Anti-Amyloid-Therapien: Experten ziehen erste Bilanz zur Praxiserfahrung
Mit den Anti-Amyloid-Therapien stehen in der EU Antikörper zur Behandlung der frühen symptomatischen Alzheimer-Krankheit zur Verfügung. Experten ordnen die klinische Relevanz einer Therapie ein und teilen erste Erfahrungen aus dem Versorgungsalltag. Ein Praxisfall zeigt, wie sich der Diagnosealgorithmus und die Therapien in den Versorgungsalltag einbinden lassen.

Kisunla® verlangsamte Verlauf der Alzheimer-Krankheit durch Amyloid-Entfernung [a-d]
Mit der Zulassung der Anti-Amyloid-Therapien (ATTs) wie Kisunla® (Donanemab [a, 1]) rückt die kausale Behandlung der frühen symptomatischen Alzheimer-Krankheit zunehmend in den Fokus. Prof. Torsten Bartsch, Facharzt für Neurologie und leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie an der Universitätsklinik Schleswig-Holstein Campus Kiel, stellte die Datenlage zur Wirksamkeit und Sicherheit von Kisunla® vor und betonte die klinische Relevanz kleiner Differenzen im Clinical Dementia Rating – Sum of Boxes (CDR-SB) [2].
Die TRAILBLAZER-ALZ 2 Studie zeigte, dass Kisunla® den Abbau kognitiver und alltagsrelevanter Funktionen der frühen symptomatischen Alzheimer-Krankheit signifikant und klinisch relevant verlangsamen kann [c], so Prof. Bartsch [2]. Die Wirksamkeit des Antikörpers wurde in der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-III-Studie über 18 Monate (76 Wochen) u. a. mittels des CDR-SB [#] (klinischer Wirksamkeitsendpunkt) sowie weiterer Biomarker-Endpunkte bei 1.736 Patientinnen und Patienten mit MCI oder leichter Demenz aufgrund einer Alzheimer-Krankheit evaluiert [3].

Die Studie zeigte für Kisunla® eine schnelle und effektive Amyloid-Clearence. Bereits nach 6 Monaten war jeder 3. Patient (33 %) der indizierten Population [a] Amyloid-negativ [b]. Nach 1 Jahr stieg dieser Anteil auf 70 % an und nach 18 Monaten auf 81 % [b, d, 1, 3].
Je früher man im Erkrankungsstadium behandelt, desto größer ist auch der Behandlungseffekt, schlussfolgerte Prof. Bartsch bezüglich der Subgruppe mit geringer bis mittler Tau Last [2].
CDR im Kontext: 0,5 Punkte können über Selbstständigkeit entscheiden
In der TRAILBLAZER-ALZ 2 Studie zeigte sich in der indizierten Gesamtpopulation und in der Subgruppe mit geringer bis mittlerer Tau-Last ein signifikanter Vorteil im CDR-SB von Kisunla® vs. Placebo (Abb. 1) [1, 4]:
Nach 76 Wochen betrug die Differenz im CDR-SB 0,7 Punkte (p < 0,0001 vs. Placebo).
In der Praxis stellt sich die Frage, ob 0,7 Punkte auf einer 18-Punkte-Skala spürbar sind. Prof. Bartsch betonte, dass eine Verschlechterung im CDR-SB von 0,5 auf 1,0 Punkt die Alltagsaktivitäten bereits erheblich beeinträchtigen kann [2]. In der Kategorie „Gedächtnis“ kann dies den Übergang ins Demenzstadium markieren [2]. Bei „Leben in Gemeinschaft & Haushalt und Hobbys“ kann es den Verlust der Selbstständigkeit und das Aufgeben komplexer Hobbys bedeuten, machte Prof. Bartsch deutlich [2].
„Das bedeutet: Wir haben einen kleinen numerischen Sprung, aber doch einen sehr großen qualitativen Sprung in der Funktionsfähigkeit in diesem Bereich“, so Prof. Bartsch [2].
LTE-Daten zu Kisunla®: Klinischer Effekt nahm auch nach Therapieende zu
Prof. Bartsch ging auf die doppelt-verblindete TRAILBLAZER-ALZ 2 long-term-extension-(LTE-)Studie ein, zu deren Beginn alle Patientinnen und Patienten der indizierten Gesamtpopulation aufgrund Erreichens der Amyloid-Negativität bereits auf Placebo umgestellt und für weitere 1,5 Jahre nachbeobachtet wurden [2]. Trotz Therapieende mit Kisunla® nahm die CDR-SB-Differenz im Vergleich zu einer unbehandelten externen ADNI(Alzheimer's Disease Neuroimaging Initiative)-Kohorte [e] kontinuierlich zu [4, 5]:
Die Differenz erhöhte sich auf dem CDR-SB von 0,7 Punkten nach 18 Monaten auf 1,1 Punkte nach 36 Monaten.
