Update 2024: Jetzt sind es 14 Risikofaktoren für Demenzen
Hohe LDL-Cholesterin-Werte und unbehandelte Visusverluste sind zwei weitere modifizierbare Risikofaktoren für Demenzen. Zu diesem Ergebnis kommt die „Lancet Commission on dementia“ in ihrem jüngsten Bericht [1]. Was bedeuten diese Erkenntnisse für die klinische Praxis?

Demenz-Risikofaktoren: Neuer Lancet-Bericht mit verlängerter Liste
Ende Juli 2024 hat die „Lancet Commission on dementia“ ihren aktualisierten Bericht zur Prävention und Behandlung von Demenzen veröffentlicht. Darin hat sie neue Forschungserkenntnisse seit dem vorherigen Bericht aus dem Jahr 2020 zusammengefasst und zwei weitere potenziell modifizierbare Risikofaktoren für demenzielle Erkrankungen identifiziert [1, 2]:
ein hoher Wert für das Low Density Lipoprotein-Cholesterin (LDL-C)
ein unbehandelter Verlust des Sehvermögens
Diese insgesamt 14 Faktoren können das Demenzrisiko in jeweils unterschiedlichen Lebensphasen und Ausmaßen beeinflussen (Tab. 1) [1].
Tab. 1: Potenziell modifizierbare Risikofaktoren für demenzielle Erkrankungen, relevante Lebensphasen sowie prozentualer Anteil vermeidbarer Demenzfälle bei Elimination des jeweiligen Risikofaktors [1]

Hintergründe der neu identifizierten Risikofaktoren
Warum gehören Hypercholesterinämie und Visusverluste jetzt auch zu den potenziell modifizierbaren Risikofaktoren für Demenz? Die Lancet Commission erläuterte die zugrundeliegende Studienlage [1].
LDL-Cholesterin: Verbesserte Studienlage seit 2020
Zum Zeitpunkt des vorherigen Berichts war die Studienlage zum Einfluss des LDL-C auf die Demenzentwicklung nicht eindeutig – insbesondere hinsichtlich des dafür relevanten Lebensalters. Inzwischen wurde u.a. eine umfangreiche britische Metaanalyse veröffentlicht. Die eingeschlossenen Studienteilnehmenden waren alle jünger als 65 Jahre. Demnach nahm die Inzidenz für demenzielle Erkrankungen jeglicher Ursache um 8 % pro 1 mmol/l LDL-C-Anstieg zu (Effektgröße: 1,08; 95%-Konfidenzintervall (KI): 1,03-1,14; I2 = 0,3 %).
Weitere Studienergebnisse legen nahe, dass v. a. die Hypercholesterinämie im mittleren Lebensalter das Demenzrisiko steigert. Man vermutet, dass eine zu hohe LDL-C-Konzentration im Gehirn das Schlaganfallrisiko sowie die Ablagerung von Amyloid-β- und Tau-Protein erhöhen. Die Lancet Commission empfiehlt deshalb, erhöhte LDL-C-Werte bereits im mittleren Lebensalter zu erkennen und zu behandeln [1].
Visusverlust: Neu entdeckter Risikofaktor
Im Gegensatz zur Hypercholesterinämie hatte die Lancet Commission in ihrem Bericht 2020 unbehandelte Visusverluste noch nicht als Risikofaktor für Demenzen identifiziert. Jetzt liegen zahlreiche stichhaltige Hinweise dafür vor. So zeigten zwei Metaanalysen, dass ein Verlust des Sehvermögens mit einem gepoolten relativen Risiko (RR) für Demenzen jeglicher Ursache von 1,35 (95 %-KI: 1,28-1,41) bzw. 1,47 (95 %-KI: 1,36-1,60) assoziiert ist.
Dabei ist jedoch die Ursache des Visusverlusts entscheidend für das Demenzrisiko: Eine hohe Risikoassoziation besteht bei Katarakt und diabetischer Retinopathie, jedoch nicht bei Glaukom-Erkrankungen oder altersbedingter Makuladegeneration. Unklar ist, ob der Visusverlust an sich das Demenzrisiko erhöht oder ob Visusverluste und Demenzen gemeinsame Ursachen haben. Unabhängig davon fordert die Lancet Commission einen breiteren Zugang zu Seh-Screenings und zur Behandlung von Visusverlusten [1].
Was bringt es, diese Risikofaktoren zu reduzieren?
