Anti-Amyloid-Therapien im Praxischeck: Wie verändern sie die Alzheimer-Versorgung?
Wie verändert die Verfügbarkeit von Anti-Amyloid-Therapien die Versorgung von Menschen mit früher symptomatischer Alzheimer-Krankheit in Deutschland? Prof. Timo Grimmer berichtet aus der klinischen Praxis am TUM-Klinikum über Chancen, organisatorische Anforderungen und die Bedeutung realistischer Erwartungen für Patient:innen mit Alzheimer-Krankheit. Drei Kurzvideos ergänzen seine Einblicke um internationale Perspektiven, darunter ein spannender Patientenfall aus dem Vereinigten Königreich.

Mit der Verfügbarkeit von Anti-Amyloid-Therapien (ATTs), wie Kisunla® (Donanemab) [a], hat sich das therapeutische Spektrum bei der frühen symptomatischen Alzheimer-Krankheit erweitert [1, 2]. Kisunla® ist eine kausale [b] Therapie der frühen symptomatischen Alzheimer-Krankheit und kann bei geeigneten Patient:innen den kognitiven sowie funktionellen Abbau verlangsamen und so die Selbstständigkeit [c] länger erhalten [1-4]. Für Ärzt:innen eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten.
Zugleich steigen die Anforderungen an eine frühzeitige, biomarkerbasierte Diagnostik, die sorgfältige Auswahl geeigneter Patient:innen, die gemeinsame Nutzen-Risiko-Abwägung und eine strukturierte Therapiebegleitung – entsprechend den Empfehlungen der aktuellen S3-Leitlinie Demenzen [5].
Wie sich diese Anforderungen in der deutschen Versorgungspraxis darstellen, erläutert Prof. Dr. Timo Grimmer vom TUM Klinikum Rechts der Isar München im Interview. Gemeinsam mit seinem Team hat er seit November 2025 einige Dutzend Patient:innen auf Kisunla® eingestellt. Seine bisherigen Beobachtungen zeigen: Das Interesse ist groß; zugleich sind für die Therapieumsetzung in den im Rahmen des kontrollierten Zugangsprogramms (CAP) registrierten Fachzentren einige praktische Dinge zu berücksichtigen.
Neue Perspektiven für Patient:innen mit Alzheimer-Krankheit
Für Prof. Grimmer stehen ATTs für einen wichtigen Fortschritt in der Alzheimer-Behandlung: „Von unserer Seite wurden diese neuen Therapien schon sehnsüchtig erwartet. […] Uns steht nun eine neue Klasse von Alzheimer-Therapeutika mit wirklich neuartigem Wirkmechanismus zur Verfügung, die sich komplett von den bisherigen Antidementiva unterscheidet“.
Donanemab (Kisunla®) ist indiziert für Patient:innen mit klinischer Diagnose einer leichten kognitiven Störung oder leichten Demenz infolge der Alzheimer-Krankheit (frühe symptomatische Alzheimer-Krankheit), die heterozygote Apolipoprotein E-ε4 (ApoE-ε4)-Träger oder ApoE-ε4-Nichtträger sind und bei denen eine Amyloid-Pathologie bestätigt wurde [1].
Das Interesse der Betroffenen an Therapien wie Donanemab sei groß. Viele Betroffene und Angehörige verbinden mit der Therapie die Hoffnung, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Prof Grimmer betont: „Donanemab hat gegenüber Placebo im Verlauf ca. ein Drittel Verzögerung gezeigt. Das bedeutet für die Patienten, dass sie signifikant länger in dem gegebenen Stadium ihrer Krankheit verbleiben.“ Diese Aussicht sei für viele ein zentraler Grund, sich für die Behandlung zu entscheiden.
Darüber hinaus gäbe es aber auch noch andere Gründe für die Entscheidung für eine Therapie mit Donanemab: „Es gibt Patienten, die ungerne dauernd und für immer zum Arzt gehen wollen. Gerade für solche Patienten können die Spezifika, dass man nur alle vier Wochen eine Infusion benötigt und dass auch nach maximal 18 Monaten ein Ende der Therapie mit Donanemab abzusehen ist, ein motivierendes Element sein“, erklärt Prof. Grimmer.
Mehr denn je: Aufklärung als Schlüssel
Neben der Hoffnung, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen, muss auch der Aufwand berücksichtigt werden: Regelmäßige Infusionen, MRT-Kontrollen und wiederholte Kontrolltermine erfordern Zeit und Engagement von Patient:innen und Angehörigen. Nach Prof. Grimmers Erfahrung entscheiden sich deshalb nicht alle Interessierten für eine Behandlung. Umso wichtiger ist eine umfassende Aufklärung: Patient:innen und Angehörige sollten vor Therapiebeginn wissen, welche Ziele realistisch sind und welche Anforderungen die Behandlung mit sich bringt. „Das Wichtigste ist, dass die Betroffenen und Angehörigen vorher wissen, was sie erwartet“, fasst Prof. Timo Grimmer zusammen.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Erfolgsfaktor
Die Einführung krankheitsmodifizierender Therapien verändert nicht nur die Behandlungsmöglichkeiten, sondern auch die organisatorischen Abläufe. Anders als bei einer klassischen Arzneimitteltherapie sind zahlreiche Fachbereiche in Diagnostik, Therapie und Monitoring eingebunden. „Für eine erfolgreiche Behandlung müssen Absprachen mit der (Neuro-)Radiologie, Nuklearmedizin und Apotheke getroffen werden“, so Prof. Grimmer. Gleichzeitig berichtet Prof. Grimmer von einer insgesamt guten praktischen Umsetzbarkeit. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen träten zwar auf, seien bislang jedoch in einem beherrschbaren Rahmen geblieben.
