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Berühmte Entdecker von Krankheiten: Harvey Cushing begründete die moderne Hirnchirurgie

Dtsch Arztebl 2018; 115(31-32): [92]

Schuchart, Sabine

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Der US-Neurochirurg entwickelte völlig neue Techniken der Tumorentfernung und senkte die Letalität bei Gehirnoperationen von 90 auf unter sieben Prozent. Auch auf medizinhistorischem Gebiet war Harvey Cushing eine Koryphäe: Für die Biographie über seinen Lehrer William Osler erhielt er den Pulitzer-Preis.

Seine ersten Operationen von Hirntumoren Anfang des 20. Jahrhunderts am renommierten Johns Hopkins Hospital in Baltimore verliefen oft katastrophal. Viele Patienten starben. Aber davon ließ sich der junge Chirurg Harvey Cushing nicht entmutigen. Unermüdlich arbeitete er an der Perfektionierung seiner Operationstechniken, schrieb akribische Verlaufsprotokolle, in denen er auch eigene Fehler eingestand, zeichnete präzise Skizzen des Gehirns und entwickelte neue innovative Instrumente wie eine Strompinzette zum Verschluss blutender Gefäße. Auf Erfahrungen von Kollegen konnte er kaum zurückgreifen: Um 1900 befand sich die moderne Neurochirurgie in ihren Anfängen und sollte sich erst unter Cushing, der sich als erster Chirurg überhaupt ausschließlich auf dieses Gebiet spezialisierte, als wissenschaftliches System etablieren.

Als er sich an seine ersten Operationen wagte, war jede Schädelöffnung ein Glücksspiel. Betäubt wurde per gefährlicher Äthermethode, brachial wurden Löcher in den Kopf gebohrt und Tumore großflächig entfernt. Cushing setzte unter seinen Lehrern Halsted und Osler als Erster auf sanftere Methoden und überwachte außer Puls und Atemfrequenz auch den Blutdruck – eine Neuerung, die er mitsamt einer aufblasbaren Blutdruckmanschette nach Riva Rocci während seiner Lehrjahre von 1900 bis 1901 in Europa kennengelernt und aus Turin mitgebracht hatte. Seine oft achtstündigen Operationen absolvierte er durchweg stehend, in extremer Anspannung und erbarmungslos gegen sich und seine Mitarbeiter. Man kann sich seinen Unmut vorstellen, als sich in den Anfangsjahren eine OP-Schwester auf seine Frage nach dem aktuellen Blutdruck an seinem Bein zu schaffen machte, um seinen Wert statt den des narkotisierten Patienten zu ermitteln.

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Cushings Durchbruch erfolgte 1910, als er den Generalstabschef der US-Armee, Leonard Wood, in einer komplizierten Operation von einem Meningeom des Hinterhauptlappens befreite. Einen Monat später hielt der Arzt zufrieden fest, „nahm der Patient seine Arbeit mit gewohntem Elan auf, als ob nichts gewesen sei“ – für weitere 17 Jahre. Die Pioniertat, die Woods Leben rettete, förderte Cushings Vertrauen in seinen hoch spezialisierten medizinischen Ansatz wie auch seine Karriere: 1912 wurde er Professor der Chirurgie an der Harvard Universität in Boston, im Jahr darauf zudem Chefchirurg des dort neu etablierten Peter Bent Brigham Vorzeigehospitals, das er seit 1910 mitgeplant hatte. In den Folgejahrzehnten entwickelte er die Gehirnchirurgie systematisch weiter: Bis 1931 hatte er die Letalität, die anfangs bei 90 Prozent lag, auf knapp sieben Prozent gesenkt. Während zuvor Medizingeschichte eher in Europa geschrieben wurde, gingen Chirurgen von dort nun zur Weiterbildung nach Amerika, um von Cushing und seinen Schülern zu lernen.

Noch bis 1937, zwei Jahre vor seinem Tod, wirkte der 1869 als letztes von zehn Kindern in eine Medizinerfamilie geborene Ausnahmearzt als Professor für Neurologie in Yale. Er verfasste mehrere wegweisende Monografien, etwa 1912 zu Tumoren der Hypophyse und 1938 zu Meningeomen, sowie mehr als 330 wissenschaftliche Aufsätze. Lebenslang ging er zudem seinen bibliophilen und medizinhistorischen Neigungen nach: Für seine Biografie des von ihm hochgeschätzten Arztes William Osler erhielt er 1926 den Pulitzer-Preis. Nicht mehr vollenden konnte er seine geplante große Veröffentlichung über den Anatom und Chirurgen der Renaissance, Andreas Vesal. Cushing erlag einem Herzinfarkt, als er über seinen Büchern saß.

Foto: Wikipedia
Foto: Wikipedia

Morbus Cushing beziehungsweise Cushing-Syndrom
1932 beschrieb der amerikanische Neurochirurg Harvey William Cushing (1869–1939) als Erster einen ACTH-produzierenden, gutartigen Tumor der Hypophyse mit der Folge einer erhöhten Ausschüttung von Cortisol durch die Nebennieren. Die nach ihm benannte Hormonstörung zeigt sich in Symptomen wie Stammfettsucht, Vollmondgesicht, Muskelatrophie, Magenulkus, Hypertonie und Hypercholesterinämie sowie bei Frauen infolge der Androgenzunahme in Menstruationsstörungen und Virilisierung. Unbehandelt verläuft sie innerhalb weniger Jahre tödlich. Nach dem brillanten Mediziner wurde außerdem der Cushing-Ulkus benannt, ein gastroduodenales Geschwür, das wenige Stunden nach einem Schädel-Hirn-Trauma auftreten kann. 1901 entdeckte er den Cushing-Reflex, eine Symptomtrias aus Hypertonie, Bradykardie und Cheyne-Stokes-Atmung nach erhöhtem Hirndruck zur Sicherstellung der zerebralen Perfusion.

Sabine Schuchart

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