„Wir sehen hier, dass […] nach 18 Monaten die Schere zwischen der Placebo-Kohorte und den fertigbehandelten Patienten noch weiter auseinander geht. D. h. man könnte den Schluss ziehen, dass der Effekt und teils der Nutzen weiter zunimmt über die Zeit,“ deutete Prof. Bartsch die Langzeitdaten zu Kisunla® [2].
Zum Thema Therapiesicherheit merkte Prof. Bartsch an: Die schrittweise Titration von Kisunla® in der TRAILBLAZER-ALZ 6 Studie konnte die Rate ATT-typischer Amyloid-bedingter Bildgebungsanomalien (ARIA) [f] signifikant senken vs. der ursprünglichen Dosierung aus der TRAILBLAZER-ALZ 2 Studie [g]. Daher sei die Titration Standard in Europa [2].
Wie bei der Kisunla®-Therapie vorgehen?
Einen Einblick in seine Praxiserfahrung und den klinischen Alltag gab Dr. med. Stefan Ries, Facharzt für Neurologie am NeuroCentrum Science Erbach im Odenwald [2]. Er behandelt seit November 2025 Patientinnen und Patienten mit früher symptomatischer Alzheimer-Erkrankung mit Kisunla®. Dass die ATT bereits im Praxisalltag verankert sind, verdeutlichen seine Patientenzahlen [2]:
Es befinden sich ca. 30 Patientinnen und Patienten unter aktiver ATT in seiner Behandlung.
Pro Woche werden in der Regel 2 neu Diagnostizierte auf ATTs eingestellt.
Die Therapie mit Kisunla® kann – trotz initialer Komplexität – gut in routinierte Praxisabläufe integriert werden, betonte Dr. Ries [2].
Case Study „Memory Complainer“ – Vom Initialverdacht zur Kisunla®-Therapie
Anhand des Falls eines 69-jährigen pensionierten Ingenieurs erläuterte Dr. Ries den Ablauf der Einstellung auf Kisunla® [2].
Patient mit leichten Gedächtnisbeschwerden wird vorstellig
Der 69-jährige Patient steht mitten im Leben, hat aber seit einiger Zeit den Eindruck, vermehrt Dinge zu vergessen. Seine Kinder haben ihn bereits darauf angesprochen. Im Alltag besteht keine Beeinträchtigung. Der Patient hat eine arterielle Hypertonie. Medikamente: Candesartan, keine Anticholinergika [2].
Klinischer Blick: Dr. Ries rät frühe „Memory Complaints“ abzuklären, um die Behandlungsoptionen der ATT anbieten zu können. Voraussetzungen für eine ATT sind u. a.: Blutdruck stabil unter Candesartan, Patient nimmt keine Medikamente ein, die die Kognition negativ beeinflussen [2].
Neuropsychologische Diagnostik: Liquor- und MRT-Befundung
Neuropsychologie: Im Montreal Cognitive Assessment (MoCA)-Test erzielte der 69-Jährige 20 Punkte. Auffälligkeiten, zeigten sich in der Merkfähigkeit, der Wortflüssigkeit und im visuospartialen Bereich [2].
Kraniales MRT: Der Befund ist altersgemäß unauffällig. Es gibt keine Hinweise auf eine ausgeprägte Enzephalopathie, auf ältere Blutungsereignisse oder Mikroblutungen. Altersgemäß normales Hippocampus-Volumen [2].
Liquordiagnostik: β-Amyloid 1–42 ist reduziert, β-Amyloid-Ratio reduziert, p-Tau 181 und T-Tau sind erhöht [2].
Klinischer Blick: Eine enge Vernetzung mit der Radiologie sei für die Kontroll-MRT essenziell, so Dr. Ries. Das MRT sollte immer im selben Radiologie-Zentrum an demselben Scanner durchgeführt werden – analog zum Vorgehen bei Multipler Sklerose. Der Neurologe führt wöchentlich zwei bis fünf Lumbalpunktionen durch. Seine Erfahrung: Die Punktion werde bei guter Aufklärung so gut wie nie abgelehnt [2].
