„Menschen mit früher symptomatischer Alzheimer-Krankheit können von der Therapie profitieren“
Nach den ersten sechs Monaten mit den neuen Anti-Amyloid-Antikörpern zieht Prof. Thomas Duning Bilanz. Ein Interview über seine praktischen Erfahrungen, den transparenten Umgang mit den Erwartungen der Betroffenen und die Integration der Therapie in den neurologischen Alltag. Erfahren Sie, wie sein persönliches Fazit zur neuen Behandlungsrealität ausfällt.

Seit November 2025 erweitert Kisunla® (Donanemab) [a] das therapeutische Spektrum bei früher symptomatischer Alzheimer-Krankheit in der EU [1]. Prof. Thomas Duning ist Chefarzt der Klinik für Neurologie am Klinikum Bremen Ost. Er hat seit dem Launch rund 50 Patientinnen und Patienten auf den neuen Antikörper eingestellt und verfügt damit über eine erste Praxiserfahrung mit den innovativen Alzheimer-Therapien.
Im Interview zieht er ein persönliches Fazit zur Verträglichkeit und der administrativen Umsetzbarkeit der Therapie. Er berichtet, wie sich die neue Therapie in den klinischen Alltag integrieren lässt und welche Rolle das Management von Erwartungen und Nebenwirkungen dabei spielt.

Herr Prof. Duning, wie bewerten Sie die aktuelle Zulassungssituation der Anti-Amyloid-Antikörper?
Nach Jahrzehnten klinischer Stagnation erleben wir mit der Zulassung einen echten Paradigmenwechsel. Das zeigt sich schon im enormen wissenschaftlichen Interesse auf Fachkongressen: Wo früher 12 Teilnehmende saßen, füllen heute 600 Interessierte die Säle.
Insgesamt sind die Anti-Amyloid-Therapien (ATT) ein Meilenstein, der die Art und Weise, wie wir degenerative Erkrankungen betrachten und behandeln, nachhaltig verändern wird. So rückt mit den neuen therapeutischen Optionen eine frühere und einfachere Diagnostik der frühen symptomatischen Alzheimer-Erkrankungen in das Zentrum des Interesses, z. B. mittels digitaler oder blutbasierter Biomarker. Ich denke, dass sich die Anti-Amyloid-Therapien bei der Behandlung der frühen symptomatischen Alzheimer-Krankheit weiter etablieren werden – ggf. mit neuen Applikationsformen oder Methoden.
Welches Ziel verfolgen Sie mit der Anti-Amyloid-Therapie und wie sieht ein realistisches Erwartungsmanagement gegenüber den Patientinnen und Patienten aus?
In Bremen sind es bisher 50 Patientinnen und Patienten mit früher symptomatischer Alzheimer-Krankheit, bei denen wir eine Therapie mit dem Anti-Amyloid Antikörper Kisunla® begonnen haben. Bei diesen Patientinnen und Patienten ist die Erwartungshaltung hoch. Hier ist Transparenz in der Kommunikation entscheidend. Wir können die Alzheimer-Krankheit aktuell nicht heilen oder bestehende Defizite revidieren. Ziel der Therapie ist eine signifikante Verlangsamung des Fortschreitens: Die Studiendaten zeigen eine Reduktion der Krankheitsprogression um etwa 30 % [2]. Wie viel Zeit eine Patientin oder ein Patient hierdurch gewinnt, ist schwer zu beziffern, da die Verläufe interindividuell stark variieren. Dennoch ist das Ziel klar definiert: Wir wollen den Übergang in einen „galoppierenden Progress“ verhindern. Die Patienten sind meist gut informiert und auch sehr erleichtert, wenn sie für die Therapie infrage kommen. Andersherum gibt es Fälle, in denen das MRT eine Kontraindikation offenbart. Es ist eine schwierige Situation, Patientinnen oder Patienten mitteilen zu müssen, dass für sie aktuell keine krankheitsmodifizierende Therapieoption zur Verfügung steht, nachdem die Hoffnung durch die neue Wirkstoffklasse geweckt wurde.
Welche diagnostischen Hürden sehen Sie für eine Indikationsstellung?
Die Einleitung einer krankheitsmodifizierenden Therapie erfordert zwingend eine Biomarker-bestätigte Diagnose. Aktuell stützen wir uns hierbei primär auf die Liquordiagnostik (Aβ42/40-Ratio, p-Tau) oder das Amyloid-PET. Wenn ich jemanden für eine Antikörper-Therapie geeignet halte, erfolgt vor der invasiven Diagnostik eine klinisch-neurologische Untersuchung und eine objektive kognitive Evaluation mittels Kurztests, wobei der MoCA-Test (Montreal Cognitive Assessment) aufgrund seiner höheren Sensitivität im Frühstadium dem klassischen MMST vorzuziehen ist.
