Alzheimer-Diagnose kommunizieren: Drei Experten-Empfehlungen
Worauf kommt es bei der Kommunikation der Alzheimer-Diagnose an? In dieser Videoreihe geben drei Experten Empfehlungen aus verschiedenen Perspektiven: Von der Rolle der Biomarker über die Neuropsychologie bis zum Umgang mit eingeschränkter Krankheitseinsicht.

Eine schwierige Diagnose kommunizieren: Drei Experten teilen Best Practices
„Eine zeitgerechte Diagnose ist Grundlage der Behandlung und Versorgung von Menschen mit Demenz und soll den Betroffenen ermöglicht werden.“ So lautet die Empfehlung 13 zur frühen Diagnosestellung von Demenzerkrankungen in der aktuellen S3-Leitlinie Demenzen [1]. Wie sieht es mit deren Umsetzung in der klinischen Praxis aus – v. a., wenn es um die Kommunikation der Diagnose „Alzheimer-Krankheit“ geht? Diese Frage beantworten drei Demenz-Experten in der folgenden Videoreihe:
Wertvolle Zeit gewinnen: Die Rolle von Biomarkern in der Früh- und Differenzialdiagnostik der Alzheimer-Krankheit – mit Prof. Dr. med. Robert Perneczky, Facharzt für Psychotherapie, Psychiatrie und Geriatrie, Universitätsklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München
Empfehlungen aus neuropsychologischer Sicht: So kommunizieren Sie die frühe Alzheimer-Diagnose klar und direkt – mit Prof. em. Dr. phil. Andreas U. Monsch, Prof. em. für (Neuro-) Psychologie, Universität Basel, und langjähriger Leiter der Memory Clinic, Felix Platter Spital, Basel, Schweiz
Eingeschränkte Krankheitseinsicht bei der Alzheimer-Krankheit: Bedeutung in Zusammenhang mit dem Diagnosegespräch – mit Prof. Dr. med. Marc Sollberger, Facharzt für Neurologie und ad interim Leiter Memory Clinic der Universitären Altersmedizin Felix Platter, Basel, Schweiz
1. Die Rolle der Biomarker-unterstützten Frühdiagnose der Alzheimer-Krankheit
Im Videobeitrag von Prof. Perneczky geht es um zwei wichtige Fragen:
Warum ist es entscheidend, die Diagnose Alzheimer-Krankheit frühzeitig und akkurat zu stellen?
Wie lässt sich die Genauigkeit der Diagnose erhöhen?
Beides sind Voraussetzungen für ein gelungenes Arzt-Patienten-Gespräch.
Eine Diagnose im Frühstadium ermöglicht einerseits ein optimales Management der Alzheimer-Krankheit. Zum anderen gewinnen die Betroffenen wertvolle Zeit, um die nächsten Schritte zu planen und sich so aktiv in den gemeinsamen Entscheidungsprozess einzubringen [1–3].
Allerdings liegt die Genauigkeit einer Diagnose auf der Basis klinischer Methoden wie Anamnese und neuropsychologischen Tests bei etwa 75 % [4–9]. Hingegen kann die Biomarker-gestützte Diagnostik die Diagnosegenauigkeit auf rund 92 % erhöhen. Mithilfe komplementärer Diagnoseverfahren wie der Lumbalpunktion oder der Amyloid-Positronen-Emissions-Tomografie (Amyloid-PET) lassen sich Amyloid-β- und Tau-Pathologien nachweisen [8, 10, 11]. Wichtig ist dabei ein evidenzbasierter Einsatz in ausgewählten Situationen wie z. B. zur Differenzialdiagnose bei Menschen in Frühstadien der Alzheimer-Krankheit, um die Entscheidung für das weitere Vorgehen zu unterstützen [1, 8, 11].
2. Die Rolle des „Wie“ im Diagnosegespräch
Prof. Monsch bespricht in seinem Videobeitrag, worauf im Diagnosegespräch aus neuropsychologischer Sicht besonders zu achten ist und wie die Betroffenen die Diagnose „Alzheimer-Krankheit“ besser akzeptieren. Er gibt u. a. die folgenden Best Practice-Empfehlungen [2, 5]:
Entscheidend ist eine achtsame und empathische Gesprächsführung.
Eine klare und direkte Diagnosemitteilung ist die Voraussetzung für eine Kommunikation auf Augenhöhe. Anschließend ist es wichtig, den Betroffenen Zeit und Raum für ihre Reaktionen zu geben und aktiv zuzuhören.
Eine ausführliche Erklärung der Untersuchungsergebnisse mit visuellen Hilfsmitteln wie Diagrammen oder Modell-Gehirnen erleichtert den Betroffenen das Verständnis ihrer Erkrankung.
Eine sorgfältige Dokumentation der Untersuchungen, die Veranschaulichung des Leistungsprofils im Vergleich zu kognitiv Gesunden sowie das Erinnern an individuelle kognitive Schwierigkeiten kann dazu beitragen, dass die Betroffenen ihre Diagnose besser akzeptieren.
3. Die Rolle der eingeschränkten Krankheitseinsicht
Im Videobeitrag von Prof. Sollberger geht es um die Bedeutung der Krankheitseinsicht der Betroffenen mit Blick auf das Diagnosegespräch und das Management der Alzheimer-Krankheit. Die Krankheitseinsicht nimmt in der Regel mit zunehmendem Schweregrad der Erkrankung ab – bis hin zur Anosognosie. Eine eingeschränkte oder fehlende Krankheitseinsicht kann weitreichende Folgen für die Betroffenen und ihr Umfeld haben. So können die Patientinnen und Patienten ihre Fähigkeiten überschätzen, was zu Fehlentscheidungen im Alltag führen kann. Zugleich nehmen die Belastungen für die Angehörigen und das medizinische Personal zu [12-14]. Vor dem Hintergrund der eingeschränkten Krankheitseinsicht gibt Prof. Sollberger spezifische Empfehlungen für das Diagnosegespräch, z. B. [12]:
Es ist sinnvoll, auch Angehörige zum Diagnosegespräch einzuladen, weil sie die Hauptlast der Erkrankung tragen. Außerdem haben die Betroffenen selbst häufig Schwierigkeiten die Gesprächsinhalte zu verstehen oder zeigen mitunter kein Interesse an den ärztlichen Ausführungen und Empfehlungen.
Es kann hilfreich sein, den Angehörigen das Phänomen der eingeschränkten Krankheitseinsicht zu erklären. So können sie besser verstehen, warum sich die Betroffenen möglicherweise befremdlich verhalten.
Wichtig ist zudem, den Angehörigen deutlich zu machen, dass die Alzheimer-Krankheit das veränderte Verhalten verursacht und die Betroffenen selbst „nichts dafürkönnen“. Diese Klarstellung kann zu mehr Toleranz gegenüber den Patientinnen und Patienten beitragen, was sich wiederum positiv auf deren Lebensqualität auswirken kann.
DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.) S3-Leitlinie Demenzen, Version 5.0, 28.02.2025, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013, Zugriff am 22.04.2025.
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