Aktuelles RKI-Jahrbuch: Infektionsepidemiologie im Zeichen der Normalisierung – aber mit anhaltend hoher Dynamik
Das kürzlich veröffentlichte „Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2024“ des Robert Koch-Instituts zeigt, dass sich im Jahr 2024 das Infektionsgeschehen in Deutschland nach der Pandemie weiter normalisiert hat. Die Situation blieb jedoch durch respiratorische Erreger, steigende Fallzahlen in mehreren Bereichen und neue epidemiologische Dynamiken anspruchsvoll.

Rückkehr zur „postpandemischen Normalität“ – mit Einschränkungen
Das Robert Koch-Institut beschreibt im aktuellen Jahrbuch, das die Meldedaten von Januar bis Dezember 2024 auswertet, eine fortschreitende Normalisierung nach den COVID-19-Jahren. Die pandemiebedingten Verzerrungen in Surveillance, Diagnostik und Inanspruchnahme des Gesundheitswesens nehmen ab, wodurch epidemiologische Trends wieder verlässlicher interpretierbar werden.
Eine generelle Entspannung der infektionsepidemiologischen Lage lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Vielmehr zeigt sich ein heterogenes Infektionsgeschehen mit teils gegenläufigen Entwicklungen einzelner Erregergruppen – etwa einem Rückgang von COVID-19 bei gleichzeitigem Anstieg anderer respiratorischer, impfpräventabler und reiseassoziierter Infektionen.
Respiratorische Infektionen dominieren weiterhin
Im Jahr 2024 standen erneut respiratorisch übertragbare Infektionen im Vordergrund. Die Zahl der gemeldeten COVID-19-Fälle ging auf etwa 250.000 zurück und lag damit deutlich unter den Vorjahreswerten, was nicht zwingend auf eine Abnahme des Infektionsgeschehens zurückzuführen ist, sondern wahrscheinlich unter anderem auch auf einen Rückgang der Testaktivität.
Parallel dazu nahm die Zirkulation anderer respiratorischer Erreger wieder deutlich zu. Influenzameldungen erreichten im Jahr 2024 mit rund 218.000 Fällen mehr als doppelt so hohe Werte wie im Jahr 2023. Für RSV lagen nach Einführung der Meldepflicht erstmals Jahresdaten vor, mit etwa 46.500 Fällen.

Impfpräventable Erkrankungen: zunehmende Relevanz bei Impflücken
Auch andere impfpräventable Erkrankungen gewannen 2024 wieder an Bedeutung, wobei die Mehrzahl der Fälle erwartungsgemäß bei ungeimpften Personen auftraten. Die Fallzahl invasiver Pneumokokken-Infektionen nahm deutlich zu.
Besonders relevant ist die Entwicklung bei Masern mit 645 registrierten Erkrankungen. Damit wurde die von der WHO definierte Zielinzidenz von unter 0,1 pro 100.000 Einwohner klar verfehlt.
Ein epidemiologisch bemerkenswertes Ereignis war zudem ein familiärer Ausbruch respiratorischer Diphtherie mit zwei Fällen, darunter ein tödlicher Verlauf bei einem Kind. Es handelte sich um den ersten Nachweis einer autochthonen Übertragung in Deutschland seit mehreren Jahrzehnten.
Sexuell und durch Blut übertragbare Infektionen auf hohem Niveau
Bei sexuell und durch Blut übertragbaren Infektionen zeigte sich eine weiterhin steigende oder stabile Dynamik.
Erstmals wurden rund 1.100 Fälle von Neisseria gonorrhoeae mit verminderter Empfindlichkeit gegenüber zentralen Leitlinienantibiotika dokumentiert. Auch die Meldezahlen von Syphilisinfektionen blieb auf einem hohen Niveau.
Für Hepatitis B und C wurden ähnliche Fallzahlen wie im Vorjahr registriert, wobei ein erheblicher Anteil chronische Verläufe betraf. HIV-Neudiagnosen verharrten ebenfalls auf konstant hohem Niveau.
Gastrointestinale Infektionen: deutliche Zunahmen
Im Bereich gastrointestinaler Infektionen kam es bei mehreren Erregern zu teils deutlichen Anstiegen.
EHEC-Infektionen erreichten mit etwa 4.500 Fällen einen Höchststand. Auch Shigellosen nahmen deutlich zu und überschritten mit über 2.200 Fällen den Vorjahreswert klar.
Kryptosporidien-Infektionen lagen mit rund 3.300 Fällen ebenfalls auf einem Rekordniveau. Campylobacter blieb mit knapp 46.000 Fällen die häufigste bakterielle Durchfallerkrankung.
Ein Teil dieser Zunahmen ist vermutlich auf Änderungen der Falldefinition sowie dem vermehrten Einsatz sensitiver Multiplex-PCR-Diagnostik zurückzuführen.
Reiseassoziierte und vektorübertragene Infektionen im Aufwärtstrend
Reiseassoziierte Infektionen nahmen 2024 gegenüber 2023, aber auch gegenüber der Vor-Pandemiezeit deutlich zu. Denguefieber erreichte mit etwa 1.700 Fällen den höchsten Wert seit Einführung der Meldepflicht. Auch Malaria-Fälle stiegen auf über 900 an.
Parallel dazu nahmen auch in Deutschland durch Vektoren übertragene Erkrankungen zu. Neben FSME mit rund 700 Fällen wurde mit 35 Fällen die bislang höchste Zahl autochthoner West-Nil-Fieber-Infektionen registriert.
Antimikrobielle Resistenzen bleiben eine zentrale Herausforderung
Antimikrobielle Resistenzen (AMR) behalten eine hohe Relevanz. Nach zuvor rückläufigen Zahlen wurde bei invasiven MRSA-Infektionen erneut ein leichter Anstieg beobachtet.
Auch Infektionen mit Enterobacterales mit verminderter Carbapenem-Empfindlichkeit erreichten ein neues Hoch seit Einführung der Meldepflicht.
Erstmals liegen zudem vollständige Jahresdaten zu invasiven Infektionen mit Candidozyma auris vor, mit insgesamt 20 gemeldeten Fällen.
Konsequenzen für die ärztliche Praxis
Das Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2024 (Stand. 02.04.2026) zeigt ein insgesamt dynamisches, sich teilweise neu ausdifferenzierendes Infektionsgeschehen. Für die ärztliche Praxis ergeben sich mehrere zentrale Implikationen:
Respiratorische Infektionen bleiben eine wesentliche Belastung, während gleichzeitig
andere Infektionskrankheiten wieder an Bedeutung gewinnen.
Impfprävention, rationale Diagnostik und konsequente Meldepraxis bleiben zentrale Säulen der Infektionskontrolle.
Zugleich unterstreichen die Daten die Notwendigkeit, epidemiologische Entwicklungen kontinuierlich zu verfolgen und in klinische Entscheidungsprozesse zu integrieren.
Quelle: Robert Koch-Institut (RKI): Infektionsepidemiologische Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2024. Stand: 02.04.2026; https://doi.org/10.25646/14103