MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Adjuvante Therapie beim Kolonkarzinom: Jüngere Patienten erhalten möglicherweise zu häufig Chemotherapien

Dtsch Arztebl 2017; 114(39): A-1759 / B-1495 / C-1465

Grübler, Beate

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In einer retrospektiven Registerstudie aus den USA wurden Daten von 3 143 Patienten im Alter zwischen 18 und 75 Jahren mit einem histologisch bestätigten, primären Adenokarzinom des Kolons ausgewertet (1). Die Diagnosen stammten aus den Jahren 1998 bis 2007. Primärer Studienendpunkt war das Gesamtüberleben.

Das Ergebnis: Jüngere Patienten (18–49 Jahre und 50–64 Jahre) erhielten unabhängig vom Tumorstadium circa 2- bis 8-mal häufiger adjuvante postoperative Chemotherapien als Patienten im Alter von 65–75 Jahren (n = 873). Stadienübergreifend erhielten unter 50-Jährige zu 69,3 % eine Chemotherapie, unter 65-Jährige zu 53,1 % und über 65-Jährige zu 42,4 %.

Von einer Resektion alleine profitierten jüngere Patienten mehr als ältere. Dagegen wurde durch die höhere Verordnungsrate postoperativer Chemotherapien, unabhängig von Mono- oder Kombinationsbehandlungen, keine Verlängerung des Gesamtüberlebens erreicht, auch nicht nach Adjustierung auf relevante Faktoren wie Komorbiditäten. In den Stadien 1 und 2 erhielten bis zu 13 % und bis zu 72 % der jüngeren Patienten eine adjuvante Chemotherapie im Vergleich zu 5 % bzw. 31 % der älteren Patienten. Auch wurden bei Jüngeren mehr als doppelt so oft Kombinationstherapien verordnet.

Im begleitenden Editorial (2) wird empfohlen, die Therapienotwendigkeit vor allem für die frühen Tumorstadien neu zu bewerten und an der Differenzierung des Stadiums 2 zu forschen. In der deutschen Leitlinie zum kolorektalen Karzinom (3) steht bei lokal begrenztem Kolonkarzinom in den Stadien 1–3 die Operation an erster Stelle: Im Stadium 3 und in Subgruppen des Stadiums 2 senke eine adjuvante Chemotherapie das Rückfallrisiko.

Fazit: Nach einer Darmkrebsoperation erhalten Patienten jünger als 64 Jahre deutlich häufiger eine adjuvante Chemotherapie als ältere, ohne dass dadurch ein Überlebensvorteil entstünde. Das lässt eine Übertherapie in der Gesamtgruppe der jungen Patienten vermuten.

„Die Studie belegt, dass Registerdaten notwendig sind, um die Umsetzung von Leitlinien zu evaluieren“, kommentiert Prof. Dr. med. Frank Griesinger vom Pius Hospital Oldenburg. Die Untersuchung zeige, dass die Erstellung von Leitlinien allein keine Garantie sei für die Umsetzung. „Die Umsetzung gelingt vermutlich am besten im interdiszi-plinären Team, das sich einer externen Qualitätskontrolle stellt, wie dies in zertifizierten Krebszentren geschieht“, meint Griesinger. Obwohl die Studie Schwächen habe, vor allem bei der Auswertung von Kriterien zur Indikationsstellung einer adjuvanten Therapie im Stadium 2 und mit der limitierten Zahl von Patienten im Stadium 1, zeige sie, welche Aussagekraft große Registerdaten haben könnten. Die neuen Onkopedia-Empfehlungen der DGHO (4) schließen für die Indikationsstellung der adjuvanten Chemotherapie beim Kolonkarzinom biologische Kriterien ein wie Mikrosatelliteninstabilität und im Stadium 3 das Tumorstadium (T1–3 vs. T4, N1 vs. N2). „Letzteres führt zu einer Stratifikation der Therapiedauer im Stadium 3, nämlich 3 vs. 6 Monate“, so Griesinger. Dr. med. vet. Beate Grübler

  1. Manjelievskaia J, et al.: Chemotherapy use and survival among young and middle-aged patients with colon cancer. JAMA Surg 2017; 152: 452–9.
  2. Young-Fadok TM: A plea to expand the
    scope of tumor boards. JAMA Surg 2017; 152: 460.
  3. http://daebl.de/XA14.
  4. http://daebl.de/AG68.

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