SucheTrefferlisteInterview mit der Psychologischen Psychotherapeutin Rosemarie Piontek: „Wir müssen immer auch unser eigenes Geschlecht reflektieren“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit der Psychologischen Psychotherapeutin Rosemarie Piontek: „Wir müssen immer auch unser eigenes Geschlecht reflektieren“

PP 16, Ausgabe August 2017, Seite 391

Britten, Uwe

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Therapeutinnen und Therapeuten sind immer um Neutralität bemüht und versuchen, eigene Bewertung zu vermeiden. Gleichwohl gibt es etwas, was ihre Orientierungen in der therapeutischen Interaktion mitprägt: das Geschlecht.

Rosemarie Piontek ist niedergelassene Verhaltenstherapeutin in einer Praxisgemeinschaft in Bamberg, Supervisorin, Lehrtherapeutin und Autorin des Buches „Doing Gender – Umgang mit Rollenstereotypen in der therapeutischen Praxis“. Foto: privat
Rosemarie Piontek ist niedergelassene Verhaltenstherapeutin in einer Praxisgemeinschaft in Bamberg, Supervisorin, Lehrtherapeutin und Autorin des Buches „Doing Gender – Umgang mit Rollenstereotypen in der therapeutischen Praxis“. Foto: privat

Therapeutinnen und Therapeuten sind immer bemüht um Wertfreiheit, um Neutralität, um Abstinenz – wie geht das im Hinblick auf das eigene Geschlecht?

Anzeige

Rosemarie Piontek: Überhaupt nicht. In gewisser Weise ist Neutralität ohnehin eher ein frommer Wunsch. Wir können uns um Allparteilichkeit bemühen oder darum, unsere eigenen Bewertungen zu reflektieren, aber unsere Subjektivität drückt sich immer durch – und dazu gehört eben auch die Geschlechtsrollenprägung. Erst eine gendersensible Haltung führt zu einer Reflexion der Geschlechtsrollenstereotype und zur Berücksichtigung in der therapeutischen Interaktion.

Ist die Kategorie Geschlecht ein blinder Fleck in allen Therapieschulen?

Piontek: Nein, ich glaube nicht, dass es ein vollständiger blinder Fleck ist. Die Gendersensibilität ist als Ziel inzwischen zu den meisten Ausbildungsinstituten der verschiedenen Therapieschulen durchgedrungen. Aber: Die Einbeziehung der Geschlechtsrollenstereotypen als etwas, was eine Störung mitbedingt oder aber mindestens aufrechterhält, wird viel zu wenig expliziert. Eine solche Berücksichtigung innerhalb des therapeutischen Handelns findet kaum statt: in der Reflexion der Beziehungsgestaltung nicht, in der Zielklärung nicht und auch bei den konkreten Interventionen viel zu wenig.

Was weiß denn die Therapieforschung? Welches hilfreiche Wissen kommt von dort?

Piontek: Über die klinische Psychologie von Frauen wissen wir schon relativ viel, über all die Besonderheiten bei einzelnen Störungsbildern, beispielsweise bei Depressionen oder Borderline. Zu wenig Forschung gibt es bezüglich der Männer. Sie „laufen so mit“ und werden als die kleinere Gruppe der Nutzer von Psychotherapie viel zu wenig beforscht. Ich als Verhaltenstherapeutin berücksichtige geschlechtstypische Fragen schon bei der Anamnese, beispielsweise frage ich nach Gewalterfahrungen im biografischen Verlauf. Bei Männern werden Gewalterfahrungen oft übersehen und Männer von sich aus sprechen sie auch selten an, weil es dem Rollenstereotyp so massiv widerspricht und stark schambesetzt ist. Dabei sind sie wesentlich häufiger Opfer männlicher Gewalt als Frauen. Es gibt auch so etwas wie ein „Tätertrauma“, das auftritt, wenn Männer zum Beispiel in ihrer Jugend massiv gewalttätig waren. Bei Frauen finden wir anamnestisch typische Konfliktquellen zum Beispiel bei Wiedereinstiegsversuchen in den Beruf, bei allem, was mit Gebärfähigkeit zusammenhängt, von ungewollter Schwangerschaft bis Unfruchtbarkeit. Es ist möglich, solche Risikofaktoren, die sehr oft geschlechtsspezifische Besonderheiten aufweisen, gezielt abzufragen.

Spielen Geschlechterstereotype bei der Definition von Zielen eine Rolle?

Piontek: Ja, ich beobachte immer wieder, dass Frauen und Männer schon allein gedanklich deshalb nicht auf neue Lösungen kommen, weil das Stereotyp „Ich als Frau“ oder „Ich als Mann“ diese nicht beinhalten. Muss ein schüchterner Mann zum Beispiel unbedingt das Ziel haben, endlich ein Draufgänger zu werden? Aber auch etwa Selbstsicherheitstrainings sollten bei Frauen und Männern unterschiedliche Schwerpunkte haben. Bei all dem ist natürlich außerordentlich wichtig, wie wir als Therapeutinnen (also als Frauen) und Therapeuten (als Männer) darauf reagieren.

Die Psychotherapie wird oft als „weiblich“ beschrieben: Sie zielt auf die Bearbeitung von Gefühlen und wird von Therapeutinnen betrieben. Steckt hier ein struktureller Ausschluss von Männern?