Diagnose und Therapie
Bei dem 69-jährigen Patienten wurde die Diagnose leichte kognitive Störung (MCI, F06.7) gestellt. Nach Ausschluss einer Homozygotie in der ApoE4-Testung wurde die Therapie mit Kisunla® eingeleitet. Bislang hat der Pensionär einen unkomplizierten Verlauf. Der Fall des Ingenieurs zeige, dass frühes Handeln die Behandelbarkeit sichert [2].
„Ich finde es eine unglaublich spannende Zeit […], ich glaube wirklich, nach all den Jahren, in denen wir unseren Patienten mit dieser verheerenden Diagnose nicht wirklich etwas an die Hand geben können […], ist das jetzt eine neue Ära und wir sind […] nicht nur gespannt, sondern wirklich hoffnungsfroh, […] weil wir glauben, dass wir vielen Patienten und Familien erheblich helfen können mit diesen neuen therapeutischen Optionen“, so Dr. Ries [2].
Mit dem 4-wöchigen Infusionsintervall und der schrittweisen Aufdosierung sei die Behandlung mit Kisunla® in der Niederlassung praktikabel, betonte Dr. Ries. Von den Abklärungsalgorithmen bis zur Gabe eines Amyloid-Antikörpers vergehen im Durchschnitt sechs bis acht Wochen, berichtete er und verwies für Kontraindikationen auf die Fachinformation [1, 2].
FAZIT: Networking – Wissen verknüpfen, Demenz verlangsamen
Beide Experten betonten, dass sich nur durch gezielte synergetische Bündelung diagnostischer und therapeutischer Ressourcen der Krankheitsverlauf verlangsamen lässt [2].
Dr. Ries resümierte, dass Memory Complainer in neurologischen und vernetzten Hausarztpraxen identifiziert werden können, vorausgesetzt die diagnostische Initiative wird ergriffen [2]. Er ging auf die Doppelrolle der Hausärztinnen und Hausärzte ein, die nicht nur Anlaufstelle für die Identifizierung potenzieller Patientinnen und Patienten für die ATTs sind, sondern auch Prävention leisten: „Wir brauchen die Hausärzte, denn wir wissen, dass die Inzidenz und Prävalenz der Alzheimer-Krankheit in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Und warum ist das der Fall? Weil die Hausärzte […] das Cholesterin einstellen, den Blutdruck einstellen und die ganzen vaskulären Risikofaktoren“ [2].
Prof. Bartsch ergänzte, dass die Implementierung der Therapie mit Kisunla® in einem interdisziplinären Netzwerk aus spezialisierten Neurologen (Psychiater/Geriater), Radiologen, Hausärzten, und unter Einbindung von Familienangehörigen und ggf. Psychotherapeuten und Ergotherapeuten gut abbildbar sei [2].
Hausarztpraxen ermöglichen die Evaluation der für die Kisunla®-Therapie infrage kommenden Patientinnen und Patienten und managen Begleiterkrankungen oder Ernährungsberatung.
Die Kooperation neurologischer und radiologischer Praxen sei essenziell zur MRT-Überwachung, z. B. im Rahmen des kontrollierten Zugangsprogramms (CAP).
Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten unterstützen u. a. beim Erhalt der Alltagsaktivitäten mit Ergotherapie oder kognitivem Training [2].
Laut Dr. Ries schaffe das „Auswaschen des Amyloids“ Raum für rehabilitative Maßnahmen. Im frühen Krankheitsverlauf müsse künftig eine ganzheitliche Begleitung mit körperbezogenen, psychosozialen und kognitiven Verfahren stattfinden, erklärte er. Zudem seien Begleitangebote, wie z. B. die Lilly-Plus-Therapiebegleitung, essenziell für Erkrankte [2]. „[…] Wir brauchen den informierten Patienten, wir brauchen die informierten Angehörigen, um eben das bestmögliche Therapieergebnis zu erreichen“, betonte Dr. Ries [2].
Mit Kisunla® steht ein Antikörper zur Behandlung von Patientinnen und Patienten in einem frühen symptomatischen Stadium der Alzheimer-Krankheit (leichte kognitive Störung [mild cognitive impairment, MCI] oder leichte Demenz) zur Verfügung, bei denen Amyloid-β (Aβ) mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET) oder im Liquor nachgewiesen wurde und die einen negativen oder heterozygoten ApoE-ε4-Status aufweisen (indizierte Population) [1].
