Anti-Amyloid-Therapie im Praxisalltag
Wenn Fachexperten aus Neurologie und Psychiatrie von ihren Erfahrungen mit der Anti-Amyloid-Therapie berichten, wird es interessant. So auch im Webcast „Reale Fälle, klare Wege: Der Patientenpfad von A bis Z“ in Magdeburg. Erfahren Sie mehr über Patientenfälle mit früher symptomatischer Alzheimer-Krankheit, die Herausforderungen im Memory-Board und das Feedback der Betroffenen.

Am 16. September fand der Webcast „Reale Fälle, klare Wege: Der Patientenpfad von A bis Z“ in Magdeburg statt. Der Veranstaltungstitel war dabei gleichzeitig auch Programm: PD Dr. Hellmann-Regen (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité Berlin) und Dr. Glanz (Universitätsklinik für Neurologie, Magdeburg) präsentierten zunächst die Studienlage der Anti-Amyloid-Therapie (ATT) mit Donanemab (Kisunla®) [a] in der frühen symptomatischen Alzheimer-Krankheit. Im Anschluss berichteten sie von ihren eigenen, praktischen Erfahrungen aus dem Versorgungsalltag. Die Highlights der Veranstaltung sind hier für Sie zusammengefasst [1].
Anti-Amyloid-Therapie: Patientenselektion ist das A und O
PD Dr. Hellmann-Regen ging als Erstes der Frage nach, welche Patientinnen und Patienten von der Therapie mit Kisunla® (Donanemab) [a] profitieren können [2]. Um einen möglichen Therapiestart rechtzeitig zu gewährleisten, erläuterte der Experte detailliert das therapeutische Fenster im Alzheimer-Kontinuum. Liegt die Alzheimer-Pathologie erst einmal vor, eignen sich Anti-Amyloid-Antikörper wie Kisunla®, die Amyloid-Plaques abbauen, besonders bei ersten Anzeichen einer kognitiven Störung, aber nicht mehr bei fortgeschrittener Demenz mit voller Symptomausprägung [2].
Seine Empfehlung: Zur Erfassung erster kognitiver Einschränkungen wie im Stadium einer leichten kognitiven Störung (mild cognitive impairment, MCI) bevorzugt er die kognitive Kurztestung mit dem MoCA-Test (Montreal Cognitive Assessment). Die Sensitivität sei im Frühstadium höher als beim klassischen MMST (Mini-Mental-Status-Test), so der Experte. Viele Fälle leichter kognitiver Störung blieben sonst unerkannt und potenzielle Kandidaten gelangen zu spät in ein behandelndes Zentrum. Blutbiomarker können zukünftig die Zuweisung beschleunigen, da sie erste Hinweise auf die Alzheimer-Pathologie liefern oder ausschließen können.
Kisunla®: Zunehmender klinischer Nutzen über 3 Jahre [b, 3, 4]
Dr. Glanz blieb zunächst beim Thema Früherkennung und bestätigte die Aussage seines Kollegen. Ergänzend wies er darauf hin, dass digitale Tools künftig zu einer präziseren Erfassung früher kognitiver Einschränkungen beitragen könnten. Der Neurologe beantwortete im Anschluss die Frage, was aus der klinischen Forschung im Hinblick auf Wirksamkeit und Sicherheitsprofil von Kisunla® bekannt ist [3, 4]. Wie die Zulassungsstudie über 18 Monate zeigte, waren die therapeutischen Effekte umso höher, je früher Patientinnen und Patienten mit der krankheitsmodifizierenden Therapie behandelt wurden (d. h. in einem frühen neuropathologischen Stadium bei noch geringer bis mittlerer Tau-Last) [3].