Piontek: Psychotherapie ist methodisch erstens auf Sprache gerichtet, auf den sprachlichen Ausdruck, sie ist zweitens als ein psychosoziales Beziehungsgeschehen konstruiert und sie ist drittens auch abhängig von der Introspektionsfähigkeit nicht nur hinsichtlich der eigenen Kognitionen, sondern eben auch der Emotionen. Das alles ist mit dem weiblichen Rollenstereotyp sehr viel leichter vereinbar als mit dem männlichen. Für viele Männer spielen bis heute die Kontrolle der eigenen Emotionen, das Rationalisieren, das Bagatellisieren und Vermeiden von Gefühlen sowie die Körperferne eine große Rolle, ebenso eine eingeschränkte Sprachlichkeit bezüglich ihrer Gefühle. In diesen Dingen haben Männer zu wenig Übung, und manche haben sogar ein Emotionsverbot gelernt. Psychotherapie ist also ein Konstrukt, das den meisten Männern zunächst nicht so leicht zugänglich zu sein scheint. Gelingt der Zugang, dann ist die Psychotherapie gerade für Männer ein gutes Verfahren. Hilfreich für solche Männer ist es, auf einen Mann als Therapeuten zu stoßen, der als Modell fungieren kann.

Nachdem nun Frauen aufgrund der historischen Entwicklung zu vielen Berufen einen besseren Zugang bekommen, führt das viele hinein in die Ausbildung zur Psychotherapeutin. Diese Arbeit liegt Frauen nahe, das historisch gewachsene Rollenstereotyp passt dazu. Psychotherapie als Verfahren hat sich einfach seit der frühen Psychoanalyse sehr verändert und wird heute von vielen anders betrieben, als es vor hundert Jahren üblich war. Wohin sich die Psychotherapie verändert hat, das liegt Frauen.

Wann ist denn ein gleich- und wann ein gegengeschlechtliches Setting hilfreich?

Piontek: Ach, das ist sehr verschieden. Ich vermute aber, dass kaum eine Frau, die einen sexuellen Missbrauch aufarbeiten möchte, in einer Ersttherapie zu einem Mann geht. In einer Zweittherapie kann es einer solchen Frau aber guttun, einen Therapeuten zu wählen, wenn der ein Beziehungsangebot macht, das von Sicherheit und Vertrauen gekennzeichnet und bei dem es sichergestellt ist, dass eine sexualisierte Begegnung ausgeschlossen bleibt oder aber zum therapeutischen Thema gemacht wird. Ein Mann als Therapeut, der mit einer Missbrauchsklientin arbeitet, muss sich absolut sicher sein, Grenzen halten zu können, und muss innerlich selbst sehr stabil sein. Die Gratwanderung ist dann, Nähe zuzulassen, ohne eine Grenze zu überschreiten. Dann ist das für eine Frau eine ganz wichtige Erfahrung.

Oder: Eine Frau, die gerade am Anfang der Familiengründung steht und psychische Probleme bekommt, die geht am liebsten zu einer gleichaltrigen Frau. Da findet sich so eine Art Ähnlichkeitsprinzip, das zeigen auch Forschungen. Viele Personen neigen zu Therapeutinnen und Therapeuten im gleichen Alter und mit demselben Geschlecht.

Allerdings muss ich hinzufügen, dass die Wahl natürlich stark vom örtlichen Angebot der Psychotherapie abhängt. Nicht in jeder Stadt oder Gemeinde lässt sich aus der ganzen Breite der potenziellen Angebote auswählen. Das ist das natürlich ein Problem.

Gehen denn nicht Männer lieber zu einer Frau?

Piontek: Nein, nicht unbedingt. Aber natürlich gibt es Männer, die gezielt nicht zu einem Mann gehen, weil sie den männlichen Konkurrenzsituationen ausweichen und dem Gefälle zwischen einem männlichen Therapeuten und sich als Klient entgehen wollen. Die gehen lieber zu einer Frau, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass Frauen für sie nicht so „bedrohlich“ sind, weil Frauen im Rollenstereotyp automatisch als „Menschenversteherinnen“ und hierarchisch tiefer stehend eingestuft werden. Andere allerdings gehen schon allein deshalb nicht zu einer Frau, weil die vielleicht älter ist und ein Mann in ihr zu sehr die dominante Mutter abruft. Damit diese Probleme nicht entstehen, ist es Voraussetzung, dass die Therapeutin oder der Therapeut die eigenen Geschlechtsrollenanteile reflektiert hat.

Wird dieses Wissen und die Reflexion der eigenen Geschlechtsrolle in den Therapieausbildungen hinreichend vermittelt?

Piontek: Leider wird es bei Weitem nicht hinreichend berücksichtigt. Störungswissen, Diagnostik oder Therapiemanuale zum Beispiel haben eindeutig Vorrang. Die Aspekte der therapeutischen Haltung, des Menschenbildes, der Beziehungsgestaltung oder die Entwicklung der therapeutischen Persönlichkeit verlieren durch die zunehmende „Medizinisierung“ und Manualisierung an Bedeutung. „Selbsterfahrung“ wird partialisiert und beschränkt sich auf spezielle Ausbildungseinheiten. Der Genderaspekt ist aber wie eine Folie, die über jede Form von therapeutischer Handlung gelegt werden sollte, er stellt eine ganzheitliche Betrachtung her.

Im Grunde wissen alle, dass die epidemiologischen Zahlen zu psychischen Erkrankungen markant geschlechtstypisch verteilt und die Beeinträchtigungen entsprechend ausgeformt sind. Wir müssten aber noch viel stärker fragen: Warum ist das so und welche Folgen muss das in der Psychotherapie haben und wie wiederum vermitteln wir das in der Ausbildung? Es reicht eben nicht aus, entsprechende Seminare als freiwillige Angebote vorzuhalten, denn dazu ist dieses Wissen und der Umgang mit der eigenen Geschlechtsrolle viel zu wichtig.

Das Interview führte Uwe Britten.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Zum Artikel

Fachgebiet

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Anzeige