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Medizin

Spanische Grippe im Hochsicherheitslabor – Umstrittene Tierversuche mit rekonstruiertem Virus

Donnerstag, 18. Januar 2007

Winnipeg - Die britische Zeitschrift Nature hat die Publikation von Untersuchungsexperimenten verteidigt, die mit rekonstruierten Viren der spanischen Grippe durchgeführt wurden. In einem Hochsicherheitslabor in Kanada waren Makaken mit den tödlichen Viren infiziert worden, um erstmals die Auswirkungen auf den Organismus von Primaten zu untersuchen. Andere Forscher bezweifelten den Wert der gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und warnten vor den Gefahren, die bei einer versehentlichen Freisetzung der Viren drohen würde.

Im Jahr 1918 wurde die Welt von einer ungewöhnlichen heftigen Grippewelle überrollt. Sie erhielt den Namen Spanische Grippe, weil die ersten Nachrichten aus dem im Ersten Weltkrieg neutralen Land kamen, während die Zensur der kriegstreibenden Länder Meldungen über die Epidemie zunächst unterdrückte. Die Viren zogen in drei Wellen um den Globus. Weltweit sollen 500 Millionen Menschen, damals ein Drittel der Menschheit, erkrankt und 50 Millionen verstorben sein, was einer für die Grippe ungewöhnlich hohen Mortalität von 10 Prozent entsprach. Da die Überlebenden eine Immunität entwickelten, verschwand das Virus in den folgenden Jahren – jedoch nicht für immer. 

Es überlebte im Gewebe von Opfern, die im Permafrost in Alaska begraben und konserviert waren. Bei vier 1997 exhumierten Leichen wurden Teile der Viren nachgewiesen. Es gelang den Forschern das ursprüngliche Virus zu rekonstruieren (Nature 2005; 437, 889–893), und seine Letalität wurde zunächst durch Versuche an Mäusen unter Beweis gestellt (Science 2005; 310: 77–80).

Schon damals gab es Kritik. Viele Forscher verstanden nicht, warum es notwendig sein sollte, Experimente mit dem tödlichen Virus durchzuführen, das, wenn es in die Umwelt gelangen sollte, eine erneute Pandemie auslösen könnte. Die meisten Menschen würden ihr schutzlos gegenüber stehen. Nur sehr wenige alte Menschen dürften noch über eine erworbene Immunität verfügen.
Auch jetzt gibt es kritische Stimmen. Richard Ebright, ein Bakteriologe der Rutgers Universität in New Jersey, äußerte gegenüber Nature sein Befremden darüber, dass weiterhin Experimente mit dem gefährlichen Material durchgeführt wurden. Das Virus würde jetzt in wenigstens zwei Laboratorien gelagert, und der Forscher sagte voraus, dass weitere würden folgen. Denn eine Publikation in Nature weckt nicht nur die Neugier der Öffentlichkeit, es lenkt auch das Interesse von Forschern auf ein Thema, das vielleicht zu einer Publikation in dem angesehenen Journal führen könnte.

Die Experimente wurden in einem Labor der Public Health Agency of Canada in Winnipeg, Manitoba, durchgeführt. Das Labor hat die höchste Sicherheitsstufe (Biohazard Level IV). In diesen hermetisch abgeschirmten Labororatorien wird mit den gefährlichsten bekannten Erregern wie Ebolaviren, Lassafieber-Viren oder Hantaviren experimentiert. Ein internationales Forscherteam um John Kash und Michael Katze von der Universität von Washington in Seattle infizierte dort sieben Makaken mit dem Virus. Die Tiere erkrankten innerhalb von 24 Stunden an einer schweren Grippe. Ihre Symptome entsprachen denen der 1918 erkrankten Menschen. Die Tiere starben zwar nicht an der Grippe, wurden aber am 8. Tag getötet.

Dabei stellten die Forscher fest, dass, ähnlich wie dies auch bei der Vogelgrippe der Fall ist, weniger die zerstörerische Wirkung des Virus für die Erkrankung verantwortlich ist, als eine äußerst heftige Immunreaktion. Die Forscher sprechen von einem Zytokinsturm, der durch den Organismus der Tier fegte. Die Viren scheinen unter anderem die Produktion von Interferonen, normalerweise ein erster Abwehrmechanismus gegen Virusinfektionen, ausgeschaltet zu haben. Das Immunsystem attackiert ungehemmt die infizierten Zellen der Atemwege, das entzündliche Exsudat füllt die Lungenalveolen, so dass die Opfer in den Worten eines Wissenschaftlers praktisch ertrinken.

Ob diese Erkenntnisse über das hinausgehen, was vor zwei Jahren bereits an Mäusen festgestellt wurde, dürften nur weniger Experten beurteilen können. Tatsache ist jedoch, dass die Forschung auf diesem Gebiet noch nicht abgeschlossen ist. Nach Angaben von Nature beschäftigt sich ein Team an der Mount Sinai School of Medicine in New York mit der Frage, welche speziellen genetischen Eigenschaften des Erregers für die Pathogenität der spanischen Grippe verantwortlich sind. Erste Ergebnisse, sie sollen demnächst in Science publiziert werden, deuten darauf hin, dass Änderungen in ein oder zwei Aminosäuren ausreichen, um ein Pandemie-Virus in einen harmlosen Grippe-Erreger zu verwandeln.

Von der genauen Kenntnis dieser Zusammenhänge erhoffen sich die Forscher wichtige Impulse, um im Fall einer Pandemie-Grippe besser gewappnet zu sein. Aus diesem Grund hält Ritu Dhand, der für die Biowissenschaften verantwortliche Redakteur von Nature, die Publikation derartiger Forschungsergebnisse auch für gerechtfertigt. © rme/aerzteblatt.de 

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