Infolgedessen diskutierte der Experte auch die Langzeitdaten aus der doppelt-verblindeten TRAILBLAZER-ALZ 2 long term extension (LTE)-Studie, in der Patientinnen und Patienten nach Erreichen der Amyloid-Negativität auf Placebo umgestellt und für weitere 18 Monate nachbeobachtet wurden [3, 4]. Der Neurologe beschrieb, dass die Differenz im CDR-SB (Clinical Dementia Rating, Sum of Boxes), einem Maß für Kognition und Alltagsfunktion, im Vergleich zu einer unbehandelten, gematchten, externen ADNI (Alzheimer's Disease Neuroimaging Initiative)-Kohorte [c] trotz des Therapieendes mit Kisunla® kontinuierlich zunahm [3, 4]:
Im Vergleich zur ADNI-Kohorte (Vergleichskohorte) erhöhte sich die Differenz auf dem CDR-SB von 0,7 Punkten nach 18 Monaten auf 1,1 Punkte nach 36 Monaten, obwohl die Patientinnen und Patienten maximal 18 Monate mit Kisunla® behandelt wurden (Abb. 1).

Bezüglich des Sicherheitsprofils betonten beide Experten, dass die Amyloid-bedingten Bildgebungsanomalien (Amyloid-related Imaging Abnormalities, ARIA) [d] als zentrale sicherheitsrelevante Nebenwirkungen überwiegend in den ersten Monaten der Behandlung mit Kisunla® auftreten können und meist asymptomatisch verlaufen [2].
Blick in die Praxis: Eignet sich der Patient für eine ATT?
Im zweiten Teil der Veranstaltung gingen die Referenten vermehrt auf ihre Praxiserfahrungen ein. Dazu stellte Dr. Glanz einen typischen Patientenpfad in der Memory Clinic Magdeburg anhand eines konkreten Fallbeispiels vor. Der 58-jährige Patient wurde in der Gedächtnissprechstunde der Universitätsklinik für Neurologie folgendermaßen vorstellig:
Anamnese:
Kurzzeitgedächtnisstörungen und Wortfindungsstörungen
Beginn der Symptomatik allmählich im Jahr 2022
ADL (Activities of Daily Living): weitestgehend selbstständig
Vorerkrankungen und Medikation:
Arterielle Hypertonie
Hyperlipoproteinämie
Koronare Herzerkrankung, Zustand nach Implantation von kardialen Stents
Medikation: ASS 100 mg, Metoprolol, Pantoprazol, Pentalong, Ramipril, Atorvastatin, Ezetimib
Neurologische Untersuchung:
Neugedächtnisstörungen, darüber hinaus kein fokalneurologisches Defizit
Die neuropsychologische Testung mit der CERAD (Consortium to Establish a Registry for Alzheimer's Disease) -Plus Testbatterie zeigte leichte kortikale Einbußen, die laut dem Experten für eine frühe symptomatische Alzheimer-Erkrankung sprachen (Tab. 1). Auch die Labordiagnostik unterstützte diesen Verdacht. Neben der Genotypisierung, die den Genotyp ApoE3/4 nachwies, zeigte die Biomarker-Analyse des Liquors eine Gesamt-Tau-Messung von 1.304 pg/ml, eine pTau-Messung von 186 pg/ml und eine Amyloid-β-Ratio von 0,388 – eine eindeutige Alzheimer-Pathologie.
Die Befunde der Baseline-cMRT komplettierten das Gesamtbild: Radiologisch zeigten sich 2 okzipitotemporale Mikroblutungen (ARIA-H), eine leichte beidseitige Hippocampusatrophie sowie Zeichen einer subkortikalen arteriosklerotischen Enzephalopathie (SAE). Die Herausforderung aus Behandelndensicht: Eignet sich der Patient trotz der beiden krankheitstypischen Mikroblutungsresiduen für eine ATT?
Dr. Glanz führte aus, dass eine Kontraindikation laut aktueller Kisunla® Fachinformation bei > 4 Mikrohämorrhagien im MRT-Ausgangsbefund vorliegt [1]. Das klinik-interne Memory-Board, das aus einem interdisziplinären Expertenteam zusammengesetzt ist, entschied für die Behandlung mit Kisunla®. Diese begann im Februar 2026 – mit positivem Verlauf: Nach einer 7-monatigen Therapie blieb der Patient eigen- und auch fremdanamnestisch kognitiv stabil (Tab. 1). Auch die Alltagsfähigkeiten (ADL) blieben unverändert – die Selbstständigkeit des Patienten also bisher stabil.
