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Ärzteschaft

Telemedizin: Bei der Einbindung der Pflege hakt es noch

Dienstag, 19. Juni 2018

/dpa

Düsseldorf – Welche Möglichkeiten bietet die Telemedizin für die pflegerische Versorgung? Mit dieser Frage befasste sich die Frühjahrsfachtagung der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) und dem ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin im Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf. „Die Telemedizin ist eine gute Möglichkeit, dass wir Wissen in der Medizin vernetzen – räumlich, aber auch sektorübergreifend“, betonte Karl-Josef-Laumann, Ge­sund­heits­mi­nis­ter des Landes Nordrhein-Westfalen, in einer Videobotschaft.

Entlastung von Ärzten und Pflegekräften

Dabei sei es wichtig, in diesem Entwicklungsprozess von Anfang an die Pflege konzeptionell mit einzubeziehen. Die Versorgung der Pflegebedürftigen „kann mit Telemedizin erheblich verbessert werden, weil wir den Kontakt und die Zusammen­arbeit der Pflege mit der medizinischen Expertise der Ärzte so auf Augenhöhe verknüpfen können, dass wir die Kommunikation zwischen Pflegeheimen und Arztpraxen schneller und effizienter organisieren können“, betonte Laumann. Dies könne zur Entlastung vieler Hausarztpraxen, aber auch des Personals in der ambulanten und in der stationären Pflege beitragen.

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Ein smarter mobiler Zugang zur eigenen ePA ist Pflicht Andreas Westerfellhaus, Staatssekretär im BMG 

„Bei der Digitalisierung muss der konkrete Nutzen für den Pflegebedürftigen das Maß aller Dinge sein“, forderte Andreas Westerfellhaus, Staatssekretär im Bundesgesund­heitsministerium und Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung. Gesundheitsdaten gehörten nicht dem Behandler, sondern dem Behandelten. Genauso wichtig wie der Datenschutz sei vielen Patienten und Pflegebedürftigkeit die eigene Datenhoheit. „Patienten und Pflegebedürftige müssen jederzeit vollständige Einsicht in ihre elektronische Patientenakte nehmen können, auch per Smartphone. Ein smarter mobiler Zugang zur eigenen ePA ist Pflicht“, erklärte der Staatssekretär.

Es sei zu befürchten, dass die derzeit von der Selbstverwaltung und der gematik entwickelte Lösung dem Stand der Technik und den Wünschen der Patienten hinter­herhinken werde. Anstelle von Insellösungen einzelner Krankenkassen sei aber eine interoperable datenschutzsichere Lösung nötig.

„Ich glaube, dass die ePA besser durch eine zentrale Stelle in der öffentlichen Verwaltung umgesetzt werden könnte als durch die Selbstverwaltung.“ Grund­voraussetzung für die digitale Vernetzung ist zudem aus seiner Sicht, dass alle Behandler Zugang zu den Behandlungsdaten des Pflegebedürftigen haben, sofern dieser eingewilligt hat. Nach wie vor sei jedoch Fakt, dass Pflegende, Physiothera­peuten und weitere Angehörige anderer Gesundheitsberufe keine Schreibe- und Leseberechtigung auf die Daten der elektronischen Gesundheits­karte (eGK) haben.

Der Pflegebeauftragte will sich daher dafür einsetzen, dass Pflegeeinrichtungen an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) angebunden werden, damit sie sicher mit niedergelassenen Ärzten, Apothekern und Krankenhäusern kommunizieren können. Außerdem müssten auch alle anderen an der Behandlung beteiligten Gesundheitsfachberufe über die TI Daten austauschen können, forderte er, denn „besser vernetzt bedeutet für die Pflegebedürftigen immer auch besser versorgt“.

KVen sollen telemedizinische Versorgung im Pflegeheim vermitteln

Beispiel Krankenhausentlassung: Anhand von elektronischen Entlassbriefen und Pflegeüberleitungsbögen aus dem Krankenhaus kann die Pflegefachkraft im Heim schon vor der Entlassung die weitere Versorgung der Pflegebedürftigen mit Medikamenten, Hilfsmitteln und Therapien organisieren.

„Pflegekräfte und Ärzte können sich gegenseitig entlasten, die Versorgungsqualität steigern und dabei auch noch Kosten senken“, meinte der Experte. Es spare Ausdrucke, Telefonate und Faxe, wenn sich der Sozialdienst im Krankenhaus oder der nieder­gelassene Hausarzt direkt über eine ePA mit der Pflegekraft einer stationären Einrichtung über den Gesundheits- und Pflegezustand sowie die medizinische Versorgung austauschen können.

Gerade im ländlichen Raum ließen sich dadurch Wegezeit für Behandler und belastende Krankentransporte oder Krankenhausverlegungen für Heimbewohner verringern. Telemedizinische Versorgung im Pflegeheim sollte deshalb noch stärker durch die Kassenärztlichen Vereinigungen vermittelt und gefördert werden. Die Lockerung des ausschließlichen Fernbehandlungsverbotes durch den Deutschen Ärztetag sei dazu ein richtiger Schritt.

Digitale Versorgung dürfe nicht an Standesdünkel scheitern, vor allem sollten einige Berufsgruppen keine eigenen Kommunikationsinstrumente entwickeln und andere davon ausschließen, mahnte Westerfellhaus. Eine Anwendung wie die von der gematik spezifizierte KOM-LE-Anwendung (Kommunikation Leistungserbringer) sollte nicht nur den Austausch von Arztbriefen zwischen den Ärzten selbst, sondern auch zwischen Krankenhaus und Pflegeheim ermöglichen.

