Immunantwort im Geschlechtervergleich: Warum Impfungen bei Frauen oft wirksamer sind
Frauen entwickeln nach Impfungen im Durchschnitt oft robustere Immunantworten als Männer. Eine aktuelle Studie des Bernhard-Nocht-Instituts zeigt nun einen möglichen zellulären Mechanismus dahinter: bestimmte Monozyten arbeiten bei Frauen offenbar effizienter.

Was bisher über geschlechtsspezifische Impfantworten bekannt war
Seit Langem ist gut belegt, dass Frauen nach Impfungen höhere Antikörperspiegel erreichen und oft auch ausgeprägtere T‑Zell-Antworten zeigen. Dieses Muster findet sich bei verschiedenen Impfstofftypen und betrifft sowohl die humorale als auch die zelluläre Immunität. Bisher wurden diese Unterschiede vor allem hormonell erklärt, etwa durch die dämpfende Wirkung von Testosteron. Die neuen Daten machen jedoch deutlich, dass auch die Immunzellen selbst geschlechtsspezifische Eigenschaften besitzen.
Monozyten im Fokus: Zellen, die die Immunantwort „anschalten“
Im Mittelpunkt der Untersuchung standen Monozyten. Diese bilden eine wichtige Schnittstelle zwischen angeborener und adaptiver Immunität, weil sie Impfstoffbestandteile aufnehmen, verarbeiten und anschließend T‑Zellen präsentieren.
Ein wichtiger Mechanismus dabei ist die Aufnahme von Antigen-Antikörper-Komplexen. Monozyten besitzen dafür spezielle Andockstellen auf ihrer Oberfläche, sogenannte Fc-gamma-Rezeptoren. Diese erkennen den „Fuß“ (Fc-Teil) von IgG-Antikörpern und ermöglichen es der Zelle, solche Komplexe gezielt aufzunehmen und weiterzuverarbeiten.
Ein besonders effizienter Vertreter dieser Familie ist der Rezeptor CD64, da er eine hohe Affinität zu IgG-Antikörpern aufweist und Antigen-Antikörper-Komplexe daher besonders effektiv binden kann.
Warum Monozyten bei Frauen effizienter arbeiten
Die Studie zeigt, dass Frauen eine höhere Zahl CD64-exprimierender Monozyten aufweisen und dass dieser Rezeptor auf den einzelnen Zellen in stärkerer Dichte vorhanden ist. Dadurch können die Zellen Antigene effizienter aufnehmen und weiterverarbeiten.
Diese Befunde basieren auf Analysen von Immunzellen aus dem Blut gesunder Probandinnen und Probanden und werden durch ergänzende Experimente im Mausmodell gestützt, in denen sich ein vergleichbares Muster ergab.
Stärkere Aktivierung von T‑Zellen bei Frauen
Entscheidend ist nicht nur die Anzahl CD64-exprimierender Monozyten, sondern auch deren funktionelle Leistungsfähigkeit. In den experimentellen Untersuchungen aktivierten Monozyten weiblichen Ursprungs CD4⁺-T-Zellen deutlich stärker als männliche. Auch CD8⁺-T-Zellen wurden intensiver stimuliert, wobei dieser Effekt offenbar zusätzlich durch CD64-unabhängige Mechanismen vermittelt wird.
Im Tiermodell zeigte sich zudem, dass Monozyten nach intramuskulärer Impfung bei weiblichen Tieren schneller und in größerer Zahl an den zentralen Orten der Immunantwort auftreten – sowohl an der Injektionsstelle als auch in den drainierenden Lymphknoten. Dadurch kommt es früher und häufiger zum Kontakt mit weiteren Immunzellen, sodass die Immunantwort insgesamt rascher und stärker initiiert wird.
Hormonelle Einflüsse – ein Teil des Gesamtbildes
Hormonelle Faktoren bleiben dennoch relevant. Wird Testosteron bei männlichen Tieren reduziert, verstärkt sich die Monozytenantwort nach Impfung. Dies bestätigt die bekannte immunsuppressive Wirkung von Androgenen auf zentrale Komponenten der Immunantwort.
Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass hormonelle Einflüsse die beobachteten Unterschiede nicht vollständig erklären können. Vielmehr sprechen die Daten dafür, dass auch intrinsische Eigenschaften der Immunzellen selbst maßgeblich zur geschlechtsspezifischen Ausprägung der Impfantwort beitragen.
Bedeutung für Praxis und Impfstoffentwicklung
Für die klinische Praxis und die Impfstoffentwicklung sind die Ergebnisse von hoher Relevanz. Sie verdeutlichen, dass das biologische Geschlecht die Impfantwort auf mehreren Ebenen beeinflusst – von der Antigenaufnahme durch angeborene Immunzellen bis zur Aktivierung der adaptiven Immunität.
Dieses Wissen könnte langfristig dazu beitragen, Impfstoffe differenzierter zu entwickeln oder anzupassen, etwa im Hinblick auf Dosierung, Antigenformulierung oder den Einsatz von Adjuvanzien. Auch für die Interpretation klinischer Impfstudien sowie von Wirksamkeits- und Nebenwirkungsprofilen ist die Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede von Bedeutung.
Darüber hinaus eröffnen die Befunde eine breitere Perspektive jenseits der Impfstoffforschung. Sie könnten zum Beispiel auch zum besseren Verständnis beitragen, warum Autoimmunerkrankungen bei Frauen häufiger auftreten und ebenfalls mit Veränderungen in Monozytenpopulationen assoziiert sind.
Fazit
Die Studie liefert eine plausible zelluläre Erklärung für die stärkere Impfantwort bei Frauen: CD64-positive Monozyten sind bei ihnen häufiger und funktionell aktiver. Dies ist mit einer effizienteren Antigenaufnahme sowie einer verstärkten Aktivierung von T-Zellen verbunden. Der beschriebene Mechanismus könnte perspektivisch dazu beitragen, Impfstrategien gezielter an biologische Geschlechtsunterschiede anzupassen.
Quelle (Originalpublikation): Hansen CS et al.: Sex shapes CD64 expression and vaccine-induced monocytic responses. Biol Sex Differ 2026; 17(1): 77; https://doi.org/10.1186/s13293-026-00897-7