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Neue Studie: Drei Hürden erschweren eine frühe Alzheimer-Diagnose

  • Montag, 7. Juli 2025
  • Quelle: Lilly Deutschland GmbH

Welche Hindernisse stehen der frühzeitigen Diagnose einer leichten kognitiven Störung oder der Alzheimer-Krankheit im Weg? Die Ergebnisse einer neuen Real-World-Studie bieten aufschlussreiche Antworten und weisen auf Lösungsansätze hin, um die Alzheimer-Versorgung zu verbessern [1].

Bildhinweis: ©iStock / EyeEm Mobile GmbH / Symbolfoto

Internationale Studie untersucht Realität der Alzheimer-Diagnostik

Die Empfehlung 13 der aktuellen S3-Leitlinie Demenzen macht deutlich, dass Menschen mit Demenz-Erkrankungen eine zeitgerechte Diagnose ermöglicht werden soll [2]. Wie sieht es in der klinischen Praxis mit der frühzeitigen Diagnose einer leichten kognitiven Störung (mild cognitive impairment, MCI) und der Alzheimer-Krankheit aus? Eine vor kurzem publizierte Real-World-Studie ging dieser Frage nach und analysierte dazu Daten aus dem Adelphi Real World Dementia Disease Specific Programme [1].

Die Eckdaten der Real-World-Studie

Die Studienautorinnen und -autoren analysierten die Daten aus dem Zeitraum 2022 bis 2024 von insgesamt 779 Ärztinnen und Ärzten aus sieben Ländern [a] – darunter auch aus Deutschland. 44,1 % der Teilnehmenden kamen aus dem hausärztlichen und 55,9 % aus dem fachärztlichen Versorgungsbereich. Sie machten Angaben zu 5.551 von ihren behandelten Patientinnen und Patienten. 680 von ihnen waren aus Deutschland. Die in etwa gleich vielen Frauen wie Männer mussten die folgenden Einschlusskriterien erfüllen [1]:

  • Alter ≥ 50 Jahre

  • ärztlich bestätigte Diagnose einer MCI oder Demenz-Erkrankung mit Fokus auf der Alzheimer-Krankheit

Ausgeschlossen waren Menschen mit vaskulärer Demenz oder mit einer Demenz aufgrund von Umwelteinflüssen [1].

Befragung aus zwei Perspektiven

Die Fragen zur Diagnostik und Therapie von Demenz-Erkrankungen richteten sich an die Ärztinnen und Ärzte selbst – insbesondere [1]:

  • zum zeitgerechten Erkennen von Menschen mit MCI bzw. mit der Alzheimer-Krankheit

  • zu den Gründen für eine verzögerte Diagnose

  • zur Rolle biomarkergestützter Diagnostikmethoden

Darüber hinaus berichteten die Ärztinnen und Ärzte über Patientinnen und Patienten, die sie routinemäßig versorgten. Dabei ging es um [1]:

  • demographische und klinische Daten

  • die ärztliche Rollenverteilung (Erstgespräch, Diagnosestellung)

  • die Dauer bis zur Diagnose

  • die verwendeten Diagnostikmethoden

  • den Schweregrad der Erkrankung bei Diagnosestellung

  • die aktuelle Behandlung

Wichtige Erkenntnisse zur Versorgungsrealität in der Alzheimer-Diagnostik

Auf Basis dieser Befragungen kamen die Studienautorinnen und -autoren u. a. zu drei Ergebnissen [1].

1. Diagnosezeit von bis zu 22 Wochen

Im Rahmen der Studie wurde untersucht, wer das Erstgespräch mit den Patientinnen und Patienten führt, wer die Alzheimer-Diagnose stellt und wie lange es vom Erstgespräch bis zur Diagnose (Diagnosezeit) dauert [1]:

  • In 45 % der Fälle führten Hausärztinnen und Hausärzte das erste Gespräch und überwiesen zur weiteren Abklärung an den fachärztlichen Bereich [b], wo die Alzheimer-Diagnose gestellt wurde. Dieser häufigste Weg dauerte am längsten: Im Median verstrichen 22 Wochen vom Erstgespräch bis zur Diagnosestellung. Zu diesem Zeitpunkt betrug der durchschnittliche Score des Mini Mental Status Tests (MMST) 21,8.

  • Hausärztinnen und Hausärzte übernahmen bei 24 % der Patientinnen und Patienten das Erstgespräch und stellten im Median nach 9 Wochen die Alzheimer-Diagnose (durchschnittlicher MMST-Score 21,5).