Kisunla® ist seit etwa einem halben Jahr im Einsatz. Welche Rückmeldung erhalten Sie von Ihren Patientinnen und Patienten?
Die Wahl zwischen den beiden aktuell verfügbaren Antikörpern erfolgt in Abstimmung mit der Patientin bzw. dem Patienten. Beide Optionen sind wirksam, unterscheiden sich jedoch im Regime. Einen wesentlichen Vorteil von Kisunla® sehe ich in der geringeren Applikationsfrequenz von 4 Wochen und der potenziellen Endlichkeit der Therapie: Bei Erreichen einer vollständigen Amyloid-Clearance kann die Behandlung beendet werden oder spätestens nach 18 Monaten [1, f]. In der Aufklärung führt dieser Punkt oft zu Rückfragen: Patientinnen und Patienten befürchten, dass ein Therapieende zu einer raschen Verschlechterung führen könnte. Hier verweisen wir auf die aktuelle Datenlage: Langzeitdaten über 3 Jahre zeigen, dass der entschleunigende Effekt auch nach dem Absetzen der Medikation nachhaltig anhielt [3]. Das mildert bei den Patientinnen und Patienten die Angst vor dem Ende der aktiven Infusionsphase.
Insgesamt empfanden meine Patientinnen und Patienten die intravenöse Gabe nach einer initialen Gewöhnungsphase oft als weniger zeitaufwendig und belastend als ursprünglich erwartet.
Welche Erfahrungen haben Sie in der klinischen Anwendung von Kisunla® mit Nebenwirkungen gemacht?
Vergleichbar mit anderen etablierten Antikörpertherapien z. B. bei Multipler Sklerose kann es bei den Anti-Amyloid-Antikörpern zu milden lokalen Reaktionen kommen. Durch eine konsequente Prämedikation, u. a. mit Antihistaminika, bei der ersten Infusion ist die Therapie insgesamt sehr gut verträglich.
Gleichzeitig führt die mediale Präsenz von potenziellen Nebenwirkungen wie die Amyloid-bedingten Bildgebungsanomalien, sogenannte ARIA, zur Verunsicherung der Patientinnen und Patienten, die wir sehr ernst nehmen. Hier ist eine detaillierte Aufklärung essenziell. Wir begegnen diesen Sorgen mit einem engmaschigen Sicherheitsmonitoring gemäß der Fachinformation: Durch regelmäßige MRT-Kontrollen, insbesondere in der Initialphase der ARIA-Detektion, sind schwere Nebenwirkungen in unserer Klinik bis dato nur selten vorgekommen. Diese enge Bindung an das Zentrum wirkt deeskalierend. Die Patienten wissen, dass wir bei akuten Symptomen jederzeit erreichbar sind. Interessanterweise beobachten wir in der Real-World-Anwendung eine ARIA-Frequenz im einstelligen Prozentbereich, also deutlich unter den Raten der Zulassungsstudien. Dies liegt wahrscheinlich an der strengen Patientenselektion, am optimierten Aufdosierungsschema und der engmaschigen neuroradiologischen Überwachung.
Wie lassen sich solche komplexen Therapien in die bestehende Versorgungslandschaft integrieren?
Der Erfolg hängt maßgeblich von effizienten Netzwerken ab. Wir haben ein Zuweiserkonzept mit einem „Fast-Track“ für niedergelassene Kollegen etabliert. Klare Verantwortlichkeiten für Genetik, Biomarker-Diagnostik und die neuroradiologische Befundung nach speziellen ARIA-Schemata sind essenziell. Da das ARIA-Risiko nach den ersten 6 Monaten deutlich sinkt, bietet sich hier eine Chance für die ambulante Fortführung der Therapie, was die Zentren entlastet. Denn nach dem ersten halben Jahr nach Zulassung und Verfügbarkeit von Kisunla® haben wir mehr Anmeldungen als Plätze.
Neben den neuen Therapieoptionen: Welchen Stellenwert nimmt die Prävention in Ihrem Konzept ein?
Neben diesen neuen therapeutischen Möglichkeiten bleibt die Prävention eine wichtige Säule. Hier gilt es, sich auf evidenzbasierte Faktoren zu fokussieren: Optimale Einstellung von Bluthochdruck und weiterer Gefäßrisikofaktoren, soziale Interaktion, die Korrektur von Sinnesdefiziten durch Hörgeräte oder Brillen und die Vermeidung von Kopftraumata. Wir sollten anbieten, was für die Patientin und den Patienten möglich ist und was in dem Alter am ehesten notwendig ist. Ich glaube, wir erreichen nicht viel, wenn wir stattdessen die komplette Askese predigen.