Tab. 1: Ergebnisse des CERAD-Plus-Tests vor und nach Beginn der AAT mit Kisunla® am 19.02.2026.

Kapazitätsplanung in der Praxis: Hohe Eignungsfilter und ambulante Verlegungen
Im Folgenden berichtete Dr. Hellmann-Regen von seinen Erfahrungen aus der Ressourcenplanung. Diesbezüglich ging der Neurologe auf unveröffentlichte Daten aus der Gedächtnissprechstunde der Charité Berlin am Campus Benjamin Franklin (CBF) ein. Diese zeigen, dass sich nur etwa 20 % der Patientinnen und Patienten bei ihrer Erstvorstellung für eine ATT eignen. Von dieser geeigneten Gruppe entschied sich die breite Mehrheit (87,9 %) für eine Behandlung mit Kisunla® (Abb. 2).
Hinsichtlich der Kapazitätsauslastung hob der Experte hervor, dass 18,2 % der Personen nach Beginn der ATT in die ambulante Weiterversorgung übergeben werden konnten. Dieser Übergang in den ambulanten Sektor schafft wertvolle Ressourcen und ermöglicht die Aufnahme neuer Betroffener in der Hochschulambulanz. In der Weiterversorgung können die behandelnden Ärztinnen und Ärzte auf eine gesicherte Diagnosestellung sowie erste Behandlungserfahrungen der individuellen Patientinnen und Patienten aufbauen. Mögliche Nebenwirkungen treten meist während der ersten Infusionen auf und werden im Arztbrief an das weiterbehandelnde Zentrum übermittelt. Patientinnen und Patienten profitieren ggf. von einer verkürzten Anfahrt. So entsteht eine Win-Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Positives Therapieerleben bei Patienten – und Angehörigen
Um eine erste Einschätzung zum Therapieerleben aus Patienten- und Angehörigensicht zu gewinnen, stellte Dr. Glanz seine Ableitungen aus einer internen Umfrage vor. Diese basierte auf einem Fragebogen mit insgesamt 21 Patientenfragen (16 strukturiert, 5 offen) und 9 Fragen für Angehörige. Laut dem Neurologen war die Rückmeldung positiv. Die Befragten gaben u. a. an, dass der organisatorische Mehraufwand wie z. B. mit Fahr- und Infusionszeit kaum als belastend empfunden wurde. Die Betroffenen nutzten demnach die regelmäßigen Infusionstermine zum Austausch mit anderen Patientinnen und Patienten.
Auch der klinische Verlauf wurde als überwiegend positiv wahrgenommen. Auf die offen formulierte Frage, ob sie sich nach einem Jahr Therapie wieder für die ATT entscheiden würden, antworteten alle Patientinnen und Patienten sowie deren Angehörige mit „Ja“.
Aus den Ergebnissen seiner Umfrage führte Dr. Glanz folgende Punkte ab:
Hohe Therapieakzeptanz und Zufriedenheit
Gute Aufklärung
Hohe Erwartungen und Hoffnung
Überraschend geringe Sorgen, auch bezüglich potenzieller Nebenwirkungen
Gute Verträglichkeit
Sein Fazit: Die ersten „Real-World“-Erfahrungen zeigen eine sehr hohe Akzeptanz und Zufriedenheit bei vergleichsweise geringer therapiebezogener Sorge und überwiegend stabil wahrgenommenem klinischen Verlauf. Auch Dr. Hellmann-Regen bestätigte diese Einschätzung. Als weiteren Faktor für die positiven Ergebnisse führt er an, dass Patientinnen und Patienten mit der Alzheimer-Krankheit in der Regel lange auf den Therapiebeginn warten müssen. Die Behandlung wird daher dankbar angenommen und entsprechend positiv bewertet.