  • Bei 23 % der Patientinnen und Patienten fanden Erstgespräch und Diagnosestellung im fachärztlichen Bereich [b] statt. Die mediane Diagnosezeit betrug 13 Wochen und der MMST-Score bei Diagnosestellung im Durchschnitt 21,5.

Fazit: Wenn die Betroffenen eine Überweisung in den fachärztlichen Bereich benötigten, konnte sich die Diagnosezeit in etwa verdoppeln. Die jeweils niedrigen durchschnittlichen MMST-Scores weisen zudem darauf hin, dass die Patientinnen und Patienten bei der Diagnosestellung bereits ein fortgeschrittenes Erkrankungsstadium (Alzheimer-Krankheit mit leichter Demenz) erreicht hatten [1].

2. Drei Gründe für das verspätete Erkennen einer MCI

Die Fachärztinnen und Fachärzte nannten Gründe, warum eine MCI nicht früher erkannt wurde [1].

  • 59,8 % der Befragten fanden, dass die Betroffenen verzögert nach Hilfe suchen, weil sie z. B. eine Stigmatisierung befürchten.

  • 40,7 % nannten das variable Erscheinungsbild der Patientinnen und Patienten bei der Erstvorstellung als diagnostische Schwierigkeit.

  • 26,4 % sind der Meinung, dass nicht schnell genug in die Neurologie überwiesen wird. In der Subgruppe aus Deutschland waren es sogar 46 %.

3. Biomarker werden von der Mehrheit geschätzt, aber wenig genutzt

Bei der biomarkergestützten Diagnostik fällt eine Diskrepanz auf: Während eine Mehrheit von 72,2 % der befragten Fachärztinnen und Fachärzte Biomarker für eine wichtige Diagnoseunterstützung hielten, wurden nur 15 % der Patientinnen und Patienten mit entsprechenden Testmethoden untersucht. Die Fachärztinnen und Fachärzte nannten dafür die folgenden Gründe:

  • 9,5 % verwendeten Liquor-Biomarker. Gegen diese Methode sprachen der invasive Eingriff, die eingeschränkte Eignung (nicht für alle Patientinnen und Patienten) sowie die Kosten.

  • 3,7 % nutzten die Amyloid-Positronen-Emissions-Tomografie (PET). Als Nutzungshürden wurden u. a. die Kosten und die nicht routinemäßige Verfügbarkeit der Amyloid-PET genannt.

5,3 % gaben an, Plasma-Biomarker [c] zu verwenden, die aufgrund ihrer Kosteneffizienz, Nichtinvasivität und allgemeinen Zugänglichkeit ein hohes Potenzial haben [1, 3-6].

Lösungsansätze für eine bessere Alzheimer-Diagnostik

Eine zeitgerechte Diagnose der Alzheimer-Krankheit ist die Voraussetzung für ein optimales Management der Erkrankung. Sie ist entscheidend, damit Patientinnen und Patienten frühestmöglich von Interventionen profitieren können, die eine Progression der Erkrankung verlangsamen können [1, 7]. Daher schlagen die Studienautorinnen und -autoren Lösungsansätze vor, um die MCI- und Alzheimer-Diagnostik zu verbessern:

  • stärkere Sensibilisierung älterer Menschen und ihrer Angehörigen für die Frühindikatoren einer MCI

  • mehr Unterstützung für den hausärztlichen und fachärztlichen Bereich bei Überweisungen, um die Diagnosezeit zu verkürzen

  • verbesserte Verfügbarkeit und vereinfachter Zugang zur biomarkergestützten Diagnostik

[a] Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Vereinigtes Königreich sowie Japan und die USA [1]

[b] Die drei häufigsten Facharztgruppen: Neurologie (63 %), Psychiatrie (19 %) und Geriatrie (8 %) [1]

[c] Plasma-Biomarker werden derzeit für den klinischen Einsatz evaluiert.

  1. Vasileva-Metodiev SZ et al.: J Alzheimers Dis 2025; 104(4): 1212-1234.

  2. DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.) S3-Leitlinie Demenzen, Version 5.0, 28.02.2025, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013, Zugriff am 05.05.2025.

  3. Hampel H et al.: Neuron 2023; 111(18): 2781-2799.

  4. Hansson O et al.: Nat Aging 2023; 3(5): 506-519.

  5. Brum WS et al.: Nat Aging 2023; 3(9): 1079-1090.

  6. Ashton NJ et al.: Alzheimers Dement 2023; 19(5): 1913-1924.

  7. Liss JL et al.: J Intern Med 2021; 290(2): 310-334.

    PP-AD-DE-0692

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