Das Kernproblem der Pflege, der Fachkräftemangel, spielt auch beim Thema Digitalisierung eine Rolle. Der direkte Austausch mit Ärzten und anderen Behandlern auf digitalem Weg werde den Pflegeberuf aufwerten, meinte Westerfellhaus. Eines seiner Ziele sei es daher, die Aufgaben zwischen den Gesundheitsberufen neu zu justieren. Digitalisierung sollte ein zeitgemäßes Teamwork aktiv unterstützen.

Finanzielle Förderung für Digitalisierung von Pflegeeinrichtungen

Der Staatssekretär verwies auf die Ankündigung von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, Anfang 2019 rund 330 Millionen Euro bereitzustellen, um die Digitalisierung von Pflegeeinrichtungen voranzubringen. Für die Anschaffung von digitaler Ausrüstung sollen Altenpflegeeinrichtungen jeweils bis zu 12.000 Euro erhalten. Länder und Kommunen sollten zudem die digitale Vernetzung von Krankenhäusern, Pflege­einrichtungen, Hausärzten und Beratungsstellen als zukunftsträchtige Aufgabe der Daseinsvorsorge verstehen und noch stärker fördern.

Inzwischen beziehen drei Millionen Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung. 19 Millionen Menschen wurden 2017 stationär im Krankenhaus versorgt, davon über zwei Millionen auf Intensivstationen. Etwa 800.000 Menschen leben in einer Langzeiteinrichtung, berichtete Christel Bienstein vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Hinzu kommen die Personen, die zu Hause von ihren Angehörigen gepflegt werden. Eine Zielgruppe wird zudem immer wichtiger: „Das sind die jungen Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause auf Distanz versorgen. Sie kontrollieren zum Beispiel durch Telefonanrufe, ob die Medikamente eingenommen worden sind, kontrollieren Essen auf Rädern, sprechen mit dem Pflegedienst et cetera“, erläuterte Bienstein.

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Personalmangel vor allem im ambulanten Pflegebereich führt ihr zufolge dazu, dass Patienten nicht mehr angenommen werden, dass sie auf Wartelisten kommen oder dass man sie in Altenpflegeheimen unterbringt. „Wir brauchen daher dringend intelligente Systeme, die pflegebedürftige Menschen entlasten und Pflegende unterstützen“, betonte Bienstein.

Das größte Problem der Digitalisierung in der Pflege ist aus ihrer Sicht die mangelnde Einbeziehung der Patienten und Pflegebedürftigen bei der Entwicklung digitaler Systeme und Anwendungen. So gebe es tolle Entwicklungen für Demenzpatienten, aber: „Die öffnen den Kühlschrank und werden gefragt: Möchtest du Milch trinken? Anschließend machen sie nie wieder den Kühlschrank auf. Oder sie setzen sich auf die Toilette, und die Wasserspülung setzt automatisch ein. Dann setzen sie sich nie wieder auf diese Toilette“, erläuterte Bienstein.

Viele Beispiele für digitale Anwendungen

Schon heute benutzen laut Bienstein 75 Prozent der Pflegekräfte eine computer­gestützte Dokumentation, aber die Vernetzung fehlt. 59 Prozent arbeiten mit der Digitalkamera, etwa wenn es um Dekubitus oder schwere Verletzungen geht, 53 Prozent kennen sich umfassend mit dem Monitoring aus. Häusliche Pflegedienste haben inzwischen schon hilfreiche Softwarelösungen im Einsatz, etwa für die Dokumentation, für die Kommunikation mit dem Arzt, für die personelle Einsatz­planung und für die Medikation.

Ebenso werden computergestützte Therapien zur Mobilisation des Patienten genutzt, die der Physiotherapeut telemedizinisch überwacht. Assistenzsysteme zu Hause ermöglichen ein längeres Verbleiben in der eigenen Häuslichkeit, Trink-, Ernährungs- und Medikamentenaufnahme lassen sich gezielt sensorgestützt nachhalten. Videokontakte zwischen Patienten und Angehörigen sowie digitale Kontakte zwischen Pflegebedürftigen ermöglichen soziale Kontakte, Apps für pflegende Angehörige unterstützen diese.

Zum Anforderungskatalog an die Digitalisierung in der Pflege gehört laut Bienstein unter anderem, dass der Einsatz digitaler Technologien individuell geprüft und angepasst werden muss. Ein WLAN-Zugang muss bundesweit verfügbar sein. Es muss eine Bereitschaft zur interprofessionellen Zusammenarbeit bestehen. Viele Pflegekräfte haben zudem Sorge, dass die Digitalisierung zu einer permanenten Überwachung und Kontrolle im Arbeitsumfeld beiträgt. Pflegebedürftige und Pflegende müssen dringend in die Weiterentwicklung eingebunden werden. 

Digitale Grundbildung ist entscheidend

Die digitale Mündigkeit sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass digitale Anwen­dungen beim Patienten ankommen, betonte der Patientenvertreter Gregor Bornes vom gesundheitsladen köln. Er müsse etwa im Hinblick auf die eGK mit dem doppelten Schlüsselsystem umgehen können und in die Nutzung selbstbestimmt einwilligen. Seine Rolle dürfe sich dabei nicht nur im Unterschreiben von Einwilligungsformularen zwecks Haftungsausschluss erschöpfen. Auch der Umgang mit der ePA erfordere eine bestimmte Gesundheitskompetenz. „Eine deutliche Verbesserung der Gesundheits­kompetenz kommt aber nicht durch Technik, sondern durch Bildung“, so der Patientenvertreter. © KBr/aerzteblatt.de

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