Kisunla® ist die derzeit einzige in Europa zugelassene Anti-Amyloid-Therapie (ATT), für die ein Therapieende nach Plaques-Entfernung oder nach spätestens 18 Monaten empfohlen wird [1, 3].
CMAT-27380
Pflichttext Kisunla®
Fußnoten
[#] Der CDR-SB erfasst den Schweregrad der kognitiven und funktionellen Beeinträchtigungen in den Bereichen Erinnerung, Orientierung, Urteilsvermögen, gesellschaftliche Aktivitäten, Haushalt und Hobbys und Körperpflege.
[a] Donanemab ist angezeigt für die Behandlung erwachsener Patienten mit einer klinischen Diagnose einer leichten kognitiven Störung und leichter Demenz infolge der Alzheimer-Krankheit (frühe symptomatische Alzheimer-Krankheit), die heterozygote Apolipoprotein E-ε4 (ApoE-ε4)-Träger oder ApoE-ε4-Nichtträger sind und bei denen eine Amyloid-Pathologie bestätigt wurde [1].
[b] Die Entfernung von Amyloid-Plaques (Amyloid-Negativität) ist definiert als < 24,1 Centiloide im Amyloid-PET-Scan. Die Behandlung mit Kisunla® sollte so lange fortgesetzt werden, bis die Amyloid-Plaques entfernt sind (z. B. bis zu 6 oder 12 Monate). Die maximale Behandlungsdauer beträgt 18 Monate und sollte nicht überschritten werden, auch wenn die Plaques-Entfernung nicht bestätigt wird [1].
[c] Für die indizierte Gesamtpopulation zeigte sich auf der Integrated Alzheimer Disease Rating Scale (iADRS) eine Verlangsamung von 20 % unter Kisunla® vs. Placebo. In der indizierten Population mit niedriger bis mittlerer Tau-Last betrug die Verlangsamung im iADRS 34 % unter Kisunla® vs. Placebo [4].
[d] Die hier dargestellten Daten beziehen sich auf die indizierte Population [a], die heterozygote ApoE-ε4-Träger und ApoE-ε4-Nichtträger umfasst.
[e] ADNI ist eine Forschungsstudie, die den natürlichen Verlauf der Alzheimer-Erkrankung untersucht. Eine ADNI-Kohorte (N = 210 zu Studienbeginn, Nachbeobachtung über 36 Monate) wurde so ausgewählt, dass sie hinsichtlich demografischer, klinischer Biomarker-Merkmale zu Studienbeginn der Kernpopulation entsprach, um als Referenzkohorte zu dienen. Es handelt sich somit nicht um eine direkte Vergleichsstudie.
[f] Zu den Symptomen von ARIA können Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Übelkeit, Erbrechen, Gang-/Standunsicherheit, Schwindelgefühl, Tremor, Sehstörungen, Sprachstörungen, Verschlechterung der kognitiven Funktion, Bewusstseinsveränderungen und Krampfanfälle gehören [1].
[g] Die Aussage bezieht sich auf die Gesamtpopulation der TRAILBLAZER-ALZ 6 Studie inkl. homozygoter ApoE-ε4-Trägerinnen und -Träger, in der die von der EMA zugelassene Dosierung 350 mg für die erste Dosis, 700 mg für die zweite Dosis und 1.050 mg für die dritte Dosis, gefolgt von 1.400 mg alle 4 Wochen, untersucht wurde [1, 3, 6].
Quellen
Webcast Kisunla®: Neueste Daten und Erfahrungen aus Klinik und Praxis. Eli Lilly. März 2026
Sims JR et al. Kisunla® in Early Symptomatic Alzheimer Disease: The TRAILBLAZER-ALZ 2 Randomized Clinical Trial. JAMA 2023; 330(6): 512–527.
Lilly data on file für die indizierte Population basierend auf der TRAILBLAZER-ALZ 2 Studie.
Zimmer JA et al.: 2026. Donanemab in early symptomatic Alzheimer's disease: results from the TRAILBLAZER-ALZ 2 long-term extension. J Prev Alzheimers dis. 13(2): 100446.
Wang H et al.: The effect of modified donanemab titration on amyloid-related imaging abnormalities with edema/effusions and amyloid reduction: 18-month results from TRAILBLAZER-ALZ 6. J Prev Alzheimers Dis 2025: 100266. [Epub ahead of print].