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Hypoglykämien bei Diabetes mellitus: Schlecht für Patient und Partner

Dtsch Arztebl 2019; 116(27-28): A-1334

Eckert, Nadine

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Lange Zeit wurden Hypoglykämien vernachlässigt, gar verharmlost. Das oberste Ziel der Diabetestherapie lautete, den Blutzucker so tief wie möglich zu senken. Mittlerweile weiß man um die schweren Konsequenzen, die Hypoglykämien nach sich ziehen können – auch für das Umfeld.

Hypoglykämien – selbst die leichten, unbemerkten – verschlechtern die Lebensqualität und die kognitive Leistungsfähigkeit der Patienten. „Sie haben Angst, die Schlafqualität und die Gedächtnisbildung leiden und die Produktivität sinkt“, sagte Prof. Dr. med. Werner Kern vom Endokrinologikum Ulm bei einem von Lilly veranstalteten Symposium anlässlich des Diabeteskongresses in Berlin. In einer Umfrage unter 74 Patienten mit Typ-1-Diabetes gaben fast 80 % an, die meiste Zeit über oder zumindest zeitweise Angst vor Hypoglykämien zu haben (1).

Tatsächlich rangiere die Furcht vor Hypoglykämien bei Diabetes- patienten ebenso hoch wie die Furcht vor Folgeerkrankungen wie Erblindung oder Nierenkomplikationen, berichtete Kern (2).

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Und die Angst ist, geht man von der Inzidenz aus, nicht unbegründet: Studien zeigen, dass mehr als 80 % der Menschen mit Typ-1-Diabetes und knapp 40 % derjenigen mit Typ-2-Diabetes mindestens 1-mal im Monat eine Hypoglykämie haben. Bei jedem 10. Typ-1-Diabetiker und jedem 20. Typ-2-Diabetiker ist die Hypoglykämie so schwer, dass Fremdhilfe erforderlich ist (3).

Partner in Angst

Hypoglykämien seien aber nicht nur für die Patienten angstbehaftet, berichtete die Psychologin Susan Clever, Diabetespraxis Blankenese, Hamburg. „Angehörige von Menschen, die wiederholt Hilfe bei Hypoglykämien benötigen, sind in ihrer Lebensqualität eingeschränkt. Besonders nach traumatischen Erlebnissen können sie nachhaltige Ängste entwickeln.“ Der Partner sei in diesem Fall das „zweite Opfer“ der Hypoglykämie. Münde die Paardynamik schließlich in einen schwelenden Dauerkonflikt, könne die Beziehung das „dritte Opfer“ werden. Hilfreich seien in diesen Fällen Absprachen über Verantwortlichkeiten unter den Beteiligten, die aber zeitlich getrennt von dem hypoglykämischen Ereignis stattfinden müssten.

Kern berichtete, dass das Hypoglykämierisiko auch die Therapieziele beeinflussen könne. In der GAPP-Studie gaben 72 % der Hausärzte und 79 % der Fachärzte an, dass sie ihre Patienten aggressiver behandeln würden, wenn sie nicht die Sorge hätten, dass es zu Hypoglykämien komme (4).

Und auch die Therapietreue der Patienten leidet unter der Hypoglykämieangst: In Studien zeigte sich, dass Patienten nach einer schweren Hypoglykämie verschiedene Wege der Rezidivprävention einschlagen, unter anderem lassen sie Insulininjektionen aus oder reduzieren die Insulindosis (3). „Hypoglykämien sind eine Barriere für eine gute Blutzuckereinstellung“, warnte Kern und wies darauf hin, dass auch leichte Hypoglykämien einen ganzen Rattenschwanz an Problemen nach sich ziehen können.

Zum einen erhöhten rezidivierende leichte Hypoglykämien durch die Entstehung einer Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung das Risiko einer schweren Entgleisung. „Das Gehirn will die Energieversorgung auch bei geringen Blutzuckerwerten sicherstellen“, so Kern. In der Folge werden vermehrt Glukose und alternative Substraten wie Laktat und Ketonkörper in das Gehirn transportiert, die Glukokinaseaktivität nimmt zu und die Glykogenspeicher im Gehirn werden aufgebaut.

Auf diese Weise wird das Gehirn während einer Hypoglykämie besser mit Energie versorgt, wodurch die Gegenregulation lange nicht ausgelöst und Hypoglykämiesymptome nicht wahrgenommen werden.

Abnahme der Schlafqualität

Studiendaten zeigen, dass 74 % aller unbemerkten Hypoglykämien in der Nacht auftreten (5). Und obwohl die Patienten dadurch nicht aufwachen, sinkt die Schlafqualität (6) – mit Folgen für die kognitive Leistungsfähigkeit. „Eine unbemerkte nächtliche Hypoglykämie stört die Gedächtniskonsolidierung“, so Kern. In einer Studie erinnerten sich Diabetiker zum Beispiel nach einer nächtlichen Hypoglykämie an signifikant weniger der am Tag zuvor gemerkten Worte als nach einer Nacht ohne Hypoglykämie (7). In einer anderen Studie zeigte der Großteil der Teilnehmer nach einer nicht schweren nächtlichen Hypoglykämie am folgenden Tag funktionale, emotionale und soziale Beeinträchtigungen (8).

