Alzheimer-Krankheit: Studienwissen in die Praxis übertragen
Wie lässt sich der Verlauf der Alzheimer-Krankheit möglichst früh beeinflussen – idealerweise noch bevor Patient:innen spürbar an Selbstständigkeit verlieren? Und was bedeutet ein früher Behandlungsansatz für die Therapie und Versorgung im klinischen Alltag? In einer internationalen Webkonferenz diskutierten Expert:innen darüber, welche Chancen, Anforderungen und praktischen Konsequenzen sich daraus ergeben.

Die Alzheimer-Krankheit verläuft lange unbemerkt. Im Stadium der leichten kognitiven Störung (MCI) treten erste messbare kognitive Veränderungen auf. Dann ist es Zeit zu handeln, denn das Risiko, innerhalb von fünf Jahren an einer Alzheimer-Demenz zu erkranken, liegt in diesen Fällen bei mehr als 90 % [1, 2].
In einer internationalen Webkonferenz, moderiert von Dr. Pablo Martinez-Laje (San Sebastián), diskutierten Prof. Timo Grimmer (München), Dr. Anna Burke (Phoenix) und Dr. Derek Krieger (Dubai) deshalb über die Therapie der frühen symptomatischen Alzheimer-Krankheit mit Kisunla® (Donanemab) [a], teilten anhand ausgewählter Patientenfälle erste Praxiserfahrungen und ordneten das Sicherheitsprofil von Kisunla® ein. Die wichtigsten Inhalte haben wir hier für Sie zusammengefasst.
Von der Studie in die Praxis
Gerade in den frühen symptomatischen Stadien der Alzheimer-Krankheit (leichte kognitive Störung oder leichte Demenz) eröffnen krankheitsmodifizierende Therapien die Möglichkeit, den weiteren Krankheitsverlauf aktiv zu beeinflussen. Kisunla® setzt genau hier an: Die kausale [b] Anti-Amyloid-Therapie (ATT) entfernt schnell und zielgerichtet Amyloid-Plaques [4, c]. Sie greift früh modifizierend in die Pathophysiologie ein und gibt geeigneten Patient:innen die Perspektive, länger selbstständig bleiben zu können [3, 4].
Vor diesem Hintergrund stellte Prof. Grimmer die Zulassungsstudie TRAILBLAZER-ALZ 2 vor – eine randomisierte, placebokontrollierte Phase-III-Studie bei Patient:innen mit früher symptomatischer Alzheimer-Krankheit [4]. Die Studie zeigte, dass Kisunla® den kognitiven und funktionellen Abbau klinisch relevant verlangsamen kann: um 29 % vs. Placebo in der in Europa indizierten Gesamtpopulation [d] bzw. um 35 % vs. Placebo in der indizierten Population mit geringer bis mittlerer Tau-Last [d, e], jeweils gemessen anhand des CDR-SB (Clinical Dementia Rating – Sum of Boxes) nach 18 Monaten [3–5]. In der Amyloid-PET-Bildgebung wurde zudem eine schnelle und deutliche Reduktion der Amyloid-Plaques beobachtet [4, 6, 7]. Damit rückt vor allem die Verzögerung der Krankheitsprogression als realistisches und klinisch relevantes Therapieziel in den Fokus.
Ein Blick in die Praxis: Kasuistik
Wie sich diese Ergebnisse im klinischen Alltag widerspiegeln können, zeigte Dr. Burke anhand eines hypothetischen Patientenfalls:
Steckbrief Patient [f]
Ein 67-jähriger Patient stellte sich mit zunehmenden kognitiven Beschwerden innerhalb der letzten 4 bis 5 Monate vor. Im Vordergrund stand eine Kurzzeitgedächtnisstörung mit wiederholtem Nachfragen, Schwierigkeiten beim Wiederfinden von Gegenständen sowie Probleme, begonnene Aufgaben zu Ende zu führen. Ergänzend berichtete der Patient über Wortfindungsstörungen. Neben den kognitiven Symptomen bestanden motorische Einschränkungen mit progredienter Gangunsicherheit (Ataxie, schlurfender Gang) und häufigen Stürzen sowie eine Neuropathie.
