krebsversorgung. „Zudem brauchen wir mehr Beratungsstellen für Langzeitüberlebende nach Krebs“, sagte er. Der Lenkungsausschuss des Krebsplanes müsse darüber diskutieren, ob Langzeitüberlebende und ihre Rehabilitation und Wiedereingliederung in das Berufsleben ein neues Themenfeld darstellen sollten. Denn die Chancen, eine Krebserkrankung zu überleben, seien dank rasanter Fortschritte in der Forschung heute viel besser als noch vor 30 Jahren.

Versorgungslücken entdeckt

Eine „Dauerbaustelle“ bleibt der Ausbau der psychoonkologischen Versorgung. Diese werde dringend gebraucht, weil es Krebskranken oftmals schwerfalle, soziale und psychologische Hilfe einzufordern oder angebotene Hilfe anzunehmen, betonte Gröhe. „Es ist wichtig, krebskranken Menschen und ihren Familien durch Begleitung und Beratung zu helfen.“ Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, ist überzeugt: „Der große Bedarf an psychoonkologischer Versorgung wäre ohne den Nationalen Krebsplan in dieser Intensität nicht diskutiert worden.“ Dennoch brauche man noch einige Jahre, um die Ziele des Nationalen Krebsplans umzusetzen und die psychoonkologische Versorgung von Krebspatienten tatsächlich in der Breite zu etablieren, sagte er. Das Bundesministerium für Gesundheit hat deshalb im Rahmen eines Förderschwerpunkts des Nationalen Krebsplans Projekte für die Stärkung der psychoonkologischen Versorgung und der Patientenorientierung gefördert und eine bundesweite Bestandsaufnahme zur psychoonkologischen Versorgung in Auftrag gegeben. Auch die nachhaltige Finanzierung von ambulanten Krebsberatungsangeboten wird derzeit diskutiert.

Als einen besonders wichtigen Meilenstein für die Verbesserung der Krebsversorgung in Deutschland sahen die Teilnehmer der Zweiten Krebskonferenz die Verabschiedung des Krebsfrüherkennungs- und Registergesetzes (KFRG) im Frühjahr 2013 an. Es folgt den Umsetzungsempfehlungen des Nationalen Krebsplans, indem es die Rahmenbedingungen zur Durchführung organisierter Früherkennungsprogramme regelt und alle Bundesländer auffordert, klinische Krebsregister einzurichten.

Klinische Krebsregister

Die laufende Umsetzung bewerteten die Experten weitgehend positiv: So arbeite der Gemeinsame Bundes­aus­schuss derzeit an der Ausgestaltung von Screening-Programmen für Darmkrebs und Gebärmutterhalskrebs mit einem Einladungsverfahren und durchgängiger Erfolgskontrolle. Das aus dem Nationalen Krebsplan resultierende Gesetz zur Qualitätssicherung durch klinische Krebsregister ist ebenfalls auf einem guten Weg zur Umsetzung: „Der flächendeckende Ausbau der klinischen Krebsregister schreitet in allen Bundesländern weiter voran und soll bis Ende dieses Jahres – spätestens bis Ende 2018 – abgeschlossen sein“, erklärte Prof. Dr. med. Ferdinand Hofstädter, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren. Zukünftig könnten so die Behandlungsdaten von Krebskranken gezielter ausgewertet und zur Verbesserung von Therapie und Nachsorge der Patientinnen und Patienten besser genutzt werden (mehr dazu im folgenden Beitrag in diesem Heft). Zum Hintergrund: Durch das KFRG sind die Bundesländer verpflichtet, flächendeckend klinische Krebsregister einzuführen. Alle sollen dabei den gleichen Datensatz nutzen: den „einheitlichen onkologischen Basisdatensatz“. Er wurde von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren und dem Kooperationsverbund Qualitätssicherung durch Klinische Krebsregister entwickelt.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Nationaler Krebsplan: Ausgewählte Ziele und Ergebnisse

Handlungsfeld 1: Krebsfrüherkennung

Ziele: Verbesserung der Information und Teilnahme an der Krebsfrüherkennung; Überführung der bestehenden Zervixkarzinom- und Darm­krebs­früh­erken­nung in Screening-Programme; Evaluation der Programme

Ergebnisse: Beratungen im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) zu den Konzepten laufen:

Darmkrebs-Screening: Seit Oktober 2016 quantitative immunologische Stuhlbluttests statt des bisherigen chemischen Guajak-Tests (G-BA-Beschluss vom Frühjahr 2016), weitere Beschlüsse sollen folgen

Zervixkarzinom-Screening: Erstellung von Einladungsschreiben und Versicherteninformationen sowie ein Konzept zur Evaluation werden noch 2017 erwartet

Handlungsfeld 2: Onkologische Versorgungsstrukturen und Qualitätssicherung

Ziele: Verstärkte Transparenz über Leistungsfähigkeit und Ergebnisse der behandelnden Einrichtungen durch Zertifizierung; klinische Krebsregister; Ausbau der psychoonkologischen Versorgung

Ergebnisse: Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KRFG) seit 2013 in Kraft; klinische Krebsregister sollen bis spätestens 2018 flächendeckend arbeiten;

2013 Veröffentlichung des gemeinsamen Nationalen Zertifizierungsprogramms Krebs der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen Krebsgesellschaft, das die verschiedenen Zertifizierungsverfahren onkologischer Behandlungseinrichtungen zusammenführte;

psychoonkologische Versorgung: derzeit bundesweite Bestandsaufnahme des Angebots, Ergebnisse sowie Empfehlungen zur einheitlichen Struktur der ambulanten psychosozialen Krebsberatung 2018 erwartet

Handlungsfeld 3: Effiziente onkologische Therapie

Ziele: Fairer und schneller Zugang zu innovativen Krebstherapien, rasche Translation neuer Therapieoptionen aus der Grundlagenforschung in die Praxis

Ergebnisse: Erfahrungen und Folgen aus dem 2011 in Kraft getretenen Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG) werden zunächst abgewartet

Handlungsfeld 4: Patientenorientierung

Ziele: Niedrigschwelliger Zugang zu Informations-, Beratungs- und Hilfsangeboten, Verbesserung der kommunikativen Kompetenzen der Behandlungsteams, Stärkung der Patientenkompetenz

Ergebnisse: Verbesserte Qualität von Krebs- und Gesundheitsinformationen durch das KRFG 2013; das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen soll zudem ein Konzept für ein „Nationales Gesundheitsportal“ entwickeln; Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium will noch 2017 eine „Allianz für Gesundheitskompetenz“ initiieren

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Themen:

Zum Artikel

Fachgebiet

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...