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MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Prognose für die natürliche Fertilität der Frau: Biomarker der ovariellen Reserve sind nicht relevant

Dtsch Arztebl 2018; 115(3): A-81 / B-72 / C-72

Leinmüller, Renate

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Foto: abyrvalg/stock.adobe.com
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Biomarker der ovariellen Reserve sind in der assistierten Reproduktion hilfreich um einzuschätzen, wie viele Eizellen sich in einem Therapiezyklus gewinnen lassen. Vor allem die Höhe des Anti-Müller-Hormons (AMH) wird oft als Indikator für die Chancen einer Sterilitätstherapie eingefordert, obwohl die Serumspiegel schwanken.

AMH wird allerdings auch zunehmend angewendet, um die „ovarielle Reserve“ von Frauen zu bestimmen und einzuschätzen, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit sie spontan schwanger werden können. Ob diese Prognose verlässlich zu stellen ist, ist fraglich. US-Gynäkologen haben daher die Wertigkeit der Biomarker bei Frauen ohne Sterilitäts-Anamnese untersucht, die im Alter zwischen 30 und 44 Jahren eine Schwangerschaft planen.

In einer Pilotstudie mit 100 Frauen war ein niedriges AMH mit verminderten Chancen einer spontanen Konzeption assoziiert (1). In die aktuelle Studie (2) gingen 750 Frauen im mittleren Alter von 33,3 Jahren ein (30–44 Jahre). Sie versuchten seit maximal 3 Monaten, schwanger zu werden. Frauen mit Fertilitätsproblemen, auch beim Partner, wurden ausgeschlossen. In der frühen Follikelphase wurden einmalig AMH, follikelstimulierendes Hormon (FSH) und Inhibin B bestimmt. Primärer Endpunkt war die kumulative Konzeptionsrate nach 6 und 12 Monaten, belegt durch einen positiven Schwangerschaftstest.

Von den 750 Frauen konzipierten 478 (65 %), 17 % schlossen die Studie ohne Schwangerschaft ab, 5 % brachen sie ab und 6 % begannen eine Sterilitätstherapie.

Nach Adjustierung um Einflussfaktoren wie Alter, BMI, Rauchen, vorherige Pilleneinnahme ergab sich für Frauen mit niedrigen AMH-Werten (< 0,7 ng/mL, n = 84) im Vergleich mit Normalwerten kein signifikanter Unterschied nach 6 und 12 Monaten für den Eintritt einer Schwangerschaft (65 vs. 62 % und 84 vs. 75 %).

Auch Frauen mit hohem FSH (>10 IU/L; n = 83) konzipierten innerhalb der beiden Zeitintervalle nicht seltener (63 vs. 62 % und 82 vs. 75 %). Es gab keine Korrelation zu den Inhibin-B-Spiegeln.

Fazit: Nach 6 Monaten lag die Konzeptionsrate bei 65 %, nach 1 Jahr bei 77 %. Die Zeit bis zum Eintritt der Schwangerschaft war vergleichbar zwischen Frauen mit niedrigen und normalen AMH-Spiegeln und mit normalem oder erhöhtem FSH. Werte, die für eine verminderte ovarielle Reserve stehen, gingen nicht mit einer verminderten natürlichen Fertilität einher. Die Bestimmung sollte deshalb bei Frauen ohne Sterilitätsprobleme unterbleiben, so die Autoren.

Dem stimmt die kommentierende Expertin zu (3) mit einigen Einschränkungen: Sie sieht den kritischen Punkt in der Differenzierung zwischen Frauen, die ihre Familienplanung erst beginnen, und solchen, die bereits erfolglos versucht haben zu konzipieren.

Prof. Dr. med. Michael Ludwig aus Augsburg wird noch deutlicher: „AMH sagt nichts über die Fertilität von Nicht-Kinderwunsch-Patientinnen aus und ist insofern als ,Fertility Check‘ ungeeignet.“ Für Frauen, die erstmals eine Schwangerschaft anstreben, könne das Wissen um einen niedrigen AMH-Wert sogar nachteilig sein, wenn dies pathologisiert werde. Anders sieht Ludwig die Situation bei auffälligen Menstruationszyklen und Zyklusstörungen: Hier sollte frühzeitig eine endokrinologische Abklärung erfolgen, die sich aber nicht auf die ovarielle Reserve beschränken sollte. Andere Ursachen eines unerfüllten Kinderwunsches, etwa Tubenfaktor und männlicher Faktor, sollten nach 12 Monaten erfolgloser Konzeptionsversuche abgeklärt werden.

Dr. rer. nat. Renate Leinmüller

  1. Steiner AZ, Herring AH, Kesner JS, et al.: Antimüllerian hormone as a predictor of natural fecundability in women aged 30–42 years. Obstet Gynecol 2011; 117: 798–804.
  2. Steiner AZ, Pritchard D, Stanczyk FZ, et al.: Association between biomarkers of ovarian reserve and infertility among older women of reproductive age. JAMA 2017; 318: 1367–76.
  3. Santoro N: Using antimüllerian hormone to predict fertility. JAMA 2017; 318: 1333-4.

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