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Erwerb von zwei Facharzttiteln: Mehr Aufwand, mehr Kompetenz

Dtsch Arztebl 2018; 115(43): A-1966 / B-1640 / C-1626

Spielberg, Petra

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Der Erwerb von mehreren Facharzttiteln erfordert ein hohes Maß an Durchhaltevermögen und Lernbereitschaft. Medizinisch ergeben sich daraus in aller Regel mehr diagnostische und therapeutische Möglichkeiten, aber nicht zwingend ein Honorarplus.

Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata

Neurologe und Psychiater, Nuklearmediziner und Radiologe, Allgemeinchirurg und Viszeralchirurg, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologe sowie Facharzt für Innere Medizin – die ärztlichen Weiter­bildungs­ordnungen bieten eine Reihe von Kombinationsmöglichkeiten zweier oder mehrerer Facharzttitel.

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Selbstorganisation

Für Dr. med. Viviane Sterzer beispielsweise war bereits während des Medizinstudiums klar, dass sie sowohl den Titel Neurologin als auch Psychiaterin führen wollte. Per Zufall stieß die heute 28-Jährige dann vor drei Jahren auf ein Angebot des niedersächsischen Agaplesion Diakonieklinikums Rotenburg, sich in beiden Fächern innerhalb von acht Jahren weiterzubilden.

Das Modellprojekt, bei dem die Weiterbildungsassistenten im Jahreswechsel nach einem zuvor genau festgelegten Plan zwischen den Fächern rotieren, wurde 2015 gemeinsam von den Chefärzten für Psychiatrie und Neurologie, Prof. Dr. med. Carsten Konrad und Prof. Dr. med. Reinhard Kiefer, aus der Taufe gehoben. „Der jährliche Wechsel und die enge Verzahnung der Curricula soll den Ärztinnen und Ärzten den Spagat zwischen Spezialistentum und breitem Fachwissen erleichtern und dafür sorgen, dass sie in der jeweils anderen Disziplin up-to-date bleiben“, sagt Konrad.

Voraussetzung, um beide Titel innerhalb von acht Jahren zu erwerben, seien eine hohe Motivation und Lernbereitschaft, Durchhaltevermögen und eine gute Selbstorganisation. Der genau getaktete Ablauf des Programms sowie kontinuierliche Absprachen zwischen den beiden Klinikchefs sollen verhindern, dass es, anders als beim klassischen Erwerb beider Titel hintereinander, zu ungeplanten zeitlichen Verzögerungen kommt. Auch entfällt ein Wechsel von Arbeitsplatz und Lebensumfeld.

Fachliche Breite

Grundsätzlich aber gilt für das Führen mehrerer Facharzttitel, dass sich dadurch das diagnostische und therapeutische Spektrum erweitert, neue und bessere Karrierechancen ergeben und bei entsprechender Qualifikation auch zusätzliche Abrechnungsmöglichkeiten eröffnen.

Klar ist aber auch, der Erwerb eines Doppelfacharztes – egal ob er auf dem traditionellen Weg erfolgt oder wie im Rotenburger Modell – ist mit deutlich mehr Aufwand verbunden, angefangen bei den zeitlichen und inhaltlichen Anforderungen im Rahmen der Weiterbildungen über die Fortbildungserfordernisse für beide Titel bis hin zu bürokratischen Dingen wie die Beantragung von Genehmigungen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen im Bereich Qualitätssicherung.

Abwägen von Möglichkeiten

Darüber hinaus erhöht die Ausübung einer ärztlichen Tätigkeit in zwei (Teil-)Gebieten das Regressrisiko und den Aufwand, im Krankheits- oder Urlaubsfall gegebenenfalls für eine Vertretung sorgen zu müssen.

Dennoch ist das Führen von zwei Facharzttiteln medizinisch oft sehr sinnvoll im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung und Behandlung aus einer Hand, insbesondere von Patienten mit einer komplexeren Symptomatik. „Die Einschätzung, inwieweit das für den Arzt Sinn macht oder sich lohnt, ist letztlich immer eine individuelle Abschätzung aller Pros und Kontras“, sagt Miriam Mauss, stellvertretende Geschäftsführerin des Geschäftsbereichs Management der Außenbeziehungen der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein.