Die Lancet Commission nennt zahlreiche Maßnahmen, um die beschriebenen Risikofaktoren zu eliminieren, darunter [1]:
Lebensstilinterventionen wie Gewichtsreduktion, mehr Bewegung sowie der Verzicht auf das Rauchen und auf Alkohol.
Prävention oder verbesserte Behandlung von Diabetes, Bluthochdruck, Hypercholesterinämie, Depression sowie Hör- und Sehstörungen.
Verbesserungen in den gesamtgesellschaftlichen Bereichen Bildung, Sozialwesen sowie Unfall- und Umweltschutz.
Damit könnten demenzielle Erkrankungen dank der folgenden Mechanismen verhindert oder hinausgezögert werden [1]:
Abnahme vaskulärer Schäden
Verringerung Demenz-assoziierter neuropathologischer Prozesse
Reduktion von Stress und Inflammation
Aufbau kognitiver Reserven im Gehirn
Mit der vollständigen Eliminierung aller 14 Risikofaktoren ließen sich nach Meinung der Lancet Commission rechnerisch 45 % der Demenzfälle vermeiden. Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass die genannten Veränderungen schwierig umzusetzen und einige Zusammenhänge möglicherweise nur teilweise kausal sind. Sie zeigen jedoch, wie der Einzelne sein Demenzrisiko verringern kann und sie erklären, wie politische Maßnahmen die Demenzprävention verbessern könnten. [1].
S3-Leitlinie Demenzen: Umgang mit Risikofaktoren in der klinischen Praxis
Wie beeinflussen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Risikofaktoren die Demenzbehandlung in der klinischen Praxis? Die aktuelle S3-Leitlinie Demenzen hat den vorherigen Bericht der Lancet Commission im Sinne eines starken Expertenkonsenses aufgegriffen. Demnach wird empfohlen, potenziell modifizierbare Risikofaktoren für eine Demenz bei der Beratung zur Demenzprävention zu berücksichtigen (Empfehlung 109) [3].
Außerdem geht die S3-Leitlinie mit einer separaten Empfehlung auf den modifizierbaren Risikofaktor Hypertonie ein. Die Autorinnen und Autoren schlagen vor, Bluthochdruck auch mit dem Ziel einer Senkung des Risikos für Demenz zu behandeln (Empfehlung 108) [3].
Alzheimer-Krankheit: Risikoreduktion durch antihypertensive Therapie
Für die Leitlinienempfehlung zur Hypertoniebehandlung als Demenzprävention sprechen die Ergebnisse einer gerade publizierten Metaanalyse mit Daten von über 31.000 Teilnehmenden aus 14 Ländern. Lennon et al. 2024 untersuchten, inwieweit eine frühere antihypertensive Therapie im höheren Lebensalter (Altersdurchschnitt bei Baseline: 72,1 ± 7,5 Jahre) das Risiko für die Alzheimer-Krankheit im Vergleich zu anderen Demenzformen beeinflussen kann. Es stellte sich heraus, dass Menschen mit einem unbehandelten Bluthochdruck ein signifikant höheres Risiko für die Alzheimer-Krankheit haben als „gesunde Kontrollpersonen“ (+36 %; Hazard Ratio (HR): 1,36; 95 %-KI: 1,01–1,83; p = 0,0406) und als Menschen unter einer antihypertensiven Therapie (+42 %; HR: 1,42; 95 %-KI: 1,08–1,87, p = 0,0135). Dagegen waren sowohl eine behandelte wie auch unbehandelte Hypertonie im Vergleich zu Gesunden gleichermaßen mit einem erhöhten Risiko für andere demenzielle Erkrankungen als die Alzheimer-Krankheit assoziiert. Diese Ergebnisse deuten an, dass eine blutdrucksenkende Therapie auch im höheren Lebensalter v. a. das Risiko für die Alzheimer-Krankheit minimieren kann [4].
Literatur
Livingston G, et al.: Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. Lancet. 2024; 404(10452): 572-628. doi: 10.1016/S0140-6736(24)01296-0
Livingston G, et al.: Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission. Lancet. 2020; 396(10248): 413-446. doi: 10.1016/S0140-6736(20)30367-6
DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.) S3-Leitlinie Demenzen, Version 4.0, 8.11.2023, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013, Zugriff am 19.08.2024
Lennon MJ, et al.: Blood Pressure, Antihypertensive Use, and Late-Life Alzheimer and Non-Alzheimer Dementia Risk: An Individual Participant Data Meta-Analysis. Neurology. 2024; 103(5): e209715. doi: 10.1212/WNL.0000000000209715
PP-AD-DE-0298