CMAT-58635
Fachinformation Kisunla®
Pflichttext Kisunla®
Fußnoten
[a] Donanemab ist angezeigt für die Behandlung erwachsener Patienten mit einer klinischen Diagnose einer leichten kognitiven Störung und leichter Demenz infolge der Alzheimer-Krankheit (frühe symptomatische Alzheimer-Krankheit), die heterozygote Apolipoprotein E-ε4 (ApoE-ε4)-Träger oder ApoE-ε4-Nichtträger sind und bei denen eine Amyloid-Pathologie bestätigt wurde [2].
[b] Auswertung enthält nur Patient:innen der indizierten Population (ApoE-ε4-Träger und ApoE-ε4-Nichtträger), die in Monat 6, 12 oder 18 die Kriterien für eine Umstellung auf Placebo erfüllten (Amyloid-Level < 11 Centiloids bei einem PET-Scan oder < 25 Centiloids bei zwei aufeinander folgenden PET-Scans). Da in der LTE-Phase keine interne Placebokontrolle vorhanden war, wurden Teilnehmende aus der Alzheimer’s Disease Neuroimaging Initiative (ADNI) als externe Vergleichskohorte zur Bewertung der Wirksamkeit herangezogen. ADNI ist eine Forschungsstudie, die den natürlichen Verlauf der Alzheimer-Erkrankung untersucht. Eine ADNI-Kohorte (N = 210 zu Studienbeginn, Nachbeobachtung über 36 Monate) wurde so ausgewählt, dass sie hinsichtlich demografischer, klinischer und Biomarker-Merkmale zu Studienbeginn der Kernstudienpopulation entsprach, um als Referenzkohorte zu dienen. Es handelt sich somit nicht um eine direkte Vergleichsstudie zwischen dem Donanemab-/Placebo-Arm und der ADNI-Kohorte.
[c] ADNI ist eine Forschungsstudie, die den natürlichen Verlauf der Alzheimer-Erkrankung untersucht. Da in der LTE-Phase keine interne Placebokontrolle vorhanden war, wurden Teilnehmende aus der Forschungsstudie Alzheimer’s Disease Neuroimaging Initiative (ADNI), die den natürlichen Verlauf der Alzheimer Erkrankung untersucht, als externe Vergleichskohorte zur Bewertung der Wirksamkeit herangezogen. Dies ist eine übliche Vorgehensweise zur Darstellung von Langzeitdaten im Bereich der Alzheimer-Krankheit. Die ADNI Kohorte (n = 210) zu Studienbeginn, Nachbeobachtung über 36 Monate) wurde so ausgewählt, dass sie hinsichtlich demografischer, klinischer und Biomarker Merkmale zu Studienbeginn der Kernstudienpopulation entsprach, um als Referenzkohorte zu dienen. Es handelt sich somit nicht um eine direkte Vergleichsstudie zwischen dem Kisunla®-/Placebo-Arm und der ADNI-Kohorte.
[d] Zu den Symptomen von ARIA können Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Übelkeit, Erbrechen, Gang-/Standunsicherheit, Schwindelgefühl, Tremor, Sehstörungen, Sprachstörungen, Verschlechterung der kognitiven Funktion, Bewusstseinsveränderungen und Krampfanfälle gehören [2].
Quellen
Webcast „Reale Fälle, klare Wege: Der Patientenpfad von A bis Z“. Eli Lilly. September 2026.
Jessen F et al. Efficacy and safety of donanemab in the European eligible population: TRAILBLAZER-ALZ 2 post-hoc analyses. The Journal of Prevention of Alzheimer's Disease 2026;13:100605.
Zimmer JA et al. Donanemab in early symptomatic Alzheimer's disease: results from the TRAILBLAZER-ALZ 2 long-term extension. J Prev Alzheimers Dis. 2026;13(2):100446.
Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen
Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.
Jetzt bei Google bevorzugen