Allerdings beschränken sich die kognitiven Auswirkungen der Hypoglykämien nicht nur auf den Folgetag. Bei älteren Patienten mit Typ-2-Diabetes, die über 12 Jahre beobachtet wurden, war das Demenzrisiko bei denjenigen mit einer schweren Hypoglykämie doppelt so hoch wie bei denjenigen ohne schwere Hypoglykämie (9). Aus Tierversuchen lasse sich aber ableiten, so Kern, dass eine gute Blutzuckereinstellung das Gehirn vor den Auswirkungen einer Hypoglykämie schützen könnte (10). Nadine Eckert

Quelle: Symposium „Schwere Hypoglykämien – Folgen für Patienten und Umfeld“, 29. Mai 2019, Berlin; Veranstalter: Lilly

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2719
oder über QR-Code.

1.
Chamberlain JJ, Dopita D, Gilgen E, et al.: Impact of Frequent and Persistent Use of Continuous Glucose Monitoring (CGM) on Hypoglycemia Fear, Frequency of Emergency Medical Treatment, and SMBG Frequency After One Year. J Diabetes Sci Technol 2015; 10 (2): 383–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Pramming S, Thorsteinsson B, Bendtson I et al.: Symptomatic hypoglycaemia in 411 type 1 diabetic patients. Diabet Med 1991; 8 (3): 217–22 CrossRef MEDLINE
3.
Kern W, Holstein A, Moenninghoff C, et al.: Self-reported Hypoglycaemic Events in 2 430 Patients with Insulin-treated Diabetes in the German Sub-population of the HAT Study. Exp Clin Endocrinol Diabetes 2017; 125 (9): 592–7 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Peyrot M, Barnett AH, Meneghini LF, et al.: Insulin adherence behaviours and barriers in the multinational Global Attitudes of Patients and Physicians in Insulin Therapy study. Diabet Med 2012; 29 (5): 682–9 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Chico A, Vidal-Ríos P, Subirà M, et al.: The continuous glucose monitoring system is useful for detecting unrecognized hypoglycemias in patients with type 1 and type 2 diabetes but is not better than frequent capillary glucose measurements for improving metabolic control. Diabetes Care 2003; 26 (4): 1153–7 CrossRef MEDLINE
6.
Gais S, Born J, Peters A, et al.: Hypoglycemia Counterregulation During Sleep. Sleep 2003; 26 (1): 55–9 CrossRef MEDLINE
7.
Jauch-Chara K, Hallschmid M, Gais S, et al.: Hypoglycemia during sleep impairs consolidation of declarative memory in type 1 diabetic and healthy humans. Diabetes Care 2007; 30 (8): 2040–5 CrossRef MEDLINE
8.
Brod M, Wolden M, Christensen T, et al.: A nine country study of the burden of non-severe nocturnal hypoglycaemic events on diabetes management and daily function. Diabetes Obes Metab 2013; 15 (6): 546–57 CrossRef MEDLINE PubMed Central
9.
Yaffe K, Falvey CM, Hamilton N, et al.: Association between hypoglycemia and dementia in a biracial cohort of older adults with diabetes mellitus. JAMA Intern Med 2013 Jul 22; 173 (14): 1300–6 CrossRef MEDLINE PubMed Central
10.
Won SJ, Yoo BH, Kauppinen TM, et al.: Recurrent/moderate hypoglycemia induces hippocampal dendritic injury, microglial activation, and cognitive impairment in diabetic rats. J Neuroinflammation. 2012; 25 (9): 182 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Chamberlain JJ, Dopita D, Gilgen E, et al.: Impact of Frequent and Persistent Use of Continuous Glucose Monitoring (CGM) on Hypoglycemia Fear, Frequency of Emergency Medical Treatment, and SMBG Frequency After One Year. J Diabetes Sci Technol 2015; 10 (2): 383–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Pramming S, Thorsteinsson B, Bendtson I et al.: Symptomatic hypoglycaemia in 411 type 1 diabetic patients. Diabet Med 1991; 8 (3): 217–22 CrossRef MEDLINE
3.Kern W, Holstein A, Moenninghoff C, et al.: Self-reported Hypoglycaemic Events in 2 430 Patients with Insulin-treated Diabetes in the German Sub-population of the HAT Study. Exp Clin Endocrinol Diabetes 2017; 125 (9): 592–7 CrossRef MEDLINE PubMed Central
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5.Chico A, Vidal-Ríos P, Subirà M, et al.: The continuous glucose monitoring system is useful for detecting unrecognized hypoglycemias in patients with type 1 and type 2 diabetes but is not better than frequent capillary glucose measurements for improving metabolic control. Diabetes Care 2003; 26 (4): 1153–7 CrossRef MEDLINE
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8. Brod M, Wolden M, Christensen T, et al.: A nine country study of the burden of non-severe nocturnal hypoglycaemic events on diabetes management and daily function. Diabetes Obes Metab 2013; 15 (6): 546–57 CrossRef MEDLINE PubMed Central
9. Yaffe K, Falvey CM, Hamilton N, et al.: Association between hypoglycemia and dementia in a biracial cohort of older adults with diabetes mellitus. JAMA Intern Med 2013 Jul 22; 173 (14): 1300–6 CrossRef MEDLINE PubMed Central
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