Für die Zukunft wünscht sich Prof. Grimmer: „In fünf Jahren haben wir hoffentlich erst mal die Verfügbarkeit der jetzigen Therapien auf eine deutlich breitere Basis gestellt. Hoffentlich haben wir dann eine Verfügbarkeit krankheitsmodifizierender Therapien auch für Menschen […], die wir im Moment nicht behandeln können. Das betrifft z. B. Patienten mit ApoE-ε4-Homozygotie“.
Internationale Perspektiven ergänzen die Erfahrungen aus Deutschland
Drei Kurzvideos runden die Einblicke aus Deutschland mit internationalen Erfahrungen ab. Sie greifen zentrale Aspekte auf, die auch für die Versorgungspraxis hierzulande relevant sind.
Fallbeispiel: Ärztin mit früher symptomatischer Alzheimer-Krankheit [6]
Besonders spannend ist der Blick ins Vereinigte Königreich, wo Kisunla® ein Jahr früher als in der EU zugelassen wurde. Dr. Emer MacSweeney (London) verdeutlicht am Fall einer 59-jährigen ehemaligen Krankenhausärztin den Weg von ersten subtilen Veränderungen bis zur diagnostischen Abklärung und Therapie. Erfahren Sie, welche Bedeutung einer frühzeitigen, fundierten Diagnose zukommt und welche Auswirkungen sie auf Alltag und persönliche Ziele Ihrer Patient:innen haben kann.
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Wie Expert:innen Alzheimer-Diagnosen vermitteln [7]
Internationale Expert:innen berichten, wie sie Diagnosegespräche gestalten und welche Erwartungen Patient:innen und Angehörige an neue Behandlungsmöglichkeiten herantragen. Im Video sehen Sie, wie wichtig dabei eine empathische Kommunikation und eine realistische Einordnung der Therapieziele sind.
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Therapieziele in der Praxis mit ATTs [8]
Das Video beleuchtet, was ein Therapieerfolg für Betroffene konkret bedeuten kann, darunter ein möglichst langer Erhalt von Selbstständigkeit und sozialer Teilhabe. Sie erhalten außerdem einen praxisnahen Überblick darüber, welche Diagnostik, Aufklärung und Strategien zum Management von Amyloid-bedingten Bildgebungsanomalien (ARIA) bei einer Anti-Amyloid-Therapie nötig sind.
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Fazit und Blick in die Zukunft
Für Prof. Grimmer markieren ATTs erst den Beginn einer Entwicklung, die die Alzheimer-Versorgung langfristig verändern könnte. Sein Wunsch für die kommenden Jahre: eine breitere Verfügbarkeit der bestehenden Therapien, noch frühere Diagnosemöglichkeiten und weitere Behandlungsoptionen für Patientengruppen, die derzeit noch nicht behandelt werden können.
CMAT-46517
[a] Kisunla® (Donanemab) ist angezeigt für die Behandlung erwachsener Patienten mit einer klinischen Diagnose einer leichten kognitiven Störung und leichter Demenz infolge der Alzheimer-Krankheit (frühe symptomatische Alzheimer-Krankheit), die heterozygote Apolipoprotein E-ε4 (ApoE-ε4)-Träger oder ApoE-ε4-Nichtträger sind und bei denen eine Amyloid-Pathologie bestätigt wurde [1].
[b] Die Ablagerung von β-Amyloid in Form von Plaques wird als eine der wesentlichen Ursachen für die Entstehung der Alzheimer-Krankheit erachtet [4]. Donanemab bindet an N3pE-Aβ und unterstützt die Amyloid-Plaques-Entfernung, definiert als Unterschreitung von 24,1 Centiloids im Amyloid-PET-Scan [1].
[c] Durch signifikant reduziertes Risiko, in eine mittelschwere Demenz fortzuschreiten [2, 3].
Quellen
Sims JR et al. JAMA. 2023;330(6): 512-527.
Jessen F et al. J Prev Alzheimers Dis. 2026;13(8):100605 (Supplement). Post-hoc-Analyse der TRAILBLAZER-ALZ 2 Studie für die indizierte Population bestehend aus heterozygoten ApoE-ε4-Trägern und ApoE-ε4-Nichtträgern. doi: https://doi.org/10.1016/j.tjpad.2026.100605 .
Jessen F et al. J Prev Alz Dis. 2024;11(5):1212-1218.
S3-Leitlinie Demenzen, Version 6.1, 27.04.2026, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013 (Letzter Zugriff am 13.08.2026).
Video: Eine Ärztin wird selbst zur Patientin mit früher symptomatischer Alzheimer-Krankheit. Eli Lilly and Company.
Video: Was wir tragen: Realitäten in der Versorgung und Behandlung der Alzheimer-Krankheit. Eli Lilly and Company.
Video: Von der Therapie zum Ergebnis: Praxiserfahrungen mit Anti-Amyloid-Therapien (ATTs). Eli Lilly and Company.
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