Es lagen mehrere kardiovaskuläre und metabolische Begleiterkrankungen vor, darunter Typ-2-Diabetes, arterielle Hypertonie und Hyperlipidämie. Zusätzlich bestanden eine zervikale Spinalkanalstenose sowie eine Schlafapnoe.
Diagnose
Die initiale kognitive Testung ergab trotz unauffälligem Mini Mental State Test (MMST; 30 von 30 Punkten) Auffälligkeiten im Montreal Cognitive Assessment (MoCA; 25 von 30 Punkten). In der weiterführenden Diagnostik bestätigten sich eine MCI sowie eine Alzheimer-Pathologie mit erhöhten Tau-Biomarkern im Blut und positivem Amyloid-PET. Ein Baseline MRT (Magnetresonanztomographie) zeigte milde periventrikuläre Veränderungen der weißen Hirnsubstanz und eine milde Mikroblutung. Der Patient war homozygoter Träger des Ɛ3-Allels des Apolipoproteins E (ApoE).
Therapie und Verlauf
Nach Diagnosestellung wurde eine Therapie mit Kisunla® eingeleitet. Im Therapieverlauf zeigte sich:
insgesamt gute Verträglichkeit
lediglich milde infusionsassoziierte Kopfschmerzen zu Beginn
kein Hinweis auf ARIA-Ereignisse
Ein Jahr nach Therapiebeginn zeigte sich im Amyloid-PET eine deutliche Reduktion der Plaques-Last mit Erreichen einer Amyloid-Negativität, sodass die Behandlung beendet werden konnte. Parallel dazu blieb die kognitive Leistungsfähigkeit stabil (MMST 29/30), was sich auch im Alltag des Patienten widerspiegelte.
Dr. Burke berichtete, dass der geschilderte Fall mit den bisherigen klinischen Erfahrungen unter Kisunla® übereinstimmt: Ihrer Erfahrung nach wird die Therapie wird in der Regel gut vertragen. Zudem scheinen sowohl die Rückmeldungen von Patient:innen und Angehörigen als auch objektive kognitive Testverfahren für eine zumindest zeitweise Stabilisierung der kognitiven und funktionellen Fähigkeiten im Verlauf der Behandlung zu sprechen.
Kisunla® im Praxischeck: Sicherheit im klinischen Alltag
Während die zuvor vorgestellten Daten die Wirksamkeit der Therapie adressierten, richtete Dr. Krieger den Fokus auf die Einordnung des Sicherheitsprofils im klinischen Alltag:
Im Mittelpunkt standen dabei die Amyloid-related Imaging Abnormalities (ARIA). In der TRAILBLAZER-ALZ 2-Studie traten ARIA-E oder ARIA-H innerhalb der in der EU indizierten Population bei 33 % der mit Kisunla® behandelten Patient:innen auf, verglichen mit 13,5 % unter Placebo. Für ARIA-E allein lag die Rate bei 20, 6 %, schwerwiegende ARIA-E wurden nur selten beobachtet (1,3 %) [4].
Die meisten ARIA-Befunde blieben asymptomatisch und wurden im Rahmen der vorgesehenen MRT-Kontrollen erkannt. Wenn Symptome auftraten, waren die Ereignisse überwiegend mild bis moderat und bei etwa 80 % der betroffenen Patient:innen bildeten sich die Beschwerden zurück. Für die Praxis ist zudem der zeitliche Verlauf relevant: ARIA tritt meist früh im Therapieverlauf auf, in der Regel innerhalb der ersten 24 Wochen. Schwerere Ereignisse wurden vor allem in den ersten 12 Wochen beobachtet, sodass in dieser Phase eine besonders engmaschige Überwachung erforderlich ist [4].
Ein Praxisbeispiel von Dr. Krieger veranschaulichte das Management solcher Ereignisse: Bei einer 70-jährigen Patientin mit leichter Alzheimer-Demenz trat nach initial gutem Ansprechen auf Kisunla® im weiteren Verlauf eine leichte bis moderate ARIA-E auf, begleitet von unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen und leichter Verwirrtheit. In der MRT zeigte sich eine fokale Flüssigkeitsansammlung. Die Therapie wurde daher vorübergehend pausiert und der Verlauf engmaschig überwacht. Bereits nach 8 Wochen war eine deutliche Rückbildung sichtbar, nach etwa 12 Wochen war der Befund vollständig regredient, sodass die Behandlung mit Kisunla® fortgesetzt werden konnte.