In der Summe lässt sich sagen: Die Anti-Amyloid-Therapien eröffnen eine Perspektive der Verlangsamung der Erkrankung, von der Menschen mit früher Alzheimer-Krankheit profitieren können.
Herr Prof. Duning, vielen Dank für das Gespräch.
CMAT-31395
Fachinformation und Pflichttext
Fußnoten
[a] Donanemab ist angezeigt für die Behandlung erwachsener Patienten mit einer klinischen Diagnose einer leichten kognitiven Störung und leichter Demenz infolge der Alzheimer-Krankheit (frühe symptomatische Alzheimer-Krankheit), die heterozygote Apolipoprotein E-ε4 (ApoE-ε4)-Träger oder ApoE-ε4-Nichtträger sind und bei denen eine Amyloid-Pathologie bestätigt wurde [1].
[b] Der CDR-SB erfasst den Schweregrad der kognitiven und funktionellen Beeinträchtigungen in den Bereichen Erinnerung, Orientierung, Urteilsvermögen, gesellschaftliche Aktivitäten, Haushalt und Hobbys und Körperpflege.
[c] Die indizierte Population [a] umfasst heterozygote ApoE-ε4-Träger und ApoE-ε4-Nichtträger.
[d] Kisunla® bindet an N3pE-Aβ und unterstützt die Amyloid-Plaques-Entfernung, definiert als Unterschreitung von 24,1 Centiloide im Amyloid-PET-Scan [1]. Die Ablagerung von β-Amyloid in Form von Plaques wird als eine der wesentlichen Ursachen für die Entstehung der Alzheimer-Krankheit erachtet [3].
[e] Die hier dargestellten Daten beziehen sich auf die indizierte Population [a], die heterozygote ApoE-ε4-Träger und ApoE-ε4-Nichtträger umfasst.
[f] Die Behandlung sollte so lange fortgesetzt werden, bis die Amyloid-Plaques entfernt sind (z. B. bis zu 6 oder 12 Monate). Die Entfernung der Amyloid-Plaques sollte durch einen validierten Test bestätigt werden. Die maximale Behandlungsdauer beträgt 18 Monate und sollte nicht überschritten werden, auch wenn die Entfernung der Amyloid-Plaques nicht bestätigt wird [1].
[g] ADNI ist eine Forschungsstudie, die den natürlichen Verlauf der Alzheimer-Erkrankung untersucht. Da in der LTE-Phase keine interne Placebokontrolle vorhanden war, wurden Teilnehmende aus der Forschungsstudie Alzheimer’s Disease Neuroimaging Initiative (ADNI), die den natürlichen Verlauf der Alzheimer‑Erkrankung untersucht, als externe Vergleichskohorte zur Bewertung der Wirksamkeit herangezogen. Dies ist eine übliche Vorgehensweise zur Darstellung von Langzeitdaten im Bereich der Alzheimer-Krankheit. Die ADNI‑Kohorte (n = 210) zu Studienbeginn, Nachbeobachtung über 36 Monate) wurde so ausgewählt, dass sie hinsichtlich demografischer, klinischer und Biomarker‑Merkmale zu Studienbeginn der Kernstudienpopulation entsprach, um als Referenzkohorte zu dienen. Es handelt sich somit nicht um eine direkte Vergleichsstudie zwischen dem Kisunla®-/Placebo-Arm und der ADNI-Kohorte.
[h] In der indizierten Population der TRAILBLAZER-ALZ 2 Studie mit heterozygoten ApoE-ε4-Trägern und ApoE-ε4-Nichtträgern.
[i] Zu den Symptomen von ARIA können Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Übelkeit, Erbrechen, Gang-/Standunsicherheit, Schwindelgefühl, Tremor, Sehstörungen, Sprachstörungen, Verschlechterung der kognitiven Funktion, Bewusstseinsveränderungen und Krampfanfälle gehören. ARIA-bedingte fokale neurologische Defizite können einen ischämischen Schlaganfall nachahmen [1].
Quellen
Sims JR et al.: Kisunla® in Early Symptomatic Alzheimer Disease: The TRAILBLAZER-ALZ 2 Randomized Clinical Trial. JAMA 2023; 330(6): 512–527.
Jessen F et al.: Efficacy and safety of donanemab in the European eligible population: TRAILBLAZER-ALZ 2 post-hoc analyses. The Journal of Prevention of Alzheimer's Disease 2026;13:100605. doi: https://doi.org/10.1016/j.tjpad.2026.100605.
TRAILBLZER-ALZ 2 Studie für die indizierte Population bestehend aus heterozygoten ApoE-ε4-Trägern und ApoE-ε4-Nichtträgern.
DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.) S3-Leitlinie Demenzen, Version 6.0, 24.02.2026, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013.
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