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Anorexie: Leid, Kampf und trauriger Triumph

Moser, Tilmann

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Um dem umfassenden Buch Gewicht zu verleihen, schreiben die Autoren wie eine Eingangsfanfare: „Anorexie ist eine schwere psychosomatische Erkrankung. Die schwerste, die eine Person im Jugendalter überhaupt entwickeln kann. Sie chronifiziert rasch und entwickelt eine hohe Behandlungsresistenz. Die Mortalitätsrate liegt auch bei behandelten Fällen im Langzeitverlauf bei circa 15 Prozent. Die Suizidrate ist gegenüber gleichaltrigen Vergleichsgruppen circa 50-fach höher ...“. Deshalb ist auch die Literatur über Anorexie bereits riesig und unübersichtlich. Umso verdienstvoller ist das mehrdimensionale Werk der beiden analytisch, familientherapeutisch und sozialpolitisch orientierten Autoren.

Bei Magersüchtigen dreht sich alles ums Essen, als Leid, Kampf, Selbstquälerei und trauriger Triumph, der aber auch stolz sein kann, weil das Gewicht unter Kontrolle gehalten ist. Denn der Selbstwert, der ohnehin niedrig ist, muss immer wieder hergestellt werden. Der Kampf beschädigt so viel lebendiges Leben: Vitalität, Teilnahme am sozialen Leben, Sexualität und menschliche Begegnung. Und doch bringt er auch Vorteile: die Sonderrolle, die in der Familie eingenommen wird, die Sorge der anderen, auch Rache an ihnen für nicht erbrachte Schutz- und Verständnisleistungen. Man könnte es auch den Triumph des Willens nennen, im Dienst eines Ideals, ja eines Elitebewusstseins, das auch tödlich verlaufen kann.

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Denn das weibliche Ohnmachtsgefühl beim Eintritt in die Pubertät, das Ausgeliefert-Sein an die körperlichen Veränderungen, die Kränkbarkeit, die Schrecken der notwendigen und oft misslingenden Ablösung von den Eltern, die Individuation und die Verwirrung über die Körpergrenzen scheinen das Individuum zu überfordern. Dagegen wird das Thema der Macht gesetzt, Macht als Beherrschung der vielen Normalitätserwartungen, die auch zu drückendem Schuldgefühl führen können.

Und dann beginnt der Kampf mit den Therapeuten, die auch ihre Erwartungen und Ziele mitbringen, die oft erlittenen Grenzen ihrer Geduld, denn die Patienten sind oft auch Helden des Widerstands gegen die Gewichtszunahme, die als Versagen erlebt wird. Deshalb auch in der Klinik die notwendige Kontrolle und die nach der Bereitschaft zur Kooperation. In „Freiheit“, also außerhalb der Klinik, hat sich Familientherapie als am meisten Erfolg versprechende Methode herausgestellt. Doch auch dort geht es zunächst um die kaum je angesprochen Konflikte in der Familie. Dort herrschen schweigende Bündnisse, die verstanden werden wollen, Entwertung und Vorwurfsfronten, Groll und lähmende Resignation. „Der einmischend-kontrollierende Beziehungsstil, der insbesondere Müttern von anorektischen Patienten zugeschrieben wird, kann natürlich auch durch die Väter ausgeübt werden.“ Er muss aufgebrochen werden, um ein Gefühl von Freiheit entstehen zu lassen. Faszinierende Fallgeschichten begleiten den gut lesbaren Text. Tilmann Moser

Günter Reich und Antje von Boetticher: Hungern, um zu leben – die Paradoxie der Magersucht. Psychosozial-Verlag, Gießen 2017, 216 Seiten, kartoniert, 22,90 Euro

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