Insgesamt zeige sich ein differenziertes, aber gut handhabbares Sicherheitsprofil: Bei konsequentem Monitoring und strukturierter Therapieanpassung lassen sich ARIA-Ereignisse in der Regel frühzeitig erkennen und kontrolliert behandeln.
Fazit
Am Beispiel von Kisunla® wird deutlich, dass unter sorgfältiger Patientenselektion, strukturierter Diagnostik und konsequentem Monitoring eine Verlangsamung der Progression bei der frühen symptomatischen Alzheimer-Krankheit möglich ist. In der klinischen Praxis bedeutet dies vor allem eines: zusätzliche Zeit in einem frühen Krankheitsstadium – und damit den längeren Erhalt von Selbstständigkeit und Alltagsfunktionen.
CMAT-36951
Fußnoten
[a] Donanemab ist angezeigt für die Behandlung erwachsener Patienten mit einer klinischen Diagnose einer leichten kognitiven Störung und leichter Demenz infolge der Alzheimer-Krankheit (frühe symptomatische Alzheimer-Krankheit), die heterozygote Apolipoprotein E-ε4 (ApoE-ε4)-Träger oder ApoE-ε4-Nichtträger sind und bei denen eine Amyloid-Pathologie bestätigt wurde [4].
[b] Die Ablagerung von ß-Amyloid in Form von Plaques wird als eine der wesentlichen Ursachen für die Entstehung der Alzheimer-Krankheit erachtet [9]. Donanemab bindet an N3pE-Aß und unterstützt die Amyloid-Plaques-Entfernung, definiert als Unterschreitung von 24,1 Centiloids im Amyloid-PET-Scan [4].
[c] Amyloid-Plaques-Entfernung (Amyloid-Negativität) ist definiert als < 24,1 Centiloide im Amyloid-PET-Scan. Die Behandlung mit Kisunla® sollte so lange fortgesetzt werden, bis die Amyloid-Plaques entfernt sind (z. B. bis zu 6 oder 12 Monate). Die maximale Behandlungsdauer beträgt 18 Monate und sollte nicht überschritten werden, auch wenn die Plaques-Entfernung nicht bestätigt wird. In der TRAILBLAZER-ALZ 2 Studie erzielten innerhalb der indizierten Population nach 6 Monaten 33 %, nach 12 Monaten 70 % und nach 18 Monaten 81 % der mit Kisunla® behandelten Patient:innen eine solche Amyloid-Plaques-Entfernung [4].
[d] Post-hoc ITT-(intent to treat) Analyse unter Verwendung konservativer Methoden beim Umgang mit fehlenden Daten (multiple imputation with jump to reference and copy increments in reference) [4].
[e] Geringe bis mittlere Tau-Last im PET-Scan deutet auf ein frühes neuropathologisches Stadium hin [5].
[f] Der dargestellte Fall ist hypothetisch und basiert auf der klinischen Erfahrung der Ärztin.
[g] Die Aussage bezieht sich auf die Gesamtpopulation der TRAILBLAZER-ALZ 6 Studie inkl. homozygoter ApoE-ε4-Trägerinnen und Trägern, in der die von der EMA zugelassene Dosierung 350 mg für die erste Dosis, 700 mg für die zweite Dosis und 1.050 mg für die dritte Dosis, gefolgt von 1.400 mg alle 4 Wochen, untersucht wurde [4, 5].
Quellen
Jack CR Jr et al.: Alzheimers Dement. 2024; 20(8): 5143–5169.
S3-Leitlinie Demenzen, Version 6.1, 24.02.2026, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013 (Letzter Zugriff am 29.06.2026).
Jessen F et al.: The Journal of Prevention of Alzheimer's Disease. 2026; 13: 100605.
Sims JR et al.: JAMA. 2023; 330(6): 512–527.
Data on File. REF-77474. Eli Lilly and Company.
Data on File. REF-77470. Eli Lilly and Company.
Wang H et al.: J Prev Alzheimer’s Dis. 2025; 12(8): 100266.
Jessen F et al.: J Prev Alz Dis. 2024; 11(5): 1212–1218.
Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen
Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.
Jetzt bei Google bevorzugen