Am häufigsten werden mehrere Facharzttitel in den Gebieten Innere Medizin und Chirurgie erworben. „Bei Facharztweiterbildungen aus einem Gebiet kann die Basisweiterbildung, ganz oder teilweise, angerechnet werden“, so Sabine Schindler-Marlow, Leiterin der Stabstelle Kommunikation der Ärztekammer Nordrhein. Hierbei kommt es darauf an, welcher Facharzt als zweites angestrebt wird. Wenn zum Beispiel jemand den Facharzt für Allgemeinmedizin besitzt und möchte darüber hinaus den Facharzt für Arbeitsmedizin erwerben, werden ihm von der ersten Facharztweiterbildung 30 Monate Innere Medizin und Allgemeinmedizin auf die Arbeitsmedizin angerechnet, sodass dann nur noch 30 Monate Arbeitsmedizin abzuleisten sind.

Ähnlich sieht es innerhalb des Gebietes Innere Medizin aus. Auch hier kann sich ein Facharzt oder eine Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie maximal 30 Monate anrechnen lassen, wenn beispielsweise als zweites der Facharzt für Innere Medizin angestrebt wird.

Die Ärztekammer Nordrhein rät dazu, möglichst immer erst den Facharzt für Innere Medizin zu erwerben, da hierfür 72 Monate Weiterbildungszeit erforderlich sind und somit bei Erwerb eines weiteren Titels bis zu 36 Monate angerechnet werden können.

Im Einzelfall ist es ferner möglich, bei einem Fachwechsel finanziell geförderte Weiterbildungsabschnitte auf eine andere Facharztweiterbildung anrechnen zu lassen.

Aus zulassungsrechtlicher Sicht gilt wiederum, dass es eine Doppelzulassung nicht mehr gibt. „Ein Arzt, der zwei Facharzttitel erwirbt, kann für jeden Facharzttitel eine hälftige Zulassung übernehmen, insgesamt jedoch nicht mehr als einen vollen Versorgungsauftrag“, so Karl Roth, Sprecher der KV Hessen. In welchen Fällen dies sinnvoll ist, ergibt sich aus den Abrechnungsmöglichkeiten, die dem Arzt dann zur Verfügung stehen. Dies sei jeweils individuell zu betrachten, erklärt Roth. „Nicht immer bringt das Führen von zwei Facharzttiteln auch ein Honorarplus mit sich.“

Art der Doppelzulassung

Grundsätzlich gelte es zu klären: Geht es um eine fachbezogene „Doppelzulassung“, also zum Beispiel Facharzt für Innere Medizin plus Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie oder geht es um eine echte „Doppelzulassung“, die sich aus zwei Teilzulassungen zusammensetzt, wie die Kombination Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Phoniater. Darüber hinaus sei für die Abrechnung entscheidend, ob die Gebiete an einem Standort beziehungsweise innerhalb einer Praxis oder an verschiedenen Standorten und Praxen ausgeübt werden.

Wichtige Regeln für Doppelfachärzte

Wird eine zweite Facharztbezeichnung erworben, kann sich nach den gültigen Weiter­bildungs­ordnungen die festgelegte Weiterbildungszeit im Einzelfall verkürzen, wenn abzuleistende Weiterbildungszeiten bereits im Rahmen einer anderen fachärztlichen Weiterbildung absolviert wurden. Die noch abzuleistende Weiterbildungszeit darf höchstens um die Hälfte der Mindestdauer der weiteren Facharztweiterbildung reduziert werden.

Die Regeln des Erweiterten Bewertungsmaßstabes sehen für einen Arzt, der mit mehreren Facharzttiteln zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassen ist, vor, dass der Arzt aus den entsprechenden Fachgruppen/-Kapiteln abrechnen kann. Je nach Kombination der Titel entstehen ganz unterschiedliche Auswirkungen auf die Abrechnungsmöglichkeiten und Honorarsystematik.

Ferner gilt: Pro Patient kann nur eine Grund- beziehungsweise Versichertenpauschale pro Quartal abgerechnet werden, analog zur überwiegenden Behandlung des Patienten. Je nach Kombination der Fachgebiete kann die Bewertung der Quartalspauschale extrem unterschiedlich aussehen.

Combined Residency

Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg GmbH, Elise-Averdieck-Str. 17, 27356 Rotenburg

Schriftliche Bewerbungen für die achtjährige kombinierte Weiterbildung in Neurologie und Psychiatrie/Psychotherapie sind zu richten an:

  • Prof. Dr. med. Reinhard Kiefer, Neurologische Klinik und
  • Prof. Dr. med. Carsten Konrad, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie oder
  • über das online-Bewerbungsportal des Diakonieklinikums Rotenburg:

